ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2003INTERVIEW: „Therapieansätze aus der Suchttherapie können leicht modifiziert übertragen werden.“

WISSENSCHAFT

INTERVIEW: „Therapieansätze aus der Suchttherapie können leicht modifiziert übertragen werden.“

PP 2, Ausgabe November 2003, Seite 514

Dublis-Mertens, Karin

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Dr. Sabine M. Grüsser-Sinopoli, Leiterin der Interdisziplinären Suchtforschungsgruppe Berlin (ISFB) am Institut für Medizinische Psychologie, Zentrum für Humanund Gesundheitswissenschaften der Berliner Hochschulmedizin Foto: privat
Dr. Sabine M. Grüsser-Sinopoli, Leiterin der Interdisziplinären Suchtforschungsgruppe Berlin (ISFB) am Institut für Medizinische Psychologie, Zentrum für Humanund Gesundheitswissenschaften der Berliner Hochschulmedizin Foto: privat
PP: Welche physiologischen Wirkmechanismen spielen eine Rolle, damit es zum Rauschzustand beim Kaufen, Arbeiten, Sex oder Internetsurfen kommt? Was geschieht nach dem „Kick“ im Gehirn?
Dr. Sabine M. Grüsser-Sinopoli: Es lässt sich vermuten, dass im Wesentlichen das verhaltensverstärkende Belohnungssystem mit seinem Botenstoff Dopamin involviert ist – ebenso wie es bei der Abhängigkeit von psychotropen Substanzen angenommen wird. Wodurch das so genannte Kickgefühl hervorgerufen wird (Veränderungen der Neurotransmission emotionsinduzierender und -modulierender Botenstoffe, wie zum Beispiel Adrenalin, Endorphine), muss noch untersucht werden. Die Suchtmittelwirkung an sich wird in ihrer Funktion vergleichbar zu dem „Kick“ stoffgebundener Süchte beschrieben: Unangenehme Gefühle werden unterdrückt, und Wohlbefinden stellt sich ein. Häufig treten nach dem durch einen Kontrollverlust gekennzeichneten Verhalten unter anderem das schlechte Gewissen und eine dysphorische Verstimmung als kurzfristige Konsequenz ein.

PP: Nur Glücksspielsucht und Essstörungen finden bisher einen Platz in den diagnostischen Manualen. Auf welcher Grundlage werden die anderen nichtstoffgebundenen Suchtformen diagnostiziert?
Grüsser-Sinopoli: Es gibt kaum evaluierte Instrumente für den deutschen Sprachraum, mit denen eine umfassende Anamnese von exzessivem, belohnendem Verhalten mit pathologischem Muster erhoben werden kann. Unsere Arbeitsgruppe evaluiert derzeit in Kooperation mit den verschiedenen Selbsthilfegruppen einen Fragebogen zur differenzierten Anamnese von belohnenden Verhaltensweisen (FDAV).

PP: Inwieweit können Therapieansätze aus der klassischen Suchttherapie auf die „Verhaltenssüchte“ übertragen werden?
Grüsser-Sinopoli: Aufgrund der Parallelen zwischen der „Abhängigkeit von psychotropen Substanzen“ und „exzessiven, belohnenden Verhaltensweisen“ mit suchtartigem Charakter – wie im emotionalen Erleben, auf der kognitiven Ebene sowie auf der Verhaltensebene – gehen wir davon aus, dass Therapieansätze aus der Suchttherapie leicht modifiziert übertragen werden können. Hier konnten wir bereits einige Erfolge verzeichnen. Auch das suchtartige Verhalten ist Ausdruck eines inadäquaten Stressverarbeitungsmechanismus bei emotionalen erregenden Zuständen.

PP: Sie arbeiten mit der Spielbank Berlin zusammen, um glücksspielsuchtgefährdeten Casinobesuchern möglichst niedrigschwellig Beratung und Therapie anzubieten. Wie erfolgreich ist dieses Präventionsprojekt?
Grüsser-Sinopoli: Das Kooperationsprojekt zwischen der Spielbank Berlin und uns, das zunächst ein Pilotprojekt in Berlin war, wird nun in verschiedenen Städten etabliert, da sich gezeigt hat, dass es sehr erfolgreich von den betroffenen Spielern und auch den Angehörigen angenommen wurde. Neben geschulten Mitarbeitern in der Spielbank, einem Informationsflyer und einer Hotline haben sich Beratung wie auch therapeutische Interventionen und deren Vermittlung als notwendige und häufig in Anspruch genommene Maßnahme erwiesen.
PP-Fragen: Dipl.-Psych. Karin Dublis-Mertens

Hotline „Nichtstoffgebundene Abhängigkeit“, mittwochs zwischen 14 und 19 Uhr, Telefon: 0 30/4 50 52 95 29, Interdisziplinäre Suchtforschungsgruppe Berlin
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