ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2003Eric Fischl – The Krefeld Project: Kein Glück

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Eric Fischl – The Krefeld Project: Kein Glück

PP 2, Ausgabe November 2003, Seite 523

Sander-Fell, Sabine

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Living Room. Scene 3, 2002, oil on linen, 215,9 × 289,6 cm, Collection Udo Brandhorst, Köln; Courtesy Mary Boone Gallery, New York, Jablonka Galerie, Köln Fotos: Museum Haus Esters, Krefeld
Living Room. Scene 3, 2002, oil on linen, 215,9 × 289,6 cm, Collection Udo Brandhorst, Köln; Courtesy Mary Boone Gallery, New York, Jablonka Galerie, Köln Fotos: Museum Haus Esters, Krefeld
Eine Frau im himbeerroten, seidenen Morgenmantel tänzelt leichtfüßig durch das Wohnzimmer. Ihr gegenüber hat ein Mann auf dem Sofa Platz genommen. Er lockert die Krawatte und wendet seinen Kopf in ihre Richtung. Sein Blick scheint jedoch wie ausgelöscht, das schwarze Sofa hält beide auf Distanz und verwandelt sich in einen tiefen Abgrund.
Für drei Tage hat der amerikanische Maler Eric Fischl (geboren 1948) im März 2002 das Museum Haus Esters in Krefeld in eine bewohnte Villa verwandelt. Er möblierte die Mies-van-der-Rohe-Villa und engagierte zwei Schauspieler, die so agieren sollten, als wäre das Haus ihr eigener, privater Lebensraum. Während dieser Zeit machte Fischl etwa 2 000 Fotografien, die er anschließend am Computer digital bearbeitete. Aus einigen dieser Fotos entwickelte der Künstler einen zwölfteiligen Gemäldezyklus, der jetzt am Ort seiner Entstehung als „The Krefeld Project“ in einer Ausstellung zu sehen ist.
Bedroom. Scene 1, 2002, oil on linen, 200,7 × 266,7 cm, Courtesy Mary Boone Gallery, NewYork, Jablonka Galerie, Köln
Bedroom. Scene 1, 2002, oil on linen, 200,7 × 266,7 cm, Courtesy Mary Boone Gallery, NewYork, Jablonka Galerie, Köln
Fischl breitet vor unseren Augen keine Geschichte aus, der ein lückenloser chronologischer Handlungsablauf zugrunde liegt. Der Betrachter erblickt in den Bildern Momente einer Paarbeziehung und schlüpft in die Rolle des heimlichen Beobachters. Er wird Zeuge prekärer und doch alltäglicher Lebenserfahrungen zwischen Mann und Frau. Die Bilder scheinen uns Szenen einer langjährigen Partnerschaft vorzuführen. Spekulativ bleibt der Zeitraum, in dem sich die Szenen abspielen. Die Grenzen zwischen Bildraum und Wirklichkeit beginnen wie in einem Film zu fließen, und der Betrachter nimmt teil an den Ereignissen. Nüchtern und schonungslos demaskiert Fischl die Beziehung zwischen Mann und Frau als einen akrobatischen und glücklosen körperlichen Akt, der beide für einen kurzen Moment nur physisch vereint und sie enttäuscht und verletzt zurücklässt. Immer wieder nehmen beide Anlauf, ihrer desolaten Situation eine Wendung zu geben. Entspannt und verführerisch bietet sie ihren eng bekleideten oder nackten Körper ihrem Liebespartner an, doch dieser wendet ihr den Rücken zu und geht seinen eigenen Gedanken nach. Obgleich sich beide Protagonisten im selben Raum, in unmittelbarer Nähe aufhalten, kommt kein Dialog in Gang. Fischl schildert über das Medium der Malerei die innere Distanz und Entfremdung, in dem er die Perspektive im Bild subtil verzerrt und kompositorische Mittel wie einen Fensterrahmen oder das Bettgestell als markante Trennungslinien einsetzt. Über den spezifischen Ort des Geschehens baut der Künstler pointiert ein weiteres Spannungsmoment in seine Episoden ein, in dem er die perfekten Designermöbel dem menschlichen Makel gegenüberstellt.
Seit den späten 70er-Jahren beschäftigt sich Fischl in seiner Malerei mit Themen, die einsame Individuen in unterschiedlichen Lebensphasen zeigen. So gehört die Zeit der Pubertät mit ihrer Entdeckung von Lust und Sexualität, aber auch die der Erwachsenen mit ihren kleinen Dramen und Lebenskrisen zu seinen beherrschenden Motiven. In einem Interview gab er einmal zu bedenken, dass er sich niemanden vorstellen kann, der sich in seinem Körper hundertprozentig wohlfühlt. Diese kritische Haltung lässt Fischl immer wieder in unterschiedlicher Färbung in seinen Bildern aufscheinen. Sabine Sander-Fell


Die Ausstellung „Eric Fischl: The Krefeld Project“ ist bis zum 25. Januar 2004 im Museum Haus Esters in Krefeld zu sehen: Wilhelmshofallee 91–97, 47800 Krefeld. Kontakt über die Krefelder Kunstmuseen, Telefon: 0 21 51/97 55 80, E-Mail: kunstmuseen@krefeld.de, www.krefeld.de/kunstmuseen.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr.
Der Ausstellungskatalog mit Texten von Martin Hentschel und Robert Rosenblum ist im Kerber Verlag erschienen (25 Euro).
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