ArchivDeutsches Ärzteblatt46/200311. Deutscher Fachärztetag: „Die Chancen schnell ergreifen!“

POLITIK

11. Deutscher Fachärztetag: „Die Chancen schnell ergreifen!“

Dtsch Arztebl 2003; 100(46): A-2984 / B-2480 / C-2322

Schmidt, Klaus

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Dr. med. Axel Munte: Neue Partnerschaft zwischen Ärzten und Kassenärztlichen Vereinigungen als Antwort auf die Reform Foto: Eifrig
Dr. med. Axel Munte: Neue Partnerschaft zwischen Ärzten und Kassenärztlichen Vereinigungen als Antwort auf die Reform Foto: Eifrig
Die Gesundheitsreform birgt für die Vertragsärzte
viele Risiken – aber auch neue Möglichkeiten.

Nachdem das GKV-Modernisierungsgesetz (GMG) verabschiedet ist, wissen die niedergelassenen Fachärzte ebenso wie die Hausärzte, was sie erwartet. Auf dem 11. Deutschen Fachärztetag in München wies der Bundesvorsitzende des Deutschen Facharztverbands (DFV), Dr. med. Axel Munte, darauf hin, dass das Gesetz nicht nur Risiken berge: Die Hausärzte hätten das Angebot und Risiko der hausarztzentrierten Versorgung, die Fachärzte stünden vor der Wahl: KV-Arzt mit oder ohne Integrationsvertrag.
Sorgen bereitet dem Facharzt-Internisten der Umstand, dass die Krankenhäuser hoch spezialisierte Leistungen nun auch ambulant erbringen können. Sie treten damit in Wettbewerb zu den niedergelassenen Fachärzten, die in den letzten Jahrzehnten erfolgreich diese Leistungen aus dem teuren Klinikbetrieb in die ambulante Versorgungsebene verlagert haben. „Die Krankenhäuser dehnen sich metastasierend in den ambulanten Bereich aus“, klagte Munte. Der Weg für die Fachärzte sei durch das GMG vorgezeichnet: entweder ins Krankenhaus, oder ans Krankenhaus, oder Kooperation mit dem Krankenhaus. Das Letztere empfiehlt Munte als anzustrebendes Ziel.
Für die Verträge zur Integrierten Versorgung ist der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) im Gesetz keine Rolle zugedacht. Die Folge: Täglich sprächen einzelne Ärzte oder Ärztegruppen bei den Krankenkassen vor, um Integrationsverträge abzuschließen, sagten Vertreter von Bayerns AOK und BKK auf dem Fachärztetag.
Munte zufolge muss die KV aber nicht unbedingt außen vor bleiben. „Wir haben eine Chance, wenn wir besser und schneller sind als die Krankenhäuser“, sagte Munte, der zugleich Vorsitzender der KV Bayerns (KVB) und Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) ist. Weil diese Entwicklung abzusehen war, habe die KVB schon im vergangenen Jahr begonnen, sich als Partner der Vertragsärzte neu zu definieren und sich konsequent auf Service und Dienstleistung für ihre Mitglieder zu konzentrieren. „Wenn wir die Ärzte nicht drangsalieren, sondern fördern, haben wir eine Chance, sie bei uns zu halten, ohne dass sie in die Integrierte Versorgung abwandern.“
Das Mammographie-Screening veranschaulicht für Munte den neuen Kurs: Durch den bayerischen Alleingang in der Qualitätssicherung, der nun auch von der KBV mit getragen werde, sei es gelungen, die Mammographie als ärztliche Leistung zu erhalten und zu verhindern, dass sie in Screening-Zentren oder in die Krankenhäuser abwandere.
Was der einzelne Arzt allein nicht könne, werde zusammen mit der KV möglich, meinte Munte: neue Projekte entwickeln und durchführen sowie die Evaluation dieser Projekte sichern. Die Krankenkassen seien dann auch bereit, solche Leistungen besser zu bezahlen.
Ein Monopol hätten die KVen gewiss nicht mehr, meinte Munte: „Wir haben nur Chancen im Wettbewerb, aber das finde ich auch viel reizvoller.“ Entweder machen Krankenkassen künftig Verträge mit den besten Ärzten oder die Kassenärztlichen Vereinigungen.
Die KV als Partner könne den Ärzten heute anbieten, Verträge auszuhandeln, leistungsorientiert und differenziert nach Fachgruppen unter der Maxime: mehr Geld für das bessere Qualitätskonzept. Die Zukunft der Fachärzte liege in der Qualität.
Die KVen böten für die Interessenvertretung durchaus Vorteile, die andere Organisationen nicht hätten, erläuterte DFV-Vorstandsmitglied Dr. Andreas Hellmann, Vorsitzender des Berufsverbands der Pulmologen: Es gebe eine Vielzahl von Berufsverbänden mit zu geringer Mitgliedschaft, schlechter Organisation und ohne Vertragsfähigkeit. Genossenschaften seien professioneller und könnten auch Vertragsverhandlungen führen. Ihnen fehlten aber im Gegensatz zu den KVen viele Voraussetzungen, diese Aufgabe erfolgreich erledigen zu können. Die KV habe die jahrelange Erfahrung, die notwendigen Spezialisten, eine Organisationsstruktur, ein Vertragsmanagement, IT-Kompetenz, und sie leiste Service vor Ort. „Für all das ist die KV sogar recht billig“, sagte Hellmann. Sein Vorschlag: Die KV könnte bestimmte Leistungen wie etwa das Qualitäts- und Vertragsmanagement an andere, etwa die Genossenschaften, verkaufen.
Die Hausärzte sähen sich unterdessen besonders schlecht gestellt, betonte Dr. Wolfgang Hoppenthaller, Landesvorsitzender des Bayerischen Hausarztverbands und Zweiter KVB-Vorsitzender. Von dem „Schulterklopfen“ vor dem GMG seien nur die DMP und die Praxisgebühr übrig geblieben. Die Praxisgebühr sei nichts anderes als eine verlagerte Erhöhung des Krankenkassen-beitrags. Wenn das Inkassorisiko bei den Ärzten bleiben solle, dann werden die Hausärzte dabei nicht mitmachen.
In der hausarztzentrierten Versorgung sieht Hoppenthaller die letzte Chance, das Austrocknen der hausärztlichen Versorgungsebene zu verhindern. Die Integrierte Versorgung betrachtet er hingegen mit Argwohn: Damit komme kein neues Geld ins System, sondern es werde aus der Gesamtvergütung abgezogen. Klaus Schmidt
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