ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2003Der Umgang mit vorgeburtlichem Leben: Regeln und Ausnahmen

THEMEN DER ZEIT

Der Umgang mit vorgeburtlichem Leben: Regeln und Ausnahmen

Dtsch Arztebl 2003; 100(47): A-3078 / B-2558 / C-2389

Klinkhammer, Gisela

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Foto: OKAPIA
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Die relevanten Glaubensinhalte der Weltreligionen wurden auf der Jahrestagung des Nationalen Ethikrates gegenübergestellt.

Man wunderte sich zunächst vielleicht, warum der Nationale Ethikrat sich auf seiner diesjährigen Jahrestagung Ende Oktober in Berlin ausgerechnet mit dem eher ausgefallenen Thema „Der Umgang mit vorgeburtlichem Leben in anderen Kulturen“ beschäftigte. Der Vorsitzende des Gremiums, Prof. Dr. jur. Spiros Simitis, erläuterte denn auch gleich zu Beginn, weshalb ausgerechnet die Beschäftigung mit Weltreligionen Hilfestellung bei der Suche nach nationalen Lösungen auf drängende medizinethische Fragestellungen liefern kann. Er ist der Auffassung, dass man nur dann eine gemeinsame Lösung finden könne, wenn man die unterschiedlichen Auffassungen kennt. Auch in Deutschland müssten die Vorstellungen eingebracht werden, „die durch Migration in unser Land gekommen sind“.
Doch dass es in den Weltreligionen keine einfachen und eindeutigen Antworten gibt, verdeutlichten bereits die Vorträge zum Islam. So betonte Prof. Dr. Sadek Beloucif, Mitglied des französischen Nationalen Ethikrates, dass im Islam der heilige Charakter des Lebens respektiert werden müsse. Der Fötus gelte als schützenswert vom Beginn seiner Beseelung an, das sei für die meisten Rechtsgelehrten vom 40. Tag an. Für andere allerdings beginne das Leben bereits mit der Zeugung. Abtreibungen eines beseelten Embryos seien deshalb verboten. Künstliche Befruchtung sei dann erlaubt, wenn dafür nicht die Samen- oder Eizellen fremder Spender verwendet werden. Das therapeutische Klonen sei im Gegensatz zum reproduktiven Klonen unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt. Zwar müsse auch die Würde so genannter überzähliger Embryonen respektiert werden. Doch können Beloucif zufolge überzählige Embryonen dennoch für die Forschung akzeptiert werden, da sie ansonsten der Zerstörung anheim fallen würden.
Zwischen Ideologie einerseits und der Realität andererseits gibt es allerdings starke Unterschiede, die Dr. Carla Makhlouf Obermeyer von der Welt­gesund­heits­organi­sation erläuterte. Viele islamische Staaten hätten aus der Kolonialzeit restriktive Regelungen des Schwangerschaftsabbruchs „geerbt“. In 28 islamischen Ländern, in denen die Sharia gelte, sei Schwangerschaftsabbruch verboten. Nur in Bahrain, der Türkei und Tunesien seien die Abtreibungsgesetze liberaler gestaltet. Doch auch in den Ländern mit restriktiver Regelung gebe es „viel Spielraum“. So sei in Ägypten der Schwangerschaftsabbruch verboten. Die Polizei greife in der Regel jedoch nur dann ein, wenn es zu Todesfällen komme. In Bangladesch werde ein Schwangerschaftsabbruch einfach als Regulierung der Monatsblutung bezeichnet. Auch in islamischen Ländern „schießen die In-vitro-Fertilisationszentren wie Pilze aus dem Boden“. Sie dienten der „stillen Rettung vieler Ehen“, seien jedoch nur einer wohlhabenden Schicht zugänglich und würden vorwiegend bei der Unfruchtbarkeit des Mannes in Anspruch genommen.
Im Judentum, so Prof. Dr. Avraham Steinberg, Jerusalem, beginne das Leben des Fötus erst mit der Nidation, sodass zwischen Präembryo und Embryo unterschieden werden müsse. Menschliche Würde käme allerdings auch dem Präembryo zu. Sogar der Samen sei schützenswert, weshalb Samenspenden und Masturbation verboten seien. Die Präimplantationsdiagnostik (PID) sei zulässig, da sie lediglich eine Vernichtung defekter Präembryonen bedeute. Auch embryonale Stammzellforschung sei erlaubt. Auf die Frage, warum denn Masturbation zum Schutz von Samen unzulässig, dagegen PID und embryonale Stammzellforschung erlaubt seien, antwortete Steinberg: „Diese Techniken sind nur deshalb erlaubt, weil die Vorteile die Nachteile überwiegen.“ Schließlich könnten durch die Stammzellforschung möglicherweise Menschenleben gerettet werden. Und die Gefahr, ein Kind mit schweren Missbildungen zur Welt zur Welt zu bringen, habe mehr Gewicht als die noch relativ geringen Rechte des Präembryos. Abtreibungen seien, so Steinberg, im Judentum in der Regel nur in den ersten 40 Schwangerschaftstagen zulässig.
Prof. Shimon Glick, Beer Sheva, berichtete über die Praxis in Israel. Unter britischem Mandat, also bis 1948, seien Abtreibungen verboten gewesen; sowohl die Frau als auch der Arzt hätten mit strengen Strafen rechnen müssen. Nach der Entstehung des Staates Israel sei dieses Gesetz bis auf eine Lockerung im Jahr 1966 weiter in Kraft geblieben. 1977 sei das Abtreibungsrecht neu geregelt worden. Danach seien Schwangerschaftsabbrüche unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt worden. Unter dieser Gesetzgebung kam es zu 15 000 bis 20 000 legalen Abtreibungen jährlich, wobei die größte Zahl unter die so genannte soziale Indikation fiel. Als im Jahr 1979 die Regierung wechselte, fiel den religiösen Parteien eine größere Bedeutung zu, was zur Streichung der sozialen Indikation geführt habe. Dies habe sich jedoch als Pyrrhus-Sieg erwiesen. Denn auch nach dem Wegfall der sozialen Indikation sei die Zahl der legalen Abtreibungen nicht gesunken. Die Ursache: Die sozialen Indikationen seien einfach als medizinische Indikationen erklärt worden.
Es gebe kein Land auf der Welt, in dem so viele Gentests und pränatale Diagnostik wie in Israel vorgenommen würden. Drei Prozent aller in Israel geborenen Kinder seien durch In-vitro-Fertilisation entstanden. Für die Forschung an embryonalen Stammzellen wurden im Jahr 2001 Leitlinien eines Beratenden Bioethischen Komitees der Israelischen Wissenschaftsakademie vorbereitet. Diese Leitlinien versuchten die Balance zwischen dem Lebensschutz des menschlichen Embryos und dem „enormen lebensrettenden Potenzial der Stammzellforschung“ zu wahren. Die Erzeugung von embryonalen Stammzellen für Forschungszwecke ist daher verboten, die Forschung an „überzähligen“ Embryonen jedoch erlaubt. Die Präimplantationsdiagnostik sei eine in Israel gängige Praxis.
Der große Unterschied der asiatischen zu den monotheistischen Religionen besteht vor allem in dem Glauben an Wiedergeburt und Reinkarnation, wie Dr. Damien Keown berichtete. Und dieser Glaube präge auch die Einstellung zum Embryo. Geburt und Tod seien wie Drehtüren, durch die jedes Individuum immer und immer wieder hindurchgehe. Eines der Grundprinzipien der buddhistischen Ethik sei die Gewaltfreiheit, und dazu gehöre auch der Respekt vor dem Leben, der sich nicht nur auf menschliches Leben, sondern auch auf Tiere und sogar Pflanzen beziehe. Der Buddhismus lehre, dass die verschiedenen Formen von Leben ein Kontinuum bilden, das heißt, die Lebensform kann entweder ein Tier, ein Mensch oder sogar ein Gott sein. In Anbetracht der Tatsache, dass der Mensch wiedergeboren werden könne, sei das Töten von Menschen in jedem Zustand seines Lebens, geboren oder ungeboren, moralisch verwerflich.
In den traditionelleren buddhistischen Ländern wie Thailand und Sri Lanka sei Abtreibung außer in einigen begründeten Ausnahmen verboten. Illegale Abtreibungen seien jedoch an der Tagesordnung. Jährlich würden in Thailand circa 300 000 Abtreibungen in einer der zahlreichen illegalen Abtreibungskliniken vorgenommen. In Japan, wo Schwangerschaftsabbrüche legal sind, würden jährlich mehrere Millionen Abtreibungen vorgenommen.
Im Hinduismus sei nach den ayurvedischen Texten der Fötus Mensch von der Empfängnis an, da er ab diesem Zeitpunkt Seele und Körper habe, einschließlich des Karmas, das seine Individualität begründe, erläuterte Prof. Katherine K. Young, Montreal. Der Fötus sei durch das ethische Prinzip des ahimsa, der Gewaltfreiheit, geschützt, und durch die Pflicht, den Fötus zu schützen, sei auch das Verbot des Schwangerschaftsabbruchs begründet. Abtreibung gelte als aktive Tötung und als ebenso verwerflich wie Beischlaf mit der Frau des Gurus, Mord und das Essen von Rindfleisch. Schwangerschaftsabbruch werde mit schweren Strafen belegt, wie zum Beispiel mit dem Verlust der Kaste, was den Verlust des rituellen und sozialen Status bedeutet. Die einzige Ausnahme, bei der ein Schwangerschaftsabbruch straffrei ausgehe, sei auch im Hinduismus die Rettung des Lebens der Mutter.
Dr. Jyotsna Gupta, Leiden, machte deutlich, dass es in der Realität häufig anders aussieht. So sei in Indien im Jahr 1971 die Abtreibungsregelung liberalisiert worden, um das rasante Bevölkerungswachstum einzudämmen. Durch die Globalisierung hätten zunehmend auch die Möglichkeiten der westlichen Reproduktionsmedizin und pränatalen Diagnostik Einzug gehalten. Die Amniozentese sei jedoch keine Form der pränatalen Diagnostik, sondern eine Form der Geschlechtsbestimmung geworden. Töchter seien in der indischen Gesellschaft unerwünscht, weil die Familie für sie eine beträchtliche Mitgift bieten müsse. Zwar sei die Geschlechtsselektion im Jahr 1994 verboten worden, sie sei jedoch dennoch gängige Praxis. Zunehmend würden in Indien auch Möglichkeiten der extrakorporalen Fertilisation, wie Ei- und Samenspenden, aber auch Leihmutterschaft angeboten, was zu einem regelrechten „Fertilitätstourimus“ geführt habe. Im vergangenen Jahr habe die indische Regierung von einem Ausschuss zwei Richtlinienentwürfe erarbeiten lassen, wonach das therapeutische Klonen bei bis zu 14 Tagen alten Embryonen erlaubt sei, allerdings nur mit Zustimmung der „Besitzer“ der Embryonen.
Im Konfuzianismus sei es dem Menschen verboten, Gott zu spielen und in die Schöpfung einzugreifen, führte Dr. Julia Tao Lai Po-wah, Hongkong, aus. Die Natur sei ein moralischer Prozess, der Leben gibt und zu Leben führt. Die Mission des Menschen sei es, der Natur zu helfen. Menschen dürften und müssten die Natur zwar verändern, es sei jedoch nicht hinnehmbar, so weit in die Natur einzugreifen, dass Designerbabys entstehen. Der Mensch werde nämlich unvollkommen geboren, und er habe das Potenzial zur Perfektionierung, die er selbst erreichen müsse. Man sei verpflichtet zu handeln, dürfe seine Grenzen aber nicht überschätzen. Doch trotz dieser religiösen Vorgaben wird die Embryonenforschung in China konsequent weiter vorangetrieben.
Deutlich wurde letztendlich, dass allen Religionen die Ehrfurcht vor dem Leben und das Wissen von der Unverfügbarkeit des Menschen gemeinsam sei, wie Prof. Dr. theol. Eberhard Schockenhoff, Freiburg, ausführte. Einigkeit gibt es jedoch nicht in der grundlegenden Frage, ab wann Leben eigentlich beginnt. Landesbischof Prof. Dr. theol. Wolfgang Huber, neu gewählter Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, wies abschließend darauf hin, dass die Antworten der Religionen lange vor dem Beginn der Reproduktionsmedizin gefunden wurden. „Jetzt muss ihre Anwendbarkeit überprüft werden.“ – Das Christentum war übrigens nicht Gegenstand der Tagung.
Gisela Klinkhammer
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