ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2003Evidenzbasierte Medizin: Konkurs der ärztlichen Urteilskraft? Unvernunft ist Standard geworden

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Evidenzbasierte Medizin: Konkurs der ärztlichen Urteilskraft? Unvernunft ist Standard geworden

Dtsch Arztebl 2003; 100(46): A-2999

Wörz, R.

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LNSLNS . . Die Autoren haben Empiriker aufgelistet, zu denen man den Namen des Arztes und Philosophen John Locke (1632–1704) hinzufügen kann. Allerdings ist es aus meiner Sicht nicht so wichtig, hier die empirischen Verfahren zu verbessern, die auf der Insel entstanden sind und im anglo-amerikanischen Raum zur Meisterschaft fortentwickelt wurden. Vielmehr sollten wir uns auf die Erkenntnisse unserer Denker besinnen, die sich für Verstand und Vernunft aussprachen. Leibniz (1646–1716) unterschied „Vernunft- und Tatsachen-Wahrheiten“ und schrieb: „Die Sinne sind zwar für alle unsere wirklichen Erkenntnisse notwendig, aber doch nicht hinreichend, um uns diese Erkenntnisse in ihrer Gesamtheit zu geben, weil sie stets nur Beispiele, d. h. besondere oder individuelle Wahrheiten geben.“ Ebenso wie Leibniz bezeichnete Kant (1724–1804) Locke als berühmt, kritisierte aber ihn und die Einseitigkeit der Empiriker in gleicher Weise, dass sie sich bei den „beiden Stämmen der menschlichen Erkenntnis, Sinnlichkeit und Verstand“ nur an die „Sinneserscheinungen“ halten würden und nicht an den Verstand, „die aber nur in Verknüpfung objektiv gültig von Dingen urteilen könnten“.
Unvernunft ist Standard geworden. Darunter leidet nicht nur die Erfüllung der primären ärztlichen Aufgaben. Es entstehen auch enorme Kosten, wenn beispielsweise Forderungen nach dem Ersatz altbewährter und kostengünstiger Arzneimittel durch überteuerte Innovationen ohne sicheren therapeutischen Zugewinn erhoben werden, wenn bei den erforderlichen und prinzipiell erwünschten kontrollierten Studien Blut nicht im nächsten Labor untersucht wird, sondern die „Logistik“ abläuft, dass ein Kurier von der Stadt A in die Gemeinde B in Gang gesetzt wird, der die Probe zum Flughafen C bringt, von wo es z. B. nach Edinburgh in Schottland transportiert wird. Kienle et al. zitieren, dass Kosten randomisierter Studien pro Patient bei 5 000 bis 10 000 Euro liegen.
Literatur beim Verfasser
Priv.-Doz. Dr. med. R. Wörz,
Friedrichstraße 73, 76669 Bad Schönborn
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