POLITIK

„Rekress“

Dtsch Arztebl 2003; 100(47): A-3063 / B-2543 / C-2377

Böhmeke, Thomas

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Die bucklige Verwandtschaft ist zu Besuch. „Onkel Thomas, wann wirst du endlich richtiger Arzt?“ Ich bin völlig entrüstet ob dieser ehrabschneidenden Verbalattacke; also muss sich der freche Neffe alles über meinen akademischen Werdegang, über die vielen Jahre auf der Uni, die unzähligen Nachtdienste sowie die Freuden einer 60-Stunden-Woche anhören. „Aber das meine ich doch gar nicht, Onkel Thomas, ich meine, wie ist das mit dem Geld?“ Ich bin verdutzt. „Na ja, ich habe mehrere Regresse in fünfstelliger Höhe . . .“ „Ist das eine Krankheit oder besonders viel Geld?“ will der andere Neffe wissen. Ich überlege lange, mir der erzieherischen Verantwortung, die in diesem Moment auf mir lastet, voll bewusst. „Also, streng genommen . . . sowohl als auch!“ „Du redest immer so komisch, Onkel Thomas. Was ist das denn nun, ein Rekress?“ hakt der Neffe unerbittlich nach. Ich überlege noch länger. „Also . . . du musst dir das so vorstellen . . . du bist Fachmann für, sagen wir, Süßigkeiten und artverwandtes Naschwerk, und deine Kumpel vom Kindergarten wollen unbedingt von dir wissen, welche die besten Süßigkeiten sind, also solche, die richtig gut schmecken. Du sagst es ihnen, und natürlich wollen sie auch welche haben. Ein Jahr später kommen die Eltern deiner Kumpel und wollen dein Taschengeld einkassieren, weil der Süßigkeitskonsum deiner Kumpel gemäß der ständigen Rechtsprechung des Bundessozialgerichtes einen unzulässigen Mehrverbrauch dargestellt hat, der im Vergleich mit dem Fachgruppendurchschnitt eine umfassende unwirtschaftliche Handlungsweise darstellte.“ Die Neffen blicken mich entsetzt an. Ich versuche es noch einmal. „Du darfst also die Empfehlung einer Süßigkeit nicht bewirken, wenn deren Verzehr zur Erzielung eines Sättigungserfolges unwirtschaftlich ist.“ Das Interesse der Neffen schwindet sichtlich, sie wenden sich angewidert ab. Ich sehe ein, dass ich auf diese Weise die künftigen Generationen nicht für den Arztberuf begeistern kann, und wechsle das Thema. „Was wollt ihr denn werden, wenn ihr mal groß seid?“ frage ich sie in der hoffnungsvollen Erwartung, künftigen Jetpiloten oder gar Gehirnchirurgen gegenüberzusitzen. „Sozialfall! Sozialfall!“ krähen die Neffen fröhlich. „Oder meinst du etwa, wir wären so blöd und studieren wie du zehn Jahre auf der Unität, um dann so komische Krankheiten wie Rekress zu kriegen?“ Dr. med. Thomas Böhmeke
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