ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2003Medizinische Versorgungszentren: Gewinner der Reform

POLITIK

Medizinische Versorgungszentren: Gewinner der Reform

Dtsch Arztebl 2003; 100(47): A-3066 / B-2546 / C-2380

Richter-Kuhlmann, Eva

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Foto: Georg J. Lopata
Foto: Georg J. Lopata
Neben grünem Pfeil und Rotkäppchen-Sekt soll sich jetzt auch das Modell der ehemaligen Polikliniken der DDR bundesweit in der ambulanten Versorgung etablieren.

Von einem solchen Tag haben die Mitarbeiter des Gesundheitszentrums am Berliner Alexanderplatz vor wenigen Jahren nur geträumt. Regelrecht überschüttet mit Anerkennung und positiver Resonanz wurden sie auf einer Fachkonferenz in Berlin anlässlich ihres 80-jährigen Bestehens am 11. November. Das „Goldkorn“ ihrer Reform nannte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt die Gesundheitszentren. Die AOK Berlin lobte die langjährige Zusammenarbeit mit dem „Haus der Gesundheit“, und der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bund-
esvereinigung (KBV), Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, unterstrich das Wohlwollen, mit dem die KBV den Zentren nach Jahren der Reserviertheit jetzt gegenüberstünde.
Geschuldet ist dieser Zuspruch nicht nur einem höflichen Gratulationsritual, sondern auch einer veränderten politischen Konstellation. Mit der am 1. Januar 2004 in Kraft tretenden Gesundheitsreform sollen die bisher nur in Ostdeutschland als Auslaufmodell zugelassenen Zentren bundesweit Teil der ambulanten Versorgung werden. Hervorgegangen aus den Polikliniken der ehemaligen DDR, heißen die Gesundheitszentren dann Medizinische Versorgungszentren. Der entscheidende Unterschied zu den Polikliniken alter Prägung: Bei bei ihnen können sich sowohl angestellte als auch freiberufliche Vertragsärzte ansiedeln – ein Fakt, für den die KBV gekämpft hatte.
Alternative zu Kliniken bei der Integrierten Versorgung
Nicht nur als effektives und für die Patienten praktisches Modell werden die Medizinischen Versorgungszentren jetzt angesehen, sondern auch als Protagonisten für die Etablierung der Integrierten Versorgung. „Gesundheitszentren sind die geborenen Vertragspartner für die Integrierte Versorgung“, betonte die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin. Mit ihren bereits bestehenden Kooperationsstrukturen hätten sie die besten Voraussetzungen, Verträge zu schließen. Auch Prof. Dr. Jürgen Wasem, Universität Duisburg-Essen, kann sich die Medizinischen Versorgungszentren gut als „Managementzentrale“ für weitere Akteure vorstellen. Wenn auch nicht als „geborene Vertragspartner“, so doch als „einzig ernst zu nehmende Alternative zu den Krankenhäusern“ sieht Detlef Affeld, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes der Gesundheitszentren und Praxisnetze e.V. (VGZ), die Zentren.
Die Nase vorn scheinen in Bezug auf die Integrierte Versorgung allerdings die Krankenhausträger zu haben. „Die Ärzte schlafen noch“, sagt Rainer Jeniche, Geschäftsführer des VGZ, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Der Verband erhielte unzählige Anfragen von Krankenhausträgern, wie von der Helios Kliniken GmbH oder von der Rhön-Klinikum AG. Die Helios Kliniken beispielsweise wollten nach dem Kauf des Krankenhauses in Berlin-Buch nun auch das dort unter einem Dach befindliche Gesundheitszentrum mit 34 Praxen übernehmen. Ähnliche Projekte stünden in Brandenburg an: So würden die kommunalen Kliniken Havelland Klinikum Nauen und das Krankenhaus Schwedt im kommenden Jahr bereits bestehende Gesundheitszentren der Region an ihr Haus angliedern. Derlei Initiativen können jedoch auch vom ambulanten Bereich ausgehen. Beispiel Rheumatologische Sprechstunden in Brandenburg: Sektorübergreifend betreuen gemäß der Rahmenvereinbarung nach § 140d SGB V die Gesundheitszentren Potsdam, Wildau, Lübbenau und Strausberg, das Johanniter Krankenhaus Fläming GmbH in Treuenbrietzen, die Carl-Thiem-Kliniken Cottbus sowie zwei niedergelassene Vertragsärzte AOK-versicherte Rheumapatienten.
Rasches Handeln hält auch Richter-Reichhelm für geboten: „Die Vertragsärzte täten gut daran, möglichst bald Medizinische Versorgungszentren zu gründen, sonst kommen ihnen die Krankenhausträger zuvor.“ Ausschließlich gewinnorientierte Betreiber müssten als Träger der Zentren ausgeschlossen bleiben. Die Chancen für Vertragsärzte, ein Versorgungszentrum zu gründen, schätzt Richter-Reichhelm als günstig ein: „Da sie an die Bedarfplanung bereits gebunden sind, haben zugelassene Ärzte einen Vorsprung.“
Von den 1 650 Polikliniken der ehemaligen DDR existieren derzeit noch 30 Gesundheitszentren in Berlin und Brandenburg. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Schmidt hofft demnächst auf bundesweit 500 Versorgungszentren.
Dr. med. Eva A. Richter-Kuhlmann
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