ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2003Evidenzbasierte Medizin: Konkurs der ärztlichen Urteilskraft? Erwartungen nicht erfüllt

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Evidenzbasierte Medizin: Konkurs der ärztlichen Urteilskraft? Erwartungen nicht erfüllt

Dtsch Arztebl 2003; 100(46): A-2997 / B-2490 / C-2332

Hager, W. Christoph

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LNSLNS Der Artikel erfüllt die Erwartungen nicht, die mit der erfrischend provozierenden Titelfrage geweckt werden. Insofern ist der Antwort von Stengel und Porzsolt in derselben Ausgabe des Ärzteblattes zuzustimmen. Alle Autoren übersehen aber, dass experimentelle Methoden der Therapieevaluation (wie randomisierte, kontrollierte Studien) nur den interventionellen Aspekt von Therapie erfassen können und den interaktiven Aspekt generell ausblenden. Die klassische Erkenntnistheorie von Bacon, Newton, Hume und Mill versagt bei der Aufklärung sozialer Interaktionen. Die Klärung der Ursachen für dieses Phänomen bestimmte die sozialwissenschaftliche Grundlagenforschung des gesamten 20. Jahrhunderts. Mit therapeutischen Interventionen kann man experimentieren, indem man Krankheitsverläufe im randomisierten Vergleich auch unter Verzicht auf die Intervention beobachtet. Folgenschwere therapeutische Irrtümer kann die Medizin so mithilfe der Evidence-based Medicine (EbM) vermeiden. Mit therapeutischen Interaktionen zwischen Patient und Arzt können derartige Experimente nicht gelingen, denn therapeutische Wirkungen von Interaktionen beruhen nicht auf kontrollierbaren Reaktionen von Molekülen, sondern auf gemeinsamer Bedeutungsanerkennung von Werten, Normen und Symbolen. Sozial anerkannte Bedeutungen folgen kulturellen Entwicklungen, die nicht experimentell kontrollierbar sind. Naives Vertrauen allein in experimentelle Therapieevaluation muss letztlich in neuen Formen von therapeutischer Irrationalität münden.
Literatur beim Verfasser
Dr. med. W. Christoph Hager,
Am Kölner Weg 1a, 50765 Köln-Esch
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