THEMEN DER ZEIT

Hysterisches Getue

PP 2, Ausgabe November 2003, Seite 502

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LNSLNS Leser des Deutschen Ärzteblatts haben der Redaktion ihre Meinung zu Jörg Blechs Buch und dem „Spiegel“-Artikel geschrieben – einige Auszüge: „Das höchst spannend zu lesende Werk bietet sich auch uns Ärzten an, eben nicht nur um gewappnet zu sein auf Patientenfragen, sondern insbesondere um einen Eindruck von einer Pharmabranche zu bekommen, die nach immer neuen Geschäftsfeldern sucht“, lobt Dr. med. Tobias Gamberger aus Ulm „Die Krankheitserfinder“.
Dr. Wolfgang Baur aus Vienenburg hingegen findet, dass der Artikel im „Spiegel“ alle seine Vorurteile bestätigt: „Er lässt die eigentlichen Verursacher von Krankheit, ,life style’-Faktoren, unberücksichtigt, weil der ,Spiegel’ von genau deren Anzeigen lebt: Die mehr kg-Gewicht machen, die Raucher unterstützen, die Autounfälle mit immer schnelleren Autos induzieren, die Alkohollebern machen . . . Stattdessen greift er die an, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, zu Gesundheit zu verhelfen und (welche Schande) damit auch Geld verdienen und Arbeitsplätze schaffen . . .“
Dr. med. Dirk Arenz aus Euskirchen weist darauf hin, dass es in der Medizin immer schon Erkrankungen gegeben hat, „die sich bei genauer Betrachtung als ,Fake’ entpuppten. In der Pariser Salpétrière des 19. Jahrhunderts wurden von dem berühmten Nervenarzt Charcot und seinen Mitarbeitern bei den Patientinnen ,hysterische’ Krankheitsbilder erzeugt . . .“ Arenz sieht als Ursachen Therapeuten, die etwas Besonderes diagnostizieren wollten, aber auch „die Bereitschaft vieler Menschen, lieber ,unverschuldet’ in eine Krankenrolle zu geraten als aus anderen Gründen als dysfunktional zu gelten“.
Dr. med. Wieland Walther aus Kirchzarten findet, dass in Blechs Buch „vieles mit gutem Recht bemängelt wird. Ein Nachdenken über unsere ,große Nähe zur Pharmaindustrie’ erscheint dringend geboten.“ Außerdem könne „das beinahe hysterische Getue ums Cholesterin nicht mit ehrlichen Forschungsergebnissen begründet werden: Vor 50 Jahren lernte ich, bis 250 mg/dl Gesamt-Cholesterin sei als normal anzusehen. Einige Jahre später wurde der Grenzwert auf 230, dann auf 220 und schließlich auf 200 herabgesetzt. Konsequenz: millionenweiser Behandlungsbedarf mit Kosten in Milliardenhöhe.“
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