ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2003zu Aktien: Selektive Wahrnehmung

VARIA: Schlusspunkt

zu Aktien: Selektive Wahrnehmung

Dtsch Arztebl 2003; 100(47): [72]

Rombach, Reinhold

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Wir alle haben die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen. Selbst mit gehörigem Größenwahn ausgestattete Börsianer fallen, wie andere halt auch, immer wieder auf die Nase. Das hat nicht nur damit zu tun, dass sich die Aktienkurse einfach nicht an das Bild halten, das der Betrachter von ihnen zusammengepinselt hat.
Nein, die selektive Wahrnehmung hochkomplexer Zusammenhänge, wie sie eben auch bei börsennotierten Gesellschaften vorzufinden sind, macht die Sache so schwierig. Selbst wenn alle Informationen über Unternehmen wirklich wahr wären, bliebe offen, ob das richtige Zeitfenster im Betrachtungshorizont gewählt wurde. Interessieren mich mehr die Fragen, wie in der Vergangenheit gewirtschaftet wurde, oder ist die Zukunft des Unternehmens mit eindeutigen Kennzahlen auf wie viele Jahre hinaus sicher planbar? Das Erkenntnis-Elend kommt erst recht über uns, wenn klar wird, dass nirgends mehr gelogen wird als in Pressekonferenzen und Analystenveranstaltungen sowie in ausgesuchten Gerüchtezirkeln, was durchaus auch für renommierte Unternehmen gilt. Informationen sind längst nicht dazu da, interessierten Kreisen ein klares Bild über das Unternehmen zu verschaffen, sondern es wird immer nur das vermittelt, was vermittelt werden soll.
Der kolportierte Börsengang von Google hat das Zeug, als Paradebeispiel herzuhalten. Die Betreiber der weltweit operierenden Internetsuchmaschine kündigten an, ihr Unternehmen an die Börse zu bringen. Die Nummer eins der Branche löste mit ihren Plänen, die Aktien nicht über Banken an den Mann bringen zu wollen, sondern sie über das Internet versteigern zu lassen, eine Hysterie unter den Usern weltweit aus.
Es besteht indes durchaus die Gefahr, dass dieser Wahnsinn auch auf den normalverrückten Börsianer übergreift und sich die armen Menschen die Google-Aktien gegenseitig via Überbietung aus den Händen reißen.
Der Marketing-Gag ist durchaus gewollt. Warum eigentlich geht Google an die Börse? Dringender Kapitalbedarf kann wohl nicht der Grund für eine Emission sein, mit einem Jahresgewinn von 100 Millionen Dollar schwimmt Google geradezu im Geld.
Vielmehr kann ich mich des Eindruckes nicht erwehren, dass es um eine andere Wahrheit geht, die nämlich, dass sich die Firmengründer still und heimlich davonmachen wollen. Und das vermutlich deswegen, weil sie Angst um die Zukunft ihres Unternehmens haben.
Berechtigt wären solche Befürchtungen allemal. Google ist eine Suchmaschine und sonst nichts. Zwar Branchenführer, aber wie lange noch, die Konkurrenz schläft schließlich nicht. Vor allem Microsoft lauert und will, so ist zu hören, nächstes Jahr eine konkurrierende Suchmaschine auf den Markt bringen. Merke also, die Wahrheit ist nicht immer der Freund der veröffentlichten Meinung. Auf dem glatten Parkett der Weltbörsen schon gar nicht.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema