ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2003NS-„Euthanasie“: Zentrales Aktenverzeichnis

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NS-„Euthanasie“: Zentrales Aktenverzeichnis

PP 2, Ausgabe November 2003, Seite 505

Gerst, Thomas

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Staatsministerin Christina Weiss: Wir wollen nicht nur aufklären, sondern auch den Opfern ihre Würde wiedergeben.
Staatsministerin Christina Weiss: Wir wollen nicht nur aufklären, sondern auch den Opfern ihre Würde wiedergeben.
Ein zentrales Verzeichnis der Archivbestände zur Geschichte der „Euthanasie“-Verbrechen in der NS-Zeit steht ab sofort allen Inter-
essierten in Form einer Online-Datenbank (www.bundesarchiv.de) zur Verfügung. Das Quellenverzeichnis ist das Ergebnis einer rund dreijährigen Inventarisierungsarbeit in 296 Archiven in Deutschland, Polen, Österreich und Tschechien. In Anwesenheit von Staatsministerin Dr. Christina Weiss, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, wurde das Projekt des Bundesarchivs, gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Robert Bosch Stiftung, am 30. September in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt. Initiiert und vorbereitet wurde das Unternehmen vom „Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen ,Euthanasie‘ und Zwangssterilisation“, von der Bundes­ärzte­kammer sowie zahlreichen Fachleuten aus wissenschaftlichen Instituten und Archiven.
Nicht zuletzt die Patientenakten zu Opfern der „Euthanasie“-Aktionen, die sich nach der Wende im so genannten NS-Archiv des Ministeriums für Staatssicherheit fanden, waren mittelbar der Anlass für die Realisierung des zentralen Quelleninventars. Von den ursprünglich etwa 70 000 Akten der in der „Aktion T4“ ermordeten Patienten hatten rund 30 000 Akten das Kriegsende unzerstört überdauert. Das Ministerium für Staatssicherheit übernahm den Aktenbestand im Jahr 1960 und legte eine Täterkartei an, um zum einen „verdiente“ DDR-Ärzte, die in die NS-„Euthanasie“ verwickelt waren, vor einer Entlarvung zu schützen und zum anderen belastete Ärzte in Westdeutschland gezielt desavouieren zu können. Auf der Grundlage des Einigungsvertrags gelangten die Patientenakten 1990 in den Besitz des Bundesarchivs. Nach ihrer archivalischen Erschließung stehen sie nunmehr den Recherchen von Angehörigen und der historischen Forschung zur Verfügung.
Im Zuge der Bearbeitung wurde aber auch deutlich, dass viele Quellenbestände zur Geschichte der NS-„Euthanasie“ bisher überhaupt noch nicht oder nur unzureichend für die Forschung und die Recherchen von Angehörigen erschlossen waren. Dieses Manko zu überwinden, hatte sich das Projekt „Inventar der Quellen zur Geschichte der ,Euthanasie‘-Verbrechen 1939–1945“ zum Ziel gesetzt – so Dr. Christina Vanja, Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats. Als eine „moralische und wissenschaftliche Pflicht“ bezeichnete es der Vizepräsident des Bundesarchivs, Dr. Klaus Oldenhage, die Datenbank über die „Euthanasie“-Opfer für längere Zeit im Internet bereitzuhalten. Die Online-Darstellung ermögliche es zudem, auch zukünftig Ergänzungen des Quelleninventars vorzunehmen. Allerdings könne auch eine noch so umfassende Bestandsübersicht nicht die jeweilige Nutzung der Akten vor Ort überflüssig machen.
Der Ehrenpräsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Karsten Vilmar, verwies darauf, dass sich die deutsche Ärzteschaft in den vergangenen Jahren sehr intensiv mit den Verbrechen, die von Ärzten im Dritten Reich verübt wurden, befasst habe. Nur sehr schwer erträglich sei für ihn die Erkenntnis, „dass Ärztinnen und Ärzte nicht nur weggesehen und geschwiegen haben, sondern aktiv an der systematischen Ermordung von Kranken und so genannten gesellschaftlichen Randgruppen mitgewirkt haben“. Die „Euthanasie“-Verbrechen seien eine stete und eindringliche Mahnung, die ärztlichen Grundwerte gegen den Zeitgeist und staatliche Eingriffe zu verteidigen. Thomas Gerst
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