ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2003Nationales Genomforschungsnetz: Als „einzigartig“ evaluiert

POLITIK

Nationales Genomforschungsnetz: Als „einzigartig“ evaluiert

Dtsch Arztebl 2003; 100(46): A-2987 / B-2482 / C-2324

Richter-Kuhlmann, Eva

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LNSLNS Das Bun­des­for­schungs­minis­terium räumt der
Genomforschung für weitere drei Jahre Priorität ein.

Mit dem Erklimmen des höchsten Gipfels des Himalaya verglich ein amerikanischer Forscher die Entschlüsselung des menschlichen Genoms vor zwei Jahren. Auf dem erwartungsgemäß langen und mühsamen Weg bis zum endgültigen Verständnis des Genoms gelang es Deutschland inzwischen, sich zu profilieren – und dass, obwohl es 1995 mit dem Deutschen Humangenomprojekt erst relativ spät in die internationale Genomforschung eingestiegen ist. „Mit dem Nationalen Genomforschungsnetz (NGFN) hat es Deutschland geschafft, einen der weltweit vorderen Plätze zurückzuerobern“, erklärte Bun­des­for­schungs­minis­terin Edelgard Bulmahn (SPD) am 31. Oktober in Berlin. Innerhalb des Netzes versuchen Forscher verschiedener Fachrichtungen, die Funktionen einzelner Gene aufzuklären und dieses Wissen zügig in Therapien umzusetzen.
Trotz einer „ schwierigen Haushaltslage“ will die Ministerin die Förderung des Nationalen Genomforschungsnetzes durch das Bun­des­for­schungs­minis­terium (BMBF) um weitere drei Jahre verlängern. 135 Millionen Euro will Bulmahn für das krankheitsorientierte Programm zur Verfügung stellen; den Aufbau des NGFN hatte sie seit 2001 mit insgesamt 180 Millionen Euro gefördert. Ausschlaggebend für den Start der zweiten Förderphase war das Votum einer international besetzten Expertenrunde. Als „einzigartig“ bewertete sie die Vernetzung von Grundlagenforschung und klinisch orientierter Anwendung.
In der Tat ist der interdisziplinäre Ansatz eine Stärke des Genomforschungsnetzes. Mediziner, Biologen und Informatiker aus Kliniken, Universitäten, Großforschungszentren und Unternehmen arbeiten an mehr als 18 Standorten und in 300 Teilprojekten innerhalb der krankheitsorientierten Genomnetze zusammen (Schwerpunkte: Nervensystem, Umwelt, Herz-Kreislauf, Krebs sowie Infektion und Entzündung).
Als die Wissenschaft vor zwei Jahren die 3,2 Milliarden Bausteine der 46 menschlichen Chromosomen identifizierte, konnte der Organismus „Mensch“ zwar auf der molekularen Ebene verstanden werden. Seine Steuerung durch die 30 000 bis 40 000 Gene ist jedoch sehr kompliziert. Erkrankungen resultieren aus Veränderungen auf mehreren Genen, aus Umweltfaktoren und aus individuellen Lebensgewohnheiten. Ziel des NGFN ist es deshalb, die Funktionen der einzelnen Gene aufzuklären und ihr Zusammenspiel zu durchschauen.
Auf Erfolge kann das Nationale Genomforschungsnetz dabei bereits verweisen. Am „Gene Mapping Center“ des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in Berlin-Buch konnten inzwischen mehr als 50 monogene Erkrankungen kartiert werden. Erst kürzlich gelang es den Wissenschaftlern dort, einen Zusammenhang zwischen einem wichtigen Gen des Phosphatstoffwechsels und der Arteriosklerose zu belegen. In Schleswig-Holstein entdeckten Forscher bereits 2001 das erste Krankheitsgen für Morbus Crohn und damit erstmals ein Krankheitsgen bei einer entzündlichen, komplexen Erkrankung. Sie erkannten, dass eine Mutation des NOD2-Gens Bakterien in die Darm-Epithelzellen eindringen lässt, die eine chronische Entzündung hervorrufen.
Von der Grundlagenforschung zur klinischen Umsetzung
Ferner sind zwei Projekte zur Erforschung der Epilepsie bereits so weit fortgeschritten, dass sie Möglichkeiten für die Entwicklung neuer Medikamente aufzeigen. Ein Team des Universitätsklinikums Bonn fand mehrere potenzielle Gene, die die Erregbarkeit der Nervenzellen regulieren und mit den Mechanismen zusammenhängen, die im Hippokampus Schläfenlappen-Epilepsien auslösen. Ein weiteres Beispiel: Eine Bonner Arbeitsgruppe analysierte das Erbgut von Familien, in denen Formen der idiopathischen Epilepsie gehäuft vorkommen. Ihnen gelang es, mehrere Mutationen eines Gens nachzuweisen, die den Chlorid-Haushalt der Nervenzellen stören und dadurch Anfälle auslösen.
80 Patentanmeldungen und 17 Patente sind bisher aus dem Nationalen Genomforschungsnetz hervorgegangen. Die Verbindung zwischen akademischer Forschung und industrieller Verwertung schafft dabei die Fraunhofer Patentstelle für die Deutsche Forschung, München. Sie bewertet die Forschungsergebnisse aus dem NGFN nach patentrechtlichen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Aufschwung soll das NGFN nämlich auch der Biotechnologie-Branche bringen. „Durch das Nationale Genomforschungsnetz ist in kurzer Zeit eine derartige Fülle von Forschungsergebnissen entstanden, dass eine Reihe von Firmengründungen zu erwarten sind“, prognostizierte Bulmahn. Der Übergang von der Grundlagenforschung zur technischen beziehungsweise zur klinischen Umsetzung soll deshalb künftig verstärkt gefördert werden. „Klasse statt Masse ist dabei unser Prinzip“, erklärte Dr. Timm Jessen von der Evotec Biosystems AG, zugleich Mitglied im Lenkungsgremium des NGFN.
94 Produktideen von Wissenschaftlern und Industrie
Die enge Verzahnung von Forschung und Industrie innerhalb des NGFN gilt auch international als ein weiterer Pluspunkt des Projekts. Berührungsängste zwischen Forschern und Unternehmen würden nach und nach verschwinden, berichtet Jessen. Mittlerweile werde „auf gleicher Augenhöhe“ diskutiert. Auf die finanzielle Unterstützung der Industrie ist die Genomforschung unbestritten angewiesen – trotz der BMBF-Fördermittel. „Die pharmazeutische Industrie investiert Millionenbeträge in die klinische Erprobung“, sagt Dr. Andreas Barner von Boehringer Ingelheim. Der zweite Vorsitzende des NGFN-Lenkungsgremiums verweist dabei auf 94 Produktideen, die Wissenschaftler und Industrie derzeit gemeinsam verfolgen. Dr. med. Eva A. Richter-Kuhlmann



Forschungsministerium will Stammzellforschung fördern
Erstmals will Bun­des­for­schungs­minis­terin Edelgard Bulmahn (SPD) embryonale Stammzellforschung finanziell fördern lassen. Ein entsprechendes Projekt sei kürzlich positiv evaluiert worden, sagte sie anlässlich der fortgesetzten Förderung des Nationalen Genomforschungsnetzes vor Journalisten in Berlin. Bulmahn, deren offene Haltung gegenüber der embryonalen Stammzellforschung bekannt ist, begrüßte gleichzeitig die Äußerungen ihrer Amtskollegin Brigitte Zypries (SPD). Die Bundesjustizministerin hatte zuvor in einer Rede den Embryonenschutz infrage gestellt. Aktuell bestehe jedoch kein Handlungsbedarf zur Änderung des Embryonenschutzgesetzes, sagte Bulmahn. Würde allerdings die therapeutische Anwendung der embryonalen Stammzellforschung möglich, müsse eine Entscheidung erneut getroffen werden. Fünf Forschergruppen arbeiten derzeit in Deutschland an embryonalen Stammzelllinien; zwei weitere Anträge liegen bereits zur Genehmigung vor.
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