VARIA: Post scriptum

Eine neue Krankheit

Dtsch Arztebl 2003; 100(46): [64]

Mamat, Hartmut

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Es soll hier ein neues Krankheitsbild beschrieben werden, das sich in letzter Zeit fast epidemieartig ausgebreitet hat. Nicht dass einer an das alte Volkslied denkt: Es klappert die Mühle am Lauterbach. Expertitis entsteht dann, wenn Politiker etwas entscheiden sollen, was sie gar nicht übersehen können. Da gibt es dann allgemeine politische Richtlinien, die auch nicht konkret genug sind.
Es fehlt der eigene Überblick, weil man ja selbst mit diesen Dingen keine praktischen Erfahrungen hat. Wenn dann die eigene Euphorie der Selbstüberschätzung auf kritische Stimmen aus der Praxis trifft, werden natürlich Stresshormone ausgeschüttet. Die Reden wandeln sich ins Nebelhafte, und schließlich steigt der Spiegel an Interleukin-1. Damit geht dann der Entscheidungsprozess in einen Entzündungsprozess über. Alle möglichen Personen aus Koalitionen und Oppositionen entzünden sich an dem Thema. Jeder ist scheinbar schlauer als der andere, und so bläht sich alles zu einem entzündlichen Ödem auf. Wenn dann die eigenen Ressourcen nicht mehr ausreichen, zieht man „Experten“ zu Rate. Dabei ist Experte kein Berufsbild, sondern man wird kraft des Amtes eines Politikers dazu ernannt. Wichtig sind dabei nur Titel und Rhetorik, das wirklich praktische Wissen ist eher nebensächlich. Es soll ja sowieso möglichst keiner verstehen, wovon die Rede ist. Wenn so einer nach dem anderen Experten zur Expertitis bei den Politikern geführt hat und jeder seine eigene Meinung so angeblich belegen kann, könnte es sein, dass immer noch drei Leute vier Meinungen haben.
Um diesem Umstand abzuhelfen, werden dann aus Experten und Leuten, die sich für Experten halten, Kommissionen gebildet. Dann hat die Expertitis ihren Höhepunkt erreicht und schlägt in die Kommissionitis um. Diese führt dann zur allgemeinen Ausweitung von der politischen Szene bis in die Bevölkerung, weil tröpfchenweise unsinnige Worte aus undichten Stellen der Kommissionen bis zu den Journalisten durchdringen. Dr. med. Hartmut Mamat
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