ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2003Hilfsorganisation Deutsche Tafel e.V.: Kinder ohne Schulbrote

THEMEN DER ZEIT

Hilfsorganisation Deutsche Tafel e.V.: Kinder ohne Schulbrote

Dtsch Arztebl 2003; 100(46): A-2996 / B-2489 / C-2331

Lenze, Susanne

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: epd
Foto: epd
Seit vielen Jahren verteilen 340 Tafeln bundesweit gespendete Lebensmittel an Bedürftige – ein Viertel davon sind Kinder und Jugendliche – Tendenz steigend.

Tausche mein Graubrot mit Leberwurst gegen Teewurststulle – Schulbrottausch findet leider immer weniger auf bundesdeutschen Schulhöfen statt. Der Grund: Kinder haben immer häufiger weder zu Hause gefrühstückt noch ein Schulbrot in ihrer Mappe. Das Phänomen der Mangelernährung bei Kindern und Jugendlichen macht sich bundesweit breit.
Die Hilfsorganisation „Berliner Tafel e. V.“ verteilt seit zehn Jahren übrig gebliebene Nahrungsmittel von Hotels, Bäckereien, Supermärkten, Lebensmittelherstellern, Naturkostläden, Kaufhäusern und Kantinen an Bedürftige. „Etwa 25 Prozent davon sind Kinder und Jugendliche, Tendenz steigend“, sagte Sabine Werth, Vorsitzende der Berliner Tafel. In Berlin werden mittlerweile zehn Grundschulen mit Lebensmitteln beliefert. „Das ist ein bundesweites drängendes Problem“, sagte Werth.
Deshalb sind sie Mitglied der Nationalen Armutskonferenz geworden, um dieses Phänomen zu bekämpfen. Werth versucht die „Verrohung der Esskultur“ zu erklären: „Häufig sind Eltern an der Versorgung ihrer Kinder aus Stress, Geldmangel oder Vernachlässigung nicht interessiert.“ Viele junge Mütter könnten heutzutage nicht mehr kochen. Einige Kinder bekommen statt eines Schulbrots ein paar Euro in die Hand gedrückt, das dann zu guter Letzt für Fast Food oder für Süßigkeiten ausgegeben werde.
Auf das Engagement der mittlerweile 340 Tafeln bundesweit wird ein großer Teil der fünf bis acht Millionen in Einkommensarmut lebenden Menschen angewiesen sein. „Die Zahlen sind so ungenau, weil die verdeckte Armut schwer nachvollziehbar ist und viele ältere Menschen beispielsweise nicht zum Sozialamt gehen und somit nicht erfasst sind“, erklärte Werth.
Nach dem Vorbild der New Yorker „City Harvest“ gründete die Initiativgruppe Berliner Frauen e.V. die erste deutsche Tafel 1993. Vor dieser Gründung landeten Lebensmittel, die nicht die richtige Farbe hatten, bei denen das Gewicht nicht stimmte oder die in zu großer Menge produziert wurden, im Müll. Die weltweit erste Tafel, die „St. Mary’s Foodbank“ rief John van Hengel 1963 in Phoenix/Arizona ins Leben.
Mit bundesweit 300 Transportern und 1 200 Privatfahrzeugen der etwa
20 000 ehrenamtlichen Mitarbeiter (nicht alle von ihnen sind aktiv) werden 150 000 Kilogramm Lebensmittel täglich an circa 300 000 bedürftige Menschen verteilt. „In kleineren Städten gibt es auch Ausgabestellen oder kleine Läden der Caritas“, sagte Susanne Lexa von der Tafel Heidelberg. In Großstädten gibt es keine zentrale Ausgabestelle, wegen der weiten Wege für die Bedürftigen. Bundesweit werden unter anderem Backwaren, Fleisch, Konserven, Obst, Gemüse an Notunterkünfte, Suppenküchen, Obdachlosenheime, Frauenhäuser, Beratungsstellen, eben soziale Einrichtungen aller Art, geliefert. Die Frage nach dem typischen ehrenamtlichen Mitarbeiter lässt sich nach Angaben von Werth schwer beantworten. „Häufig sind es politisch motivierte Menschen oder Leute, die einen Beitrag zur Nächstenliebe leisten wollen; etwa 40 Prozent der Helfer sind Männer – bundesweit“, sagte Werth.
Die Berliner Tafel will schnell auf das traurige Phänomen der Kindermangelernährung reagieren. In diesem Jahr soll ein Kinderrestaurant im Stadtteil Kreuzberg eröffnet werden. Dort haben Schulkinder die Möglichkeit, für 10 bis 15 Cents zu frühstücken oder für ein paar Cents mehr mittags warm zu essen. Susanne Lenze

Die Tafeln sind gemeinnützige Vereine oder Tafeln in Trägerschaft. In jedem Bundesland gibt es Tafeln. Zur genauen Übersicht gibt die Homepage www.tafel.de oder Telefon 0 43 42/30 91 60 oder 08 00/2 22 52 22 Auskunft über eine wohnortnahe Organisation, Anschrift: Bundesverband Deutsche Tafel e.V., Lange Brückstraße 14, 24211 Preetz. Die Tafeln benötigen weiterhin aktive Mitarbeiter und Geldspenden für Wärmetöpfe, Benzin, Reparaturkosten, Telefonkosten und Ähnliches. Die Organisationen werden unter anderen von Banken, Versicherungen und Lebensmittelketten unterstützt, weitere werden jedoch noch benötigt.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema