ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2003Wissenschaftsaustausch: Tunis ruft Kiel

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Wissenschaftsaustausch: Tunis ruft Kiel

Dtsch Arztebl 2003; 100(45): A-2972 / B-2468 / C-2312

Schultze, Jürgen

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LNSLNS Die Kollegen von der Strahlentherapie-Abteilung der Medizinischen Fakultät in Tunis hatten über Medline erfahren, dass an der Kieler Universität gute Erfahrungen mit der Strontium-Kontaktbehandlung gutartiger Erkrankungen des vorderen Augenabschnitts vorliegen. Da die Universität Tunis soeben von der Internationalen Atomenergieorganisation (IAOE) mit Strontium 90-Augenapplikatoren ausgerüstet worden war, baten uns die Nordafrikaner um Ausbildungshilfe.
Tunesien hat 9,8 Millionen Einwohner; jährlich erkranken etwa 8 000 Menschen neu an Krebs. In den Städten Tunis, Sousse, Monastir und Sfax wird eine Strahlentherapie vorgehalten. Größte Einrichtung ist das Institut Salah Azaiz der Medizinischen Fakultät der Universität Tunis, das Prof. Dr. Mongi Maalej leitet. Das Institut ist Lehreinrichtung der Universität und nationales Tumorbehandlungs- und Forschungszentrum. Die technische Ausrüstung entspricht, gemessen an deutschen Verhältnissen, in etwa dem Stand von vor 20 Jahren. Benutzt werden ein Linearbeschleuniger, zwei Kobaltgeräte sowie zwei Iridium- und Cäsium-Afterloadinggeräte. Zusätzlich sind alte Röntgentherapiegeräte im Einsatz. Fünf Ärzte, ein Physiker und 17 medizinisch- technische Assistenten behandeln die Patienten. Darüber hinaus gibt es eine Station mit 20 Betten für Patienten mit Radio-/Chemotherapien oder interstitiellen/endokavitären Brachytherapien.
In Tunesien erhalten nur etwa 35 Prozent der Tumorpatienten eine Strahlentherapie. In Deutschland liegt dieser Anteil bei 60 bis 70 Prozent. Dies ist umso bedenklicher, weil in Tunesien die fortgeschrittenen Tumorerkrankungen in der Überzahl sind: Mammakarzinome werden zum Beispiel erst bei einer Durchschnittsgröße von 5,5 Zentimetern diagnostiziert. Kapazitätsausweitungen sind aus Geldmangel nicht zu erwarten. Dies ist für die Ärzte frustrierend, weil sie via Internet über die internationalen Behandlungsstandards gut informiert sind.
Die Ärzte sind täglich gezwungen zu improvisieren. Trotzdem sind in Tunis inzwischen Ganzkörperbestrahlungen für die Knochenmarktransplantation, interdisziplinäre Behandlungen der Weichteilsarkome und Telebrachytherapien von Kopf-Hals-Tumoren möglich. Die Behandlungsergebnisse werden wissenschaftlich aufgearbeitet und publiziert, sodass die Welt­gesund­heits­organi­sation das Institut Salah Azaiz zum regionalen Referenzzentrum für die Behandlung des Mamma- und des Kollumkarzinoms ernannt hat.
Die mit der Klinik für Strahlentherapie der Universität Kiel vereinbarte Kooperation bezieht sich auf technische Beratung und Ausbildungshilfe bei der Behandlung des Pterygiums, einer gutartigen Bindehautproliferation im vorderen Augenabschnitt. Sie kommt vor allem in sonnenreichen, heißen und staubigen Regionen vor. Wächst das Pterygium vom Limbus bis zur Hornhautmitte, beeinträchtigt dies das Sehvermögen. In diesem Fall ist eine operative Resektion angezeigt, um die volle Sehfähigkeit wieder herzustellen. Da die alleinige chirurgische Therapie mit hohen Rezidivraten belastet ist, wird zur Verbesserung der Behandlungsergebnisse unter anderem die adjuvante Strahlentherapie genutzt.
Ein erster Besuch in Tunis sollte dazu dienen, die eigenen Behandlungsergebnisse und Techniken vorzustellen. Die Tunesier gingen dabei pragmatisch vor: In der Altstadt wurde ein Kalbskopf erworben, an dem die Behandlung demonstriert werden sollte. Inzwischen hat sich der Austausch mit Tunis erheblich intensiviert. Wiederholt konnten strahlentherapeutische und ophthalmologische Kollegen mit Stipendien der IAEO, der Professor Dr. Werner Petersen-Stiftung oder auf Einladung der Christian-Albrechts-Universität in Kiel hospitieren. Ab November 2003 wird erstmals eine tunesische Assistenzärztin ein Jahr ihrer Weiterbildung zur Fachärztin für Strahlentherapie an der Kieler Klinik absolvieren. Im Gegenzug halten die Kieler Gastvorträge an den medizinischen Fakultäten Tunesiens und beraten bei der Beschaffung neuen Geräts. Das Beispiel Tunesien zeigt, dass auch mit eingeschränkten technischen und finanziellen Mitteln gute Medizin praktiziert werden kann. Dr. Jürgen Schultze
Klinik für Strahlentherapie, Kiel
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