ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2003Telematik im Gesundheitswesen: Aufbruchstimmung im Kartenland

POLITIK

Telematik im Gesundheitswesen: Aufbruchstimmung im Kartenland

PP 2, Ausgabe November 2003, Seite 497

Krüger-Brand, Heike E.

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Die gesetzlichen Grundlagen für die breite Einführung von Gesundheitstelematik sind geschaffen, der Zeitplan steht. Die Erleichterung, dass sich endlich etwas bewegt, überwiegt die Skepsis angesichts der überaus ehrgeizigen Ziele.

Statt der gewohnten Klagen über Stagnation und fehlende Kooperation so viel Optimismus und gegenseitiges Schulterklopfen wie nie unter den Experten: Der Kongress „eHealth 2003 – Telematik im Gesundheitswesen – Vernetzte Versorgung“ setzte hoffnungvolle Akzente in der gegenwärtig sonst eher trüben Reformstimmung. „2003 war ein erfolgreiches Jahr für E-Health dank der Anstrengungen von Selbstverwaltung, Industrie, Politik, Datenschutz und der Kooperation der Länder“, sagte Dr. Klaus Theo Schröder, Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS) in seiner Eröffnungsrede bei der Veranstaltung in Dresden. Die Rechtsgrundlagen für den Einstieg in die Gesundheitstelematik lägen mit dem Gesetz zur Modernisierung der Kran­ken­ver­siche­rung (GMG) vor.
Wichtige Vorarbeiten
Zur erfolgreichen Zwischenbilanz gehört, dass das BMGS im Rahmen des „Bit4Health“-Projekts einen Planungsauftrag an ein Konsortium vergeben hat, der den Aufbau einer Rahmenarchitektur und einer Sicherheitsinfrastruktur für die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte zum 1. Januar 2006 vorsieht. Mit einem Volumen von 5,3 Millionen Euro handele es sich um das größte IT-Vorhaben, das vom BMGS je in seiner Geschichte in Auftrag gegeben worden sei, betonte Dr. Gottfried Dietzel für das Ministerium.
Auch die Selbstverwaltung hat einen Planungsauftrag für den modularen Aufbau einer Telematikplattform – beginnend mit „eRezept“ und „eArztbrief“ sowie der Schnittstellenvorbereitung für eine elektronische Patientenakte – erteilt. Hier sollen die Ergebnisse im Dezember 2003 vorliegen. Bei der Ausschreibung der Projekte, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen, sei in enger Abstimmung darauf geachtet worden, dass keine Doppelarbeit geleistet oder einander ausschließende Konzepte unterstützt würden, betonte Dr. jur. Manfred Zipperer, Vorsitzender des Aktionsforums Telematik im Gesundheitswesen (ATG). Dennoch ist man im ATG davon überzeugt, dass die Ausstattung der Versicherten mit einer Gesundheitskarte erst dann sinnvoll ist, wenn die dafür erforderliche Infrastruktur zumindest für das elektronische Rezept bereits steht, weil dort die größten Einsparungen zu erwarten sind.
Foto: Dresden-Foto.de
Foto: Dresden-Foto.de
„Das Volumen von über 600 Millionen Rezepten im Wert von 20 Milliarden Euro im Jahr rechtfertigt die notwendigen Investitionen zum Aufbau einer flächendeckenden Tele­ma­tik­infra­struk­tur“, meinte Dr. Hans Jürgen Ahrens, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes. Ahrens weiter: „Die für die Einführung von eRezept und eArztbrief zu erwartenden Investitionen amortisieren sich innerhalb von zwei bis drei Jahren.“
Weitere Schritte auf dem Weg zu einer Telematikplattform sind die neue Spezifikation eines Heilberufsausweises, die Telematik-Expertise der Industrie, unterstützende Aktionen der Initiative D21 und die Einigung über die Einführung der europäischen Kran­ken­ver­siche­rungskarte in der EU, die das bisherige Formular E 111 ersetzt. Diese „European Health Insurance Card“ (EHIC), die auch zum 1. Januar 2006 europaweit eingeführt werden soll, wird sich auf der Rückseite der deutschen elektronischen Gesundheitskarte befinden. Der europäische Not­fall­daten­satz der EHIC ist bereits als Teil der deutschen Kartenlösung vorgesehen.
Damit seien wichtige Vorarbeiten unter Berücksichtigung internationaler Entwicklungen zur Modernisierung und Weiterentwicklung des Gesundheitswesens geleistet, so Schröder. Gesundheitstelematik und E-Health seien dabei Schlüsselbegriffe für den notwendigen Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen: „Die Karte steht für eine wirtschaftlichere, bessere und transparentere Gesundheitsversorgung in Deutschland.“
Mit der elektronischen Gesundheitskarte sollen der Aufbau einer abgestimmten Tele­ma­tik­infra­struk­tur und der Ausbau der Vernetzung und sektorübergreifenden Kooperation im Gesundheitswesen wesentlich vorangetrieben werden. Die Gesundheitskarte ist als Speicher- und Schlüsselkarte geplant. Gesundheitsdaten können entweder direkt auf der Karte oder auf Servern gespeichert werden. Der medizinische Teil der Karte soll ausschließlich auf freiwilliger Basis genutzt werden und hat grundsätzlich nur eine unterstützende Funktion, die unabhängig von den Dokumentationspflichten der Behandler ist. Das Datenschutz- und Sicherheitskonzept für die Gesundheitskarte umfasst unter anderem die Entscheidungshoheit der Patienten, ob und welche Gesundheitsdaten aufgenommen oder gelöscht und wem die Daten zugänglich gemacht werden, das Recht der Patienten auf Einsichtnahme und die Protokollierung von Zugriffen. Darüber hinaus enthält das GMG Begleitregelungen zum Schutz der Daten, wie die Ausweitung des Beschlagnahmeverbots außerhalb der Praxis und die Strafandrohung bei unberechtigtem Verlangen des Zugriffs auf Gesundheitsdaten.
Dr. Manfred Zipperer
Dr. Manfred Zipperer
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Allenfalls der extrem knappe, von einigen Teilnehmern des Kongresses als unhaltbar eingeschätzte Realisierungszeitplan könnte das Bild trüben: Schließlich geht es um die Personalisierung und Ausgabe von mehr als 70 Millionen Kryptochipkarten, die nicht nur technisch, sondern auch logistisch und organisatorisch zu bewältigen sind. Nach den Plänen des BMGS sollen die konzeptionellen Vorarbeiten zur Einführung der Gesundheitskarte bereits im ersten Quartal 2004 abgeschlossen werden. In die darauf folgende Testphase unter Realbedingungen sollen sowohl prioritäre Anwendungen als auch ausgewählte Vernetzungen von Ärzten, Krankenhäusern, Apotheken, Reha-Einrichtungen und Krankenkassen einbezogen werden. 2005 soll mit der Evaluation der Projekte und der Implementierung begonnen werden. Schröder: „Wir hoffen, dass alle notwendigen Funktionalitäten – wenn auch regional begrenzt – erprobt und evaluiert werden, damit die Karte Anfang 2006 flächendeckend zur Verfügung steht.“
Zum Vergleich: In Taiwan dauerten der Aufbau eines Kartensystems und die Ausgabe einer elektronischen Gesundheitskarte an 24 Millionen Teilnehmer 28 Monate. Jürgen Sembritzki, Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen, Krefeld, warnte deshalb davor, auf eine „Quick and dirty“-Lösung zu setzen, falls der Zeitplan nicht zu schaffen sei, sondern diesen angesichts der vielen noch offenen Fragen gegebenenfalls zu korrigieren.
Akzeptanz schaffen
Telematikanwendungen werden nur dann von Patienten und Leistungserbringern akzeptiert, wenn sie sicher sind und den hohen Anforderungen des Datenschutzes genügen. Der Bundesbeautragte für den Datenschutz Dr. Joachim Jacob lobte, die Zusammenarbeit mit dem Ge­sund­heits­mi­nis­terium sei hierbei „exzellent“. Er betonte, der Patient sei grundsätzlich offen für Telematik, aber es müsse eine Atmosphäre geschaffen werden, da-mit er die weitere Entwicklung akzeptieren könne. Der Bürger brauche mehr Transparenz, er müsse beispielsweise über die Sicherungsmaßnahmen, durch die seine sensiblen Gesundheitsdaten geschützt werden, Bescheid wissen. Hier sei noch Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit zu leisten, ebenso wie beispielsweise bei den Ärzten, die für das Projekt noch zu gewinnen seien.
Dies sehen Politik und Selbstverwaltung ähnlich: Die Vorteile der Gesundheitstelematik erschließen sich den Betroffenen nicht von selbst, sondern sie müssen in einer umfassenden Akzeptanzkampagne vermittelt werden. Zipperer: „Finanzielle Anreize für die Leistungserbringer werden nicht ausreichen, um die Telematik zum Bestandteil der Regelversorgung zu machen.“ Darüber hinaus wird der Erfolg der Gesundheitskarte wesentlich von der Bereitschaft der Versicherten abhängen, den freiwilligen medizinischen Teil der Karte zu nutzen, weil sich gerade hieraus die Möglichkeiten zu einer Qualitätsverbesserung der Versorgung und der Arzneimittelsicherheit ergeben. Der Planungsauftrag des BMGS sieht deshalb auch zwei Arbeitspakete vor: Das eine beschäftigt sich mit der Definition der Telematik-Rahmenarchitektur und der Sicherheitsinfrastruktur, verzahnt mit der europäischen Kran­ken­ver­siche­rungskarte, das zweite Arbeitspaket umfasst die
Themen Akzeptanzbildung, Projektmanagement/Strategieentwicklung und Qualitätssicherung. Beim Deutschen Institut für Dokumentation und Information, Köln, soll begleitend eine öffentliche Online-Plattform eingerichtet werden, auf der sämtliche Vorhaben zum Projekt abrufbar sind, um alle Schritte so transparent wie möglich abzuwickeln.
Die Rolle des Arztes
„Verändert Telematik das ärztliche Berufsbild?“ fragte Prof. Dr. med. Christoph Fuchs, Hauptgeschäftsführer der Bundes­ärzte­kammer. Neben einem Plädoyer für die Wertebeständigkeit in der Ausübung des ärztlichen Berufs mahnte er die Notwendigkeit zum Ordnungswandel an: „Das Paradigma gesellschaftlicher Organisation des 21. Jahrhunderts ist das Netz. Nicht das Individuum, sondern seine Zusammenarbeit, sein Zusammenwirken mit anderen in seiner Umgebung wird ausschlaggebend sein für den Erfolg. Das gilt für Ärzte wie für Patienten.“ Daher unterstützt die Bundes­ärzte­kammer sowohl die Entwicklung und die kommunikative Verknüpfung von Informationsnetzwerken als auch die Förderung von Strukturen und Werkzeugen – Beispiel „Health Professional Card“ –, die das Arbeiten in einem besser vernetzten Gesundheitswesen ermöglichen. Heike E. Krüger-Brand

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