ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2003Stoffungebundene Süchte: Verändertes Suchtverständnis

WISSENSCHAFT

Stoffungebundene Süchte: Verändertes Suchtverständnis

PP 2, Ausgabe November 2003, Seite 513

Dlubis-Mertens, Karin

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LNSLNS Das klinische Suchtverständnis dehnt sich inzwischen auch auf exzessive Verhaltensweisen aus. Die jüngste Forschung vergleicht stoffgebundene und -ungebundene Abhängigkeiten.

Es war das übermächtige Verlangen nach diesem „sehr intensiven Gefühl“, dem High-Sein, der „Explosion im Kopf“, das ihn immer wieder an den Roulettetisch zog, berichtete der ehemalige Glücksspieler in einer Fernsehdokumentation. Inzwischen hat sich der seinerzeit hoch dotierte Manager von Spiel und Alkohol losgesagt, ist seit vielen Jahren „trocken“, doch fehle ihm im normalen Leben jenes erregende Gefühl, das er in seinem früheren Alltag in ähnlicher Form nur beim Sex oder auch bei erfolgreichen Geschäftsabschlüssen erlebt habe.
Psychische Erkrankung oder Modeerscheinung?
Alkoholabhängige Glücksspieler sind kein Einzelfall, betonte Professor Dr. Michael Krausz, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, unlängst auf den 8. Suchttherapietagen: „Menschen mit Alkohol- oder Opiatabhängigkeit weisen in erhöhtem Maße andere Verhaltensweisen auf, die sehr an das Suchtverhalten erinnern. Der Umstand, dass diese Patienten im Vorfeld ihrer aktuellen Problematik oder als Form der „Verlagerung“ ähnliche Verhaltensmuster auch in Bereichen wie der Freizeitgestaltung zeigen, wird oft nicht ausreichend beachtet.“ Leitfrage der Hamburger Tagung war, inwieweit es sich bei Spiel-, Sex-, Kauf-, Internet- und Arbeitssucht um psychische Krankheiten oder Modeerscheinungen handelt.
Auch wenn es die Diskussion darüber, „was eine Sucht ist“, ob und wie Suchterkrankungen von Depressionen und Zwangsstörungen abgrenzbar sind und wie dementsprechend Süchte zu behandeln sind, seit Jahrzehnten ohne ein konsensfähiges Ergebnis gibt, hat sich das klinische Suchtverständnis verändert, sagt der Hamburger Psychiater. Immer mehr würde der Begriff der Abhängigkeit auch auf exzessive Verhaltensweisen ausgedehnt, die nicht an eine „psychotrope Substanz“, wie Alkohol oder Medikamente, gebunden sind. Aus allgemeinmedizinischer Sicht sei das Thema ebenfalls relevant – beispielsweise, wenn Patienten unter den gesundheitlichen Folgen exzessiven Arbeitens litten.
Erstmals wird in neueren Forschungsvorhaben versucht, exzessive, belohnende Verhaltensweisen zu charakterisieren und stoffgebundene mit stoffungebundenen Abhängigkeiten zu vergleichen – in diesem Sinne ist die erste Interdisziplinäre Suchtforschungsgruppe Berlin (ISFB) am Institut für Medizinische Psychologie, Charité Berlin, tätig. Aufgrund ihrer Untersuchungen spricht sich ISFB-Leiterin Dr. Sabine Grüsser-Sinopoli „gegen eine inflationäre Verwendung des Suchtbegriffs“ aus: „Nicht alle exzessiven und/oder belohnenden Verhaltensweisen müssen beziehungsweise können in einer Sucht münden.“
Von einem süchtigen Verhalten spreche man nur dann, so Grüsser-Sinopoli, wenn bestimmte diagnostische Kriterien erfüllt sind. Neben dem intensiven, nur schwer kontrollierbaren Drang (Craving), die Tätigkeit unmittelbar auszuüben, zeigten die Patienten mit exzessiven, belohnenden Verhaltensweisen in Übereinstimmung mit Substanzabhängigkeit die diagnostischen Hauptmerkmale Toleranzentwicklung und Kontrollverlust sowie in Folge Vernachlässigung sozialer und beruflicher Verpflichtungen. Entgegen der weit verbreiteten Annahme, dass es bei den exzessiven, belohnenden Verhaltensweisen mit suchtartigem Charakter keine Entzugserscheinungen gibt, berichten die Patienten von psychischen (zum Beispiel depressive Verstimmungen, Gereiztheit und Ängste) sowie physischen (Zittern, innere Unruhe, Verdauungs- und Sexualstörungen) Entzugssymptomen, wie sie auch bei der „Abhängigkeit von psychotropen Substanzen“ bekannt sind.
Zu den Abhängigkeitssymptomen gesellten sich dann häufig der finanzielle Ruin (bei Spiel- oder Kaufsucht) und zerrüttete Familienverhältnisse. Die Zahl abhängiger Glücksspieler in Deutschland wird auf bis zu 100 000 geschätzt. Zum Vergleich: Man rechnet in Deutschland mit 150- bis 200 000 Heroinabhängigen. Darüber hinaus liegen kaum Zahlen zu Verhaltensweisen vor, die jenseits von Alkohol oder Drogen zu rauschähnlichen Zuständen führen können.
Cannabisabhängige und Glücksspieler reagieren ähnlich
Untersucht werden am Berliner Zentrum für Human- und Gesundheitswissenschaften insbesondere die psychophysiologischen Wirkungsmechanismen mittels Messungen der Gehirnströme, Hautleitwerte, Schreckreflexe und Augenbewegungen. Ergänzt werden diese Untersuchungen im abhängigen wie abstinenten Zustand durch bildgebende Verfahren und neurochemische Tests. Die Berliner Daten zeigen eine Übereinstimmung zwischen den Störungsbildern „Abhängigkeit von psychotropen Substanzen“ und „exzessive, belohnende Verhaltensweisen“ im emotionalen Erleben, auf der kognitiven Ebene, auf der Verhaltensebene sowie in der peripherphysiologischen, subkortikalen und kortikalen Verarbeitung von suchtmittelassoziierten Reizen. Das bedeutet zum Beispiel, dass Cannabisabhängige beziehungsweise pathologische Glücksspieler in ähnlicher Weise reagieren, wenn sie spezifischen suchtmittelassoziierten Reizen ausgesetzt sind (zum Beispiel Anblick vom Joint oder von Geldspielautomaten).
Bisher wurde lediglich die Glücksspielsucht in Form des „pathologischen Spielens“ in die internationalen psychiatrischen Diagnosemanuale aufgenommen – unter „abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“. Außerdem werden Essstörungen als „psychosomatische Erkrankungen mit Suchtcharakter“ diagnostiziert. Arbeitssucht, Internetsucht, Kaufsucht und Sexsucht finden sich nicht in den Klassifikationssystemen ICD-10 und DSM-IV. Entsprechend schwierig kann sich die Kostenübernahme für psychotherapeutische Maßnahmen gestalten.
Als vielversprechend in der Behandlung abhängiger Glücksspieler hat sich die Verhaltenstherapie erwiesen. Für die Therapie der anderen Formen exzessiver Verhaltensweisen fehlen bislang noch replizierte Wirksamkeitsnachweise. Ergänzend wird mitunter die Pharmakotherapie eingesetzt – auch wenn die Berliner Psychophysiologen darauf hinweisen, dass die Rolle einer pharmakologischen Intervention noch nicht ausreichend empirisch belegt ist. Aus der Not der Betroffenen und ihrer Angehörigen haben sich in den letzten Jahren diverse Selbsthilfegruppen gebildet (zum Beispiel www.sekis.de), die häufig neben wenigen niedrigschwelligen Angeboten und spezialisierten Kliniken die einzige Anlaufstelle sind.
Therapeutisches Ziel ist vor allem eine Erhöhung der Stressresistenz, damit Betroffene auf Anspannung und Druck nicht automatisch mit Suchtmittelkonsum beziehungsweise mit exzessiven belohnenden Verhaltensweisen reagieren. Stressresistenz ist auch für Diplom-Psychologin Ulrike Albrecht von der ISFB das Schlüsselwort, um die Jugend vor Abhängigkeit zu schützen: „Wir gehen heutzutage zunehmend schlechter mit Stress um. Die Kinder lernen nicht mehr, Frustrationen zu ertragen oder auf Belohnungen warten zu müssen. Das schafft Anfälligkeiten für Süchte. Bei unseren Kindern müssen wir aufpassen.“ Dipl.-Psych. Karin Dlubis-Mertens
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