ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2003Disease-Management-Programme: Noch immer in der Warteschleife

POLITIK

Disease-Management-Programme: Noch immer in der Warteschleife

PP 2, Ausgabe November 2003, Seite 495

Gerst, Thomas

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Mit seinen detaillierten Anforderungen an strukturierte Behandlungsprogramme hat der Verordnungsgeber bürokratische Hürden errichtet, die nur mühsam überwunden werden können.

Seit Ende April liegt die Rechtsverordnung mit den Anforderungen an strukturierte Behandlungsprogramme zur koronaren Herzkrankheit vor. Von einer Umsetzung scheint man weit entfernt, sind doch die Akteure im Gesundheitswesen noch intensiv damit beschäftigt, die bereits vertraglich vereinbarten Disease-Management-Programme (DMP) Diabetes mellitus Typ 2 und Brustkrebs ans Laufen zu bekommen. Zunehmend macht sich Frustration breit, und der Vorschlag eines Referenten auf der Euroforum-Konferenz zum Thema DMP am 9. Oktober in Bonn, als Nächstes ein DMP Depression in Angriff zu nehmen, ist charakteristisch für die Stimmungslage vieler Beteiligter. Als ein Sündenbock muss das Bundesversicherungsamt (BVA) herhalten, dem die Überprüfung und Akkreditierung der DMP-Verträge obliegt. Da die Rechtsverordnungen zu Diabetes und Brustkrebs mit ihren expliziten Vorgaben zur Therapie fast schon Leitliniencharakter haben, bleibt dem BVA jedoch nichts anderes übrig, als in streng bürokratischer Manier deren Übereinstimmung mit den regional vereinbarten DMP-Verträgen zu überprüfen. Geradezu absurd mutet es allerdings an, wenn bereits bestehende strukturierte Versorgungsangebote qualitativ „abgespeckt“ werden müssen, um den Erfordernissen eines DMP auf Grundlage der Rechtsverordnung genügen zu können.
Ein Hindernis auf dem Weg zur Akkreditierung von Verträgen zwischen Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen stellt immer noch die Abwicklung des Datenflusses dar. Hier bedarf es einer Vielzahl von Einzelverträgen über die Einrichtung einer Datenstelle und die Regelung der Zugriffsrechte, die jeweils vom BVA genehmigt werden müssen. So kann es nicht verwundern, dass von den bisher mehr als 1 000 beim BVA vorliegenden Anträgen auf Durchführung von DMP Diabetes und Brustkrebs nur einige wenige bereits zugelassen wurden.
Fraglich ist zudem, wie es um die Motivation der niedergelassenen Ärzte bei der Einwerbung von DMP-Teilnehmern bestellt ist, solange zeitraubender Dokumentationsaufwand – vor allem aufgrund fehlender oder unzureichender EDV-Einbindung – und zusätzliche Vergütung in einem krassen Missverhältnis stehen. So scheitert bisher eine Online-Übermittlung der Dokumentationsbögen an die Datenstelle am Einspruch des BVA, weil hierbei – anders als in den entsprechenden Rechtsverordnungen vorgesehen – die Unterschrift des Patienten fehlt.
Hohe Verwaltungskosten
Auch bei den Ortskrankenkassen (AOK) scheint allmählich Ernüchterung in Sachen DMP einzukehren. Gerhard Kruse, AOK Schleswig-Holstein, ist davon überzeugt, dass zumindest im nächsten Jahr die zusätzlich durch DMP entstehenden Kosten höher sein werden, als an Geldzu-
fluss durch die Umverteilung der Behandlungskosten über den Risiko­struk­tur­aus­gleich (RSA) zu erwarten ist. Bei einer Einschreibquote von 30 Prozent der Versicherten in das DMP Diabetes summierten sich die jährlichen Kosten (Verwaltungskosten, Kommunikation, Datenmanagement, Entwicklung, Schulung, Dokumentation) auf rund 150 Euro je DMP-Teilnehmer. Sollten nur zehn Prozent der Diabetiker in das DMP eingeschrieben werden, wären die reinen Verwaltungskosten je Patient höher als die Ausgaben für Schulung und Dokumentation. Die Verknüpfung mit dem RSA führe jedoch dazu, dass sich Krankenkassen selbst dann, wenn sie vom Nutzen der DMP nicht überzeugt sind, daran beteiligen müssen, weil sie sonst unwirtschaftlich handeln würden. Unter diesem Zwang sähen sich die Krankenkassen zudem mehr und mehr in einer ungünstigen Verhandlungsposition gegenüber den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen).
Auch Prof. Dr. med. Bertram Häussler, Geschäftsführer des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung in Berlin, hält die Anbindung von Disease-Management-Programmen an den RSA für wenig sinnvoll. Zwar könnten DMP gesundheitlichen Nutzen stiften und zur Vermeidung ineffizienter Behandlung von Krankheitsfällen beitragen; unabdingbar sei aber eine individuelle Potenzialermittlung, bei welchem Patienten konkret ein Behandlungserfolg mit DMP wahrscheinlich ist. So seien etwa von Diabetes mellitus Typ 2 insbesondere ältere Menschen aus sozial schwachen Schichten betroffen, sodass eine spezielle Ausrichtung der Behandlungsprogramme notwendig erscheint. Ein solcher eher individueller Ansatz stehe aber den ökonomischen Interessen der Krankenkassen nach Einschreibung möglichst vieler Patienten in ein DMP entgegen.
Vorerst keine Einsparungen
Die Vorstellung, mit Disease-Management-Programmen kurzfristig Kosten zu verringern, hält Häussler für illusionär. Wirksame Programme seien betreuungs- und kostenintensiv, und nur unter optimalen Bedingungen sei langfristig eine Ausgabenentlastung vorstellbar. Hochrechnungen zufolge führe der ideale Verlauf eines DMP Diabetes mellitus Typ 2 aufgrund von vermiedenen Krankheitsfällen kurzfristig zu jährlichen Einsparungen in Höhe von 154 Millionen Euro. Dem stünden zusätzlich entstehende DMP-Kosten in Höhe von 294 Millionen Euro jährlich gegenüber, wobei die Ausgaben für Arzneimittel noch nicht einmal berücksichtigt sind. Für diejenigen Ärzte, die aufgrund DMP-konformer Medikamentenverordnung ihr Arzneimittelvolumen überschreiten, forderte Markus März, KV Hessen, eine Befreiung vom Regress. Grundsätzlich sieht er unter den gegenwärtigen Bedingungen in den KVen keine Akzeptanz mehr für die Umsetzung von DMP. Thomas Gerst
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