ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2003Evidenzbasierte Medizin: Konkurs der ärztlichen Urteilskraft? Wallfahrt nach Lourdes auf Krankenschein?

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Evidenzbasierte Medizin: Konkurs der ärztlichen Urteilskraft? Wallfahrt nach Lourdes auf Krankenschein?

Dtsch Arztebl 2003; 100(46): A-2997 / B-2490 / C-2332

Zerssen, Detlev von

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LNSLNS Das Pamphlet von Kienle et al. gegen die evidenzbasierte Medizin zeugt in der Tat von einem „Konkurs der ärztlichen Urteilskraft“ – zumindest da, wo es um die Verteidigung von wissenschaftlich nicht oder nur unzureichend abgesicherten Therapieoptionen gegen berechtigte Kritik und insbesondere gegen konkrete Maßnahmen zur Eindämmung ihrer Anwendung geht. Als „Besondere Therapierichtungen“ bedürfen nach Ansicht der Autoren u. a. die Homöopathie sowie nichtpharmakologische Behandlungsformen (wie Kreativtherapien und Psychotherapien) zum Nachweis ihrer Wirksamkeit keiner modernen wissenschaftlichen Standards genügenden Untersuchungen. Das mutet an wie ein Rückfall ins Mittelalter unserer Disziplin. Die Autoren führen in ihrem Artikel einen Generalangriff gegen die Grundpositionen moderner empirischer Forschung. Dabei ignorieren sie den fundamentalen Unterschied von hypothesengenerierender Vorgehensweise (Zufallsbeobachtung, „zündende Idee“, Erkundungsstudie) und den verschiedenen Formen und Stadien hypothesentestender Verfahren. Es versteht sich von selbst, dass ein Arzt in der Praxis niemals alle Bedingungen für einen gültigen Wirksamkeitsnachweis seiner therapeutischen Interventionen erfüllen kann. Deshalb muss er froh darüber sein, dass ihm in der Literatur, im Internet und auf Fortbildungsveranstaltungen das aktuelle Wissen über den derzeitigen Stand seriöser, d. h. nach modernen Standards betriebener Therapieforschung als Orientierungshilfe für seine therapeutischen Entscheidungen zur Verfügung gestellt wird. Zu diesem Wissen kann er natürlich auch selber beitragen, und zwar durch die sorgfältige, möglichst wiederholte und vergleichende Beobachtung von Therapieeffekten oder auch durch das Beachten von unbeabsichtigten und unerwarteten Einflüssen auf Krankheitsverläufe. Die Möglichkeit zur Hypothesenbildung auf dieser Basis wird ihm durch moderne Prüfverfahren selbstverständlich nicht genommen. Zu der sehr viel aufwendigeren Hypothesentestung bedarf es aber multidisziplinär zusammengesetzter Forschungsteams und eines erheblichen technischen Aufwands. Die dafür erforderlichen Kosten können bedauerlicherweise nur noch von finanzstarken Institutionen – insbesondere Pharmafirmen und Forschungsförderungseinrichtungen wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft – aufgebracht werden. Man muss sich allerdings fragen, warum Psychologen – vor allem in den angelsächsischen Ländern – es immer wieder schaffen, ihre Therapieansätze mit dem dafür erforderlichen Forschungsaufwand kritisch zu überprüfen. Ärzte sollten sich daran ein Beispiel nehmen!
Man mag für die wissenschaftlich ungeprüften „alternativen“ Heilverfahren ins Feld führen, dass es letztlich der Glaube sei, der heilt oder jedenfalls subjektiv zu einer Besserung führt bzw. beiträgt. Dann könnte man aber auch die Forderung erheben, die Krankenkassen sollten angesichts der offenbar in einzelnen Fällen spektakulären Heilerfolge Wallfahrten nach Lourdes finanzieren oder zumindest bezuschussen. Wenn man eine solche Forderung als unsinnig ablehnt, kann man die nach ungeprüfter Anerkennung „alternativer“ Heilmethoden nicht einfach akzeptieren. Ich halte sie jedenfalls für völlig inakzeptabel. Es ist an der Zeit, diese unersprießliche Situation kritisch zu reflektieren und entsprechende Konsequenzen daraus zu ziehen. Die deutsche Ärzteschaft ist dazu aufgerufen, einen aktiven Beitrag zu dieser Diskussion und ihren Folgen zu leisten.
Prof. Dr. med. Detlev von Zerssen,
Ottostraße 11, 82319 Starnberg
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