ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2003Grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung: Euregios als Testfelder

THEMEN DER ZEIT

Grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung: Euregios als Testfelder

Dtsch Arztebl 2003; 100(46): A-2994 / B-2488 / C-2330

Merten, Martina

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Am Oberrhein gehören Kooperationen zwischen deutschen und französischen Krankenhäusern zum Alltag. Grenzen müssen dennoch immer wieder neu überwunden werden.

Angefangen hat alles mit einer gemeinsamen Fortbildungsveranstaltung über Aids“, erzählt Dr. rer. pol. Franz Hahn. Für den Verwaltungsdirektor der Offenburger St. Josefsklinik hat diese gemeinsame Veranstaltung mit dem französischen Centre Hospitalier in Sélestat den Grundstein für eine regelmäßige Kooperation der beiden Krankenhäuser am Oberrhein gelegt. Heute, sieben Jahre später, gilt die Zusammenarbeit als eines der Vorzeigegeprojekte, die während des Kongresses „Mobilität von Gesundheitsdienstleistungen am Oberrhein“ Ende Oktober in Karlsruhe vorgestellt wurden.
In Offenburg und Sélestat arbeiten mittlerweile französische und deutsche Krankenpflegeschülerinnen jeweils für einige Wochen in der Klinik des Kooperationspartners. Die Zeit wird ihnen bei ihrer Pflegeausbildung anerkannt. Zusätzlich können die Auszubildenden mehrere Wochen lang in verschiedenen Bereichen des Partner-Krankenhauses hospitieren, so in der Anästhesie, beim OP-Personal oder in der Verwaltung. Zur Zusammenarbeit zählen außerdem regelmäßige Vorträge über aktuelle Themen aus dem Gesundheitsbereich. „Die Krankenhausleitungen haben sogar ein deutsch-französisches Kurznachschlagewerk erarbeitet, damit man auch das Fachvokabular des anderen Landes beherrscht“, berichtete Hahn.
Obwohl die heutigen Formen der Kooperation nur erste Schritte auf dem Weg hin zu einer grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung sind, blickt Hahn optimistisch in die Zukunft. Denn die beiden Kliniken konnten nach und nach nicht nur weitere Kooperationspartner wie Altenpflegedienste und Krankenkassen gewinnen. Durch ihren Erfolg haben sie es auch geschafft, erneut im Rahmen des europäischen Förderprogramms „Interreg“ finanzielle Unterstützung zu erhalten. Mit diesem Geld des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung werden bereits seit den Neunzigerjahren Kooperationsprojekte in Grenzregionen gefördert. Ziel ist es, regionale Ungleichgewichte zu beseitigen und den Zusammenhalt dieser „Euregios“ zu fördern.
Dass eine Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg nicht ohne besonderes persönliches Engagement der Beteiligten funktionieren kann, schilderte die Leitende Oberärztin der Klinik für Kinder und Jugendliche am Epilepsiezentrum in Kork, Dr. med. Adelheid Wiemer-Kruel. Sie hospitierte 2002 vier Wochen lang in der Abteilung für Epileptologie der Neurologischen Universitätsklinik (Hôpital Civil) in Straßburg. Über den Leiter dieser Abteilung, Prof. Dr. Edouard Hirsch, bekam Wiemer-Kruel Kontakt zur Neuropädiaterin Dr. med. Anne de Saint Martin in der Universitätsklinik Haute Pierre. „Mittlerweile treffen wir uns einmal in drei Monaten, um ausgewählte Fälle zu besprechen“, berichtet Wiemer-Kruel.
Das ist nicht alles. In der Zwischenzeit wurde eine gemeinschaftliche Medikamentenstudie abgeschlossen, eine zweite ist in Arbeit. Zudem arbeiten Korker und Straßburger Spezialisten mittlerweile zusammen, wenn es um Problempatienten geht. So beteiligte sich Hirsch gemeinsam mit einem Kollegen aus Grenoble an einer speziellen Tiefenelektroden-Untersuchung einer kleinen Patientin in Kork. Andere Patienten wurden zur Kernspintomographie und MR-Spektroskopie nach Straßburg geschickt. Schwierig war zunächst die Bezahlung. „Die Kosten wurden zunächst durch unser Haus getragen, da die Krankenkassen eine derart differenzierte Untersuchung nur in Deutschland finanzierten“, berichtete die Oberärztin. Das hat sich geändert: Die Kosten werden jetzt über den Krankenschein E-112 zu 80 Prozent abgerechnet.
Probleme bei der Kostenübernahme sind insgesamt ein Haupthindernis bei der grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung. Das belegt die Studie „Baden-Württemberg im Europa der Regionen“* aus dem Jahr 2002, die in Karlsruhe vorgestellt wurde. Dafür wurden Krankenkassen, Kassenverbände, Kassenärztliche und -zahnärztliche Vereinigungen und die Krankenhausgesellschaft Baden-Württemberg zu grenzüberschreitenden Aktivitäten im Gesundheitsbereich befragt.
Vor allem die Abrechnung über den Auslandskrankenschein E-111 funktionierte in der Vergangenheit nach Angaben der Befragen nicht. In vielen Fällen rechneten ausländische Ärzte deshalb privat ab. Weitere Knackpunkte sind mangelhafte Fremdsprachenkenntnisse und Wissenslücken über das andere Gesundheitssystem. Die Studie belegt aber auch, dass die grenzüberschreitende ambulante Behandlung keine Ausnahme mehr ist. So wurden 2001 beinahe 71 700 Fälle im Bereich der so genannten Leistungsaushilfe mit einer durchschnittlichen Fallkostenhöhe von 82 Euro gezählt. Darunter fallen die Behandlungsausgaben für Grenzgänger (Arbeit in einem, Wohnung in einem anderen Land), für entsendete Arbeitnehmer und für Bürger mit Auslandskrankenschein. Martina Merten
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema