ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2003KBV-Symposium zum Thema Wettbewerb: In den Startlöchern

POLITIK

KBV-Symposium zum Thema Wettbewerb: In den Startlöchern

PP 2, Ausgabe November 2003, Seite 494

Rieser, Sabine

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Diskussionsrunde mit (von links) Robbers,Wasem, Hoberg, Hansen, Mickley und Moderator Dr. Andreas Lehr Foto: Roland Ilzhöfer
Diskussionsrunde mit (von links) Robbers,Wasem, Hoberg, Hansen, Mickley und Moderator Dr. Andreas Lehr
Foto: Roland Ilzhöfer
Manche nennen es noch Spielwiese, andere schon Geschäft – in die Integrierte Versorgung scheint Bewegung zu kommen.

Hart, aber fair in der Sache“: So beschrieb Dr. med. Leonhard Hansen Ende Oktober in Berlin, was den Charakter der neuen Symposiumsreihe „KBV kontrovers“ der Kassenärztlichen Bundesvereinigung prägen soll. Hansen, Zweiter Vorsitzender der KBV, kündigte für den Auftakt mehrere Diskussionsrunden zum Thema „Wie weit geht der Wettbewerb?“ an und versicherte: „Bei uns wird gleich nach meiner Begrüßung losgestritten.“
So heftig kam es nicht. Doch Eintracht strahlten Birgitt Bender, gesundheitspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, und Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm erwartungsgemäß nicht aus. Der Erste Vorsitzende der KBV warnte vor den Folgen unfairen Verhaltens für Ärzte und Patienten im Wettbewerb, die Grüne fand viele Bedenken überzogen. „Jeder steht im Wettbewerb mit seinem Kollegen um die Ecke“ – schon diese Feststellung Richter-Reichhelms überzeugte sie nicht. Die Ärzte beklagten doch selbst, dass dieser Wettbewerb nicht optimal sei, widersprach sie, und dass Patienten eben zum Kollegen gingen, wenn sie ein gewünschtes Rezept nicht bekämen. Deshalb müsse man eben Wettbewerb übers Vertragsgeschehen erzeugen.
Der KBV-Vorsitzende konterte: Leichtfertiges Verschreiben gebe es in Zeiten von Richtgrößen und Praxisbudgets nicht. Und er sorge sich, dass die Krankenkassen die neuen Möglichkeiten der Vertragsgestaltung nutzten, um Rosinenpickerei zu betreiben. Dies könne zu „brutalem Druck ökonomischer Art“ führen.Bender signalisierte an diesem Punkt gewisses Verständnis. Für Krankenkassen dürfe es „nicht einfach freie Wildbahn“ geben, sprich: Risikoselektion. Die Vertragsärzte hätten im Versorgungsgeschehen aber durchaus Marktmacht: „Ich glaube nicht, dass man sich für die Ärzte fürchten muss.“
Kontrovers gestaltete sich auch die Diskussionsrunde mit Dr. med. Leonhard Hansen, Dr. Rolf Hoberg (stellvertretender Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands), Birgit Mickley (Referatsleiterin im Ge­sund­heits­mi­nis­terium Nordrhein-Westfalen), Jörg Robbers (Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft) und Prof. Dr. Jürgen Wasem (Lehrstuhl für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen). Wer wie schnell mit welchen Zielen die erweiterten Möglichkeiten zur Integrierten Versorgung nutzen wird – darüber gingen die Meinungen auseinander.
Bei großen Krankenhausträgern liegen die Blaupausen quasi schon in der Schublade, behauptete Mickley: „Die werden vorneweg laufen.“ Das liege vor allem daran, dass diese Anbieter strukturell bessere Voraussetzungen hätten als ambulant tätige Ärzte: Es sei ihnen leichter möglich, Schnittstellen und Arbeitsbereiche zu definieren, Kosten und interne Vergütungen zu kalkulieren, aber auch Pilotprojekte zu starten und zu steuern. Bei den Vertragsärzten ist ein vergleichbares Engagement für Mickley nicht in Sicht: „Ich erkenne keine Vision, wo sie 2010 oder 2015 stehen wollen.“ Dies sei bedauerlich. Denn vieles wäre angesichts einer zunehmenden Zahl alter, multimorbider Menschen ihrer Meinung nach im ambulanten Bereich besser aufgehoben als im stationären.
Prof. Wasem gab ihr teilweise Recht: Die Krankenhäuser machten sich „wie die Wilden auf den Weg“. Das sei aber erst einmal nur ein Startvorteil, der nicht zwangsläufig zur Dominanz führen müsse. Widerspruch kam von Hansen. Er glaubt, dass eher die kleinen Kliniken das Rennen machen werden: „Die sind viel aktiver.“ Ihnen gehe es nämlich darum, sich das Überleben zu sichern, wenn infolge des neuen Fallpauschalensystems Spezialisierung immer wichtiger werde.
Genau dies beäugen die Krankenkassen mit Argwohn. Hoberg unterstrich, dass es bei Kooperationen um eine bessere Versorgung der Patienten gehe und nicht darum, dass sich Anbieter Marktanteile sicherten. Dass die Krankenhäuser die ambulante Versorgung so gut beherrschten wie die stationäre, daran habe er „große Zweifel“. Auf jeden Fall bestehe erheblicher Bedarf an niedrigschwelligen Integrationsansätzen, beispielsweise unter Einbindung von Hausärzten, Pflegediensten und Anbietern sozialer Hilfen: „Da passiert viel zu wenig.“
DKG-Hauptgeschäftsführer Robbers verteidigte engagiert die Kliniken, die interessierte Blicke auf die ambulante Versorgung werfen: „Warum soll ein Krankenhaus die Versorgung einer Brustkrebspatientin nicht schultern und steuern können?“ Hektik und Sorgen ob der Motive von Anbietern sind seiner Meinung nach aber fehl am Platz: Integrationsmodelle würden nur zögerlich anlaufen, „weil die Partner erst einmal miteinander umgehen lernen müssen“. Sabine Rieser
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