ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2003Verteilungsstreit: Ungerechte Plünderung einer Minderheit

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Verteilungsstreit: Ungerechte Plünderung einer Minderheit

Dtsch Arztebl 2003; 100(46): A-3007 / B-2496 / C-2338

Beleites, Bernhard

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LNSLNS Die Äußerung eines 23-Jährigen, der alten Versicherten die Leistung für das künstliche Hüftgelenk und die Zahnprothese streichen will, zeugt von mangelnder Ehrfurcht vor dem Alter und fehlendem Verständnis für das Gebot, Vater und Mutter zu ehren. Aber ist sie nicht auch hilfloser Ausdruck des Gefühls dieser Altersgruppe, als unmündige Opfer im Verteilungsstreit der Generation ihrer Eltern aufgewachsen zu sein?
Der so genannte Generationenvertrag ist ein Betrug an denen, die für dessen Fehler in der Zukunft bezahlen müssen. Ungefragt soll der Nachwuchs die Schuldenlast für heutige Besitzstandswahrung tragen. Dazu ist er durch die De-facto-Behandlung der Fortpflanzung als Straftat einem mittelbaren milden Genozid ausgesetzt. Dies wird allgemein verdrängt, aber die Strafe entfaltet unabhängig davon ihre Präventivwirkung, realisiert durch Schwangerschaftsverhütung oder Tötung in utero. Daraus resultierende demographische Schulden deformieren die Altersstruktur des Volkes in bedrohlichem Ausmaß.
Die Kinder, Hauptarmutsrisiko in Deutschland, finden sich in der Rolle von Geiseln, während ihre Mütter und Väter im Streit um Unterhaltspflichten gegeneinander ausgespielt und zum Wohl der Kinderlosen enteignet werden. Elternschaft macht denjenigen zum Straftäter, der sich nicht regelmäßig freikauft.
Wer den Kindesunterhalt und die darauf erhobenen Steuern und Sozialabgaben, darin die „kostenlose“ gesetzliche Krankenmitversicherung der Kinder, aufwendet, subventioniert damit den Anspruch anderer, eine kinderunabhängige Altersversorgung zu ernten, ohne gesät zu haben. Das hat die Sozialsysteme bereits an den Rand des Zusammenbruchs und die Gesellschaft in die Vergreisung getrieben.
Vielen alten, naturgemäß krankheitsanfälligeren Sozialkonsumenten mit steigender Lebenserwartung stehen immer weniger Einzahler gegenüber. Diesen Trend wird eine Bürgerversicherung nicht nachhaltig ändern. Flucht nach vorn durch höhere Sozialbeiträge steigert die Lohnnebenkosten und ist Anreiz zum Stellenabbau. Ein fataler Circulus vitiosus aus Förderung von Kinderlosigkeit und Arbeitsplatzvernichtung.
Als solidarischer Ausweg bietet sich ein kinderunabhängiger Bürger-Generationenbeitrag an, aus dem die Zuwendungen für den Nachwuchs und dessen Betreuung getragen werden. Die Frage, ob er zumutbar ist, beantwortet sich dadurch, dass den Eltern eine derartige Belastung bereits selbstverständlich zugemutet wird. Die Zerstörung der Sozialsysteme durch sozial ungerechte Plünderung einer Minderheit ist nicht durch das Argument der Mehrheitsfähigkeit zu rechtfertigen.
Dr. med. Bernhard Beleites, Ulrich-von-Hutten-Straße 10, 18069 Rostock
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