THEMEN DER ZEIT

Bürokratie

PP 2, Ausgabe November 2003, Seite 503

Böhmeke, Thomas

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Von schräg oben betrachtet ist Deutschland – so stelle ich mir es vor – ein malerisches Miteinander sanfter Berge und weiter Ebenen, auf denen blitzblaue, mäandernde Flüsse hingetupfte, verträumte Städtchen umarmen, in denen eifrig vor sich hin wuselnde Menschen einvernehmlich ihrem Tage- und Nachtwerk nachgehen. Wie das tägliche Leben jedoch lehrt, treten mitunter im menschlichen Miteinander Friktionen auf. Aber es gibt ja eine Spezies, die sich auf ihre Fahnen geschrieben hat, derartige Kollisionen vorausschauend zu eliminieren: die Bürokraten. Das ist äußerst löblich. Die Komplexizität dieser Aufgabe lässt sich unschwer anhand der unendlichen Kilometer von Verwaltungs- und Rechtsvorschriften erkennen, die die Republik zupflastern, Flüsse verstopfen und sogar Berge verschütten. Früher hatten sich die Ärzte diesem Regulierungswahn erfolgreich entzogen, bis ein paar gelangweilte Bürokraten entdeckten, dass es sich bei Assistenzärzten tatsächlich um Menschen handelte und somit zum Beispiel ein Weiterarbeiten nach erfolgreichem Nachtdienst strafrechtlich verfolgungswürdig sei. Auch das ist lobenswert. Ich kann mich noch gut an die vielen Falten in meinem zentralen und peripheren Nervensystem erinnern, die 30 Stunden am Stück hineingeknittert hatten, und kein Bügeleisen der Welt hätte sie je glätten können. Der heutigen Jugend sei es von Herzen gegönnt – Assistenzärzte können jetzt in den Genuss eines geregelten, bürokratisch verordneten Nachtschlafes kommen. Das wäre alles wunderschön, wenn nicht die Bürokraten vergessen hätten, entweder den Zustrom von Patienten oder den Bedarf frischen Assistenzarztblutes in gleichem Maße erfolgreich zu regeln. Dieses Missverhältnis hat nun zur Folge, dass verantwortungsvolle Ober- und Chefärzte, da ihnen keine Assistenten zur Verfügung stehen, sich aufopferungsvoll um die Nöte unserer Patienten kümmern. Auch das ist wunderbar: Jeder Husten findet nunmehr eine habilitierte Hand, die ihm zu schlafestrunkener Zeit hilft. Aber auch dies ist, so fürchte ich, nicht von großer Dauer. Irgendwann einmal wird irgendein Bürokrat entdecken, dass es sich bei den Ober- und Chefärzten im Nachtdienst ebenso um Menschen handelt. Die müssen demzufolge auch die Klinik verlassen, wenn es anfängt zu dämmern. Und damit können sich unsere leidgeprüften Patienten nachts nur noch an die Bürokraten wenden, die alle anderen in die Betten geschickt haben. Aber das hilft ihnen wenig. Die haben von Medizin keinerlei Ahnung. Dr. med. Thomas Böhmeke
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