ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2003Japan: Nur Ärzte „essen“ mittags

VARIA: Feuilleton

Japan: Nur Ärzte „essen“ mittags

Dtsch Arztebl 2003; 100(46): A-3031 / B-2517 / C-2359

Muroi, Carl; Watanabe, Toshihiko

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Obwohl Englisch inzwischen zur wichtigsten Fremdsprache
Japans geworden ist, existieren in der medizinischen Fachsprache – historisch bedingt – auch noch einige deutsche Begriffe.

Die deutsche Sprache hat momentan auch in der Medizin keine realen Chancen, sich als eine internationale Sprache durchzusetzen. Das Phänomen der Angloamerikanisierung, das in Deutschland auch auf Skepsis und Kritik stößt (2, 3), bekommt man in Japan ebenfalls zu spüren. Allerdings sind nach wie vor auch deutsche Ausdrücke gebräuchlich.
Die Japaner scheuten sich seit eh und je nicht, Wörter aus fremden Sprachen in die eigene zu integrieren. Sie passten die Aussprache nach ihren Bedürfnissen an und nahmen das Wort in den Wortschatz auf. So nimmt man an, dass zum Beispiel das japanische Wort „Karuta“ (in Anführungszeichen jeweils die japanische Aussprache nach deutscher Schreibweise) um das frühe 16. Jahrhundert von portugiesischen Seefahrern eingeführt wurde. „Karuta“ ist ein traditionelles japanisches Kartenspiel, das einer Nachahmung europäischer Spielkarten entspricht. Das Wort lässt sich vom portugiesischen Wort „cartão“ herleiten. Es handelt sich bei „karute“ um das Wort „Karte“. Im japanischen Krankenhausalltag wird dieser Begriff für die Krankenakte beziehungsweise Krankengeschichte verwendet. Der Patient wird in Japan als der Kranke („Kuranke“) bezeichnet. Das in verschiedensten Sprachen verwendete Wort „Patient“ existiert nicht. „Oben“, „Mitte“ und „Neben“: Mit diesen Worten wird die Hierarchie eingeteilt. „Oben“ umfasst Professoren, Klinikdirektoren und Leitende Ärzte. Unter die Kategorie „Mitte“ fallen Oberärzte und Residents. Assistenten beziehungsweise Freshmen fallen unter die Kategorie „Neben“. Anstelle von „Unten“ wird der Begriff „Neben“ verwendet, angeblich weil „Unten“ als erniedrigend und diskriminierend gilt. Im japanischen Krankenhausalltag sprechen Ärzte vom „Essen“, wenn sie zu Mittag essen. Außer den Ärzten verwendet niemand dieses Wort, selbst das Pflegepersonal nicht.
Begriffe aus dem Alltag
Amputation der Hand durch einen europäischen Militärarzt. Farbholzschnitt um 1815 Foto: akg-images
Amputation der Hand durch einen europäischen Militärarzt. Farbholzschnitt um 1815 Foto: akg-images
Bei „Muntera“ handelt es sich um das Ergebnis der Verstümmelung von Worten. Der ursprüngliche Ausdruck hieß „Mund Therapie“, womit das Aufklärungsgespräch mit Patienten und deren Angehörigen bezeichnet wird. „Merukumaaru“: Das Wort Merkmal („Merukumaaru“) wird ausschließlich von Chirurgen verwendet. Bei bestimmten Operationstechniken orientiert man sich an anatomischen Strukturen, die als „Merkmale“ dienen. Das Wort Narbe („Narubekutomii“) wird sinngemäß verwendet, besonders bei Keloiden. Es handelt sich dabei um eine Kombination aus dem deutschen Wort „Narbe“ und dem griechischen „Ektomie“. Das ist der japanische Fachausdruck für die Narbenexzision. Das Wort „Maagen“ wird ausschließlich von Viszeralchirurgen verwendet. Dabei ist nicht das Organ als solches gemeint, sondern die Magenoperation.
Interessanterweise handelt es sich um Ausdrücke, die ein deutsch Sprechender nicht in erster Linie mit der Medizin in Verbindung bringen würde. Vielmehr sind es Begriffe, die im deutschsprachigen Alltag auftreten. In diesem Kontext ist es auch interessant zu wissen, dass die Schulmedizin in Japan eine nur aus Japanisch bestehende Nomenklatur beziehungsweise Terminologie besitzt, wobei das System der lateinischen beziehungsweise griechischen Sprache entnommen ist. Es existiert also für jedes einzelne Gefäß, jeden einzelnen Nerv, jedes eigene Enzym oder Krankheitsbild eine japanische Bezeichnung.
Historischer Hintergrund
Die Meiji-Ära (1868 bis 1912) dürfte bei historisch Interessierten ein bekannter Begriff der japanischen Geschichte sein. In dieser Zeit verwandelte sich Japan in einem atemberaubenden Tempo von einem mittelalterlichen Feudalstaat zu einer nach westlichem Vorbild konzipierten imperialen Großmacht, und mit Staunen verfolgte der europäische Zivilisationskreis die Niederlage Russlands in einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Japan im Jahr 1905. In der Meiji-Ära wurde auch die Medizin nach westlichem Vorbild revolutioniert, und durch den Aufbau eines staatlichen Erziehungssystems auch ein entsprechendes Ausbildungssystem aufgebaut. Bis zur Meiji-Ära wurde die japanische Medizin und die durch den Buddhismus nach Japan gekommene chinesische Heilkunde praktiziert.
Die Ausbildung war eine Lehre, wobei der Lehrling vom „Meister“ besondere Behandlungsmaßnahmen, chirurgische und geburtshilfliche Handgriffe, erlernte. Diese Verfahren waren streng gehütete Geheimnisse, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Die Ausbildungsmethode erinnert an diejenige des mittelalterlichen Wundarztes in Europa. Einige europäische Ärzte verstanden es im 19. Jahrhundert, sich als „Meister“ zu etablieren. Unter anderem der Würzburger Philipp Franz von Siebold, der von 1823 bis 1826 und von 1859 bis 1862 als „Meister“ tätig gewesen war (4, 9, 11, 12). Siebold machte sich durch seine neuartigen erfolgreichen Behandlungsmethoden schnell einen Namen und baute eine eigene Medizinschule auf. Es gab eine Hand voll solcher westlicher Medizinschulen vor der Meiji-Ära, wobei diese lediglich eine Art von freiwilliger Ergänzungsschule für an ausländische Medizin Interessierte waren. Eine davon befand sich in Edo, dem heutigen Tokio. Mit dem Beginn der Meiji-Ära wurde diese Schule zu einer staatlichen Medizinschule namens Daigaku-Tôko. Ranghohe Persönlichkeiten waren der Überzeugung, dass die „deutsche Medizin“ die beste sei. Aufgrund dieser Überzeugung trat die japanische Regierung an den deutschen Geschäftsmann von Brandt heran und bat um die Entsendung deutscher Ärzte als Lehrer für die Staatliche Medizinschule in Tokio. Von Brandt empfahl in seinem Bericht an Berlin die Auswahl zweier Militärärzte, da diese infolge der Zugehörigkeit zur Kriegerkaste ein höheres Ansehen genossen.
Franz von Siebold
Franz von Siebold
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Deutsche Ärzte in Japan
Am 23. August 1871 trafen zwei deutsche Militärärzte an Bord eines Dampfers nach einer langen Reise im Hafen von Yokohama ein: Heeresoberstabsarzt Dr. Benjamin Carl Leopold Müller und Marinestabsarzt Dr. Theodor Eduard Hoffmann. Diesen beiden Herren verdankt Japan die organisatorische Grundlage seiner medizinischen Hochschulentwicklung (6, 7, 9). An der Medizinschule in Tokio waren vor Amtsantritt der beiden deutschen Ärzte abwechselnd holländische, englische, amerikanische und französische Lehrer tätig gewesen, die aber infolge ihrer untergeordneten und unselbstständigen Leitung keine wesentlichen Durchbrüche erzielen konnten. Die Sicherung der Selbstständigkeit der beiden deutschen Ärzte durch die energischen Bemühungen des deutschen Geschäftsmanns von Brandt war ausschlaggebend.
Philipp Franz von Siebold beim Aderlass; gezeichnet von seinem Begleiter Hubert de Villeneuve, um 1825 Fotos: Siebold-Gesellschaft, Würzburg
Philipp Franz von Siebold beim Aderlass; gezeichnet von seinem Begleiter Hubert de Villeneuve, um 1825 Fotos: Siebold-Gesellschaft, Würzburg
Die „Daigaku-Tôko“ wurde in die Kaiserlich Medizinisch-Chirurgische Akademie verwandelt und ein achtjähriger Studienplan gesetzlich festgelegt. Als ausländische Unterrichtssprache war allein Deutsch zugelassen, einerseits, um eine Zersplitterung zu vermeiden, und andererseits, um eine gute Ausgangslage für die Weiterbildung in Deutschland zu schaffen. 1877 wurde die Universität Tokio gegründet und die Kaiserlich Medizinisch-Chirurgische Akademie zur Medizinischen Fakultät der Universität. 1883 wurde durch die Regierung eine staatlich vorgeschriebene Medizinalprüfung als gesetzliche Voraussetzung für die Ausübung des Berufes als Arzt vorgeschrieben. Nach und nach wurden deutsche Ärzte nach Japan berufen (5, 8). Im Laufe der Zeit reisten begabte japanische Ärzte zur Fortbildung nach Deutschland. Nach der Rückkehr wurden viele dieser Ärzte Professoren an Medizinischen Fakultäten der neuen Universitäten, die durch unvorstellbare Aufbaugeschwindigkeit innerhalb von knapp anderthalb Jahrzehnten nach europäischem Muster geschaffen wurden. Hayari Miyake ist ein bekanntes Beispiel (4). Er eignete sich chirurgisches Wissen an der Universität in Breslau (heute Wroclaw in Polen) im Jahr 1898 an. 1904 wurde er zum Professor der Chirurgischen Klinik an der Kaiserlichen Universität in Kyushu ernannt. Unter anderem publizierte er 1913 in einer deutschsprachigen medizinischen Zeitschrift eine Studie über Gallensteine (10). Die einseitige Orientierung nach Deutschland und die deutsch-japanischen Beziehungen in der Medizin dauerten bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges an. Die Krankenakten und Berichte wurden in Japan bis circa 1950 teilweise in deutscher Sprache geschrieben.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlosch durch die politische Neuorientierung der Einfluss durch Deutschland. Die japanischen Ärzte orientierten sich jetzt an den Vereinigten Staaten. Die US-amerikanische Militärregierung in Japan begann mit dem Wiederaufbau des japanischen Gesundheitssystems und brachte zahlreiche Professoren nach Japan. Englisch wurde zur wichtigsten Fremdsprache in der japanischen Medizin, und für die Karriere war nicht mehr ein Deutschlandaufenthalt wichtig, sondern einer in den
USA (4). Dr. med. Carl Muroi
Dr. med. Toshihiko Watanabe


Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das im Internet unter www.aerzteblatt.de/lit4603 abrufbar ist.
1.
Ammon U: Ist Deutsch noch internazionale Wissenschaftssprache? Walter de Gruyter, Berlin, New York 1998:205-213;2835-286.
2.
Hasse W, Fischer R: VOLLTEXT Englisch in der Medizin. Dtsch Ärztebl 2001;47:117-118.
3.
Hasse W, Fischer RJ: The medical profession against Anglicization in medicine. Results of a survey. Dtsch Med Wochenschr 2003 Jun 13;128(24):1338-1341. MEDLINE
4.
Hiki S: Surgeons who contributed to the enlightenment of Japanese medicine. World J Surg 2001;25(11):1383-1387. MEDLINE
5.
Koseki T: Hans Gierke and Joseph Disse; foreign teachers of anatomy at Tokyo University early in the Meiji Era (part I). Nippon Ishigaku Zasshi 1982;28(3):317-327. [Artikel in japanisch] MEDLINE
6.
Koseki T: Notes on Leopold Muller and Theodor E. Hoffmann, founders of the medical school of Tokyo in the early Meiji Era. Nippon Ishigaku Zasshi 1983;29(3):276-290. [Artikel in japanisch] MEDLINE
7.
Koseki T: Notes on Leopold Muller and Theodor E. Hoffmann, founders of the Medical School of Tokyo in the early Meiji era. Nippon Ishigaku Zasshi 1988;34(4):585-600. [Artikel in japanissch] MEDLINE
8.
Koseki T: Textbook of surgery by W. Schultze, used at the Tokyo Medical Academy in the early Meiji era. Nippon Ishigaku Zasshi 1993;39(2):169-178. [Artikel in japanisch] MEDLINE
9.
Kritzler-Kosch H: Deutsche Sanitätsoffiziere als Pioniere der japanisch medizinischen Hoschulentwicklung. Dtsch med Wschr 1940;66:296-299,324-327.
10.
Miyake H: Statistische, klinische und chemische Studien zur Aetiologie der Gallensteine mit Berücksichtigung der Japanischen und Deutschen Verhältnisse. Langnbecks Arch Klin Chir 1913;101:54.
11.
Veldman JE: A historical vignette: red-hair medicine. ORL J Otorhinolaryngol Relat Spec 2002;64(2):157-165. MEDLINE
12.
Veldman JE: Surgery by the red-haired barbarians; Dutch physicians in Japan, 1600-1870. Ned Tijdschr Geneeskd 2001;145(52):2542-2547. MEDLINE
1. Ammon U: Ist Deutsch noch internazionale Wissenschaftssprache? Walter de Gruyter, Berlin, New York 1998:205-213;2835-286.
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5. Koseki T: Hans Gierke and Joseph Disse; foreign teachers of anatomy at Tokyo University early in the Meiji Era (part I). Nippon Ishigaku Zasshi 1982;28(3):317-327. [Artikel in japanisch] MEDLINE
6. Koseki T: Notes on Leopold Muller and Theodor E. Hoffmann, founders of the medical school of Tokyo in the early Meiji Era. Nippon Ishigaku Zasshi 1983;29(3):276-290. [Artikel in japanisch] MEDLINE
7. Koseki T: Notes on Leopold Muller and Theodor E. Hoffmann, founders of the Medical School of Tokyo in the early Meiji era. Nippon Ishigaku Zasshi 1988;34(4):585-600. [Artikel in japanissch] MEDLINE
8. Koseki T: Textbook of surgery by W. Schultze, used at the Tokyo Medical Academy in the early Meiji era. Nippon Ishigaku Zasshi 1993;39(2):169-178. [Artikel in japanisch] MEDLINE
9. Kritzler-Kosch H: Deutsche Sanitätsoffiziere als Pioniere der japanisch medizinischen Hoschulentwicklung. Dtsch med Wschr 1940;66:296-299,324-327.
10. Miyake H: Statistische, klinische und chemische Studien zur Aetiologie der Gallensteine mit Berücksichtigung der Japanischen und Deutschen Verhältnisse. Langnbecks Arch Klin Chir 1913;101:54.
11. Veldman JE: A historical vignette: red-hair medicine. ORL J Otorhinolaryngol Relat Spec 2002;64(2):157-165. MEDLINE
12. Veldman JE: Surgery by the red-haired barbarians; Dutch physicians in Japan, 1600-1870. Ned Tijdschr Geneeskd 2001;145(52):2542-2547. MEDLINE

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