ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2003Medizingeschichte(n): Psychoanalyse Selbstanalyse

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Medizingeschichte(n): Psychoanalyse Selbstanalyse

Dtsch Arztebl 2003; 100(46): A-3027 / B-2513 / C-2355

Schott, H.

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LNSLNS ausgewählt und kommentiert von H. Schott

Psychoanalyse Selbstanalyse
Zitat: „Bei den psychoanalytischen Arbeiten habe ich gemerkt, daß die psychische Verfassung des Mannes, welcher nachdenkt, eine ganz andere ist als die desjenigen, welcher seine psychischen Vorgänge beobachtet. Beim Nachdenken tritt eine psychische Aktion mehr ins Spiel als bei der aufmerksamsten Selbstbeobachtung, wie es auch die gespannte Miene und die in Falten gezogene Stirne des Nachdenklichen im Gegensatz zur mimischen Ruhe des Selbstbeobachters erweist. In beiden Fällen muß eine Sammlung der Aufmerksamkeit vorhanden sein, aber der Nachdenkende übt außerdem eine Kritik aus, infolge deren er einen Teil der ihm aufsteigenden Einfälle verwirft, nachdem er sie wahrgenommen hat, andere kurz abbricht, so daß er den Gedankenwegen nicht folgt, welche sie eröffnen würden, und gegen noch andere Gedanken weiß er sich so zu benehmen, daß sie überhaupt nicht bewußt, also vor ihrer Wahrnehmung unterdrückt werden. Der Selbstbeobachter hingegen hat nur die Mühe, die Kritik zu unterdrücken; gelingt ihm dies, so kommt ihm eine Unzahl von Einfällen zum Bewußtsein, die sonst unfaßbar geblieben wären. Mit Hilfe dieses für die Selbstwahrnehmung neu gewonnenen Materials läßt sich die Deutung der pathologischen Ideen sowie der Traumgebilde vollziehen. Wie man sieht, handelt es sich darum, einen psychischen Zustand herzustellen, der mit dem vor dem Einschlafen [...] eine gewisse Analogie in der Verteilung der psychischen Energie [...] gemein hat. Beim Einschlafen treten die „ungewollten Vorstellungen“ hervor durch den Nachlaß einer gewissen willkürlichen (und gewiß auch kritischen) Aktion, die wir auf den Ablauf unserer Vorstellungen einwirken lassen; als Grund dieses Nachlasses pflegen wir „Ermüdung“ anzugeben; die auftauchenden ungewollten Vorstellungen verwandeln sich in visuelle und akustische Bilder. Bei dem Zustand, den man zur Analyse der Träume und pathologischen Ideen benützt, verzichtet man absichtlich und willkürlich auf jene Aktivität und verwendet die ersparte psychische Energie (oder ein Stück derselben) zur aufmerksamen Verfolgung der jetzt auftauchenden ungewollten Gedanken, die ihren Charakter der Vorstellungen (dies der Unterschied gegen den Zustand beim Einschlafen) beibehalten. Man macht so die „ungewollten“ Vorstellungen zu „gewollten [...]“.
Und doch ist ein „solches Zurückziehen der Wache von den Toren des Verstandes“, wie Schiller es nennt, ein derartiges sich in den Zustand der kritiklosen Selbstbeobachtung Versetzen keineswegs schwer. Die meisten meiner Patienten bringen es nach der ersten Unterweisung zustande; ich selbst kann es sehr vollkommen, wenn ich mich dabei durch Niederschreiben meiner Einfälle unterstütze.“
Sigmund Freud: Die Traumdeutung. Leipzig, Wien: 1900. In: Gesammelte Werke. Bd. 2/3, S. 106 ff. – Freud (1856–1939) begründete wesentlich durch die Selbstanalyse seiner eigenen Träume das Konzept der Psychoanalyse. Er beschreibt hier seine Technik der „kritiklosen Selbstbeobachtung“, die in der späteren Behandlungstechnik der Psychoanalyse der „freien Assoziation“ des Analysanden beziehungsweise der „gleichschwebenden Aufmerksamkeit“ des Analytikers entspricht. Freuds Hauptwerk entstand in der zweiten Hälfe der 1890er-Jahre. Selbstbewusst legte er für sein Jahrhundertwerk das Erscheinungsdatum 1900 fest (trotz seiner Fertigstellung im Herbst 1899).

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