ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2003Studium in Ungarn: Akademische Umwege zum Arztberuf

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Studium in Ungarn: Akademische Umwege zum Arztberuf

Dtsch Arztebl 2003; 100(47): A-3080 / B-2560 / C-2391

Eberhardt, Elke

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Rektor Péter Sótonyi (links) ernannte den Präsidenten der Bundesärztekammer, Jörg- Dietrich Hoppe, zum Ehrensenator.
Rektor Péter Sótonyi (links) ernannte den Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Jörg- Dietrich Hoppe, zum Ehrensenator.
Seit 20 Jahren gibt es an der Semmelweis-Universität einen deutschsprachigen Studiengang für Medizin.
Rund 600 Ehemalige trafen sich zum Festakt in Budapest.

Wenig hat sich in den letzten 20 Jahren an der hervorragenden Ausbildung der Semmelweis-Universität geändert, im Leben und in der Politik fast alles.“ Diese positive Bilanz zog der ungarische Bildungsminister Dr. Bálint Magyar bei seiner Ansprache anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der deutschsprachigen Studiengänge an der Budapester Hochschule. Mehr als 3 000 deutschsprachige Studenten hatten sich in den letzten zwei Jahrzehnten für Human- und Zahnmedizin sowie Pharmazie immatrikuliert, fast 600 Ehemalige waren der Einladung des Rektors der Semmelweis-Universität, Prof. Dr. med. Péter Sótonyi, in die ungarische Hauptstadt gefolgt. Für viele war es nach langer Zeit das erste Wiedersehen.
Ein Sprachkurs in Ungarisch ist obligatorisch
„Von der Möglichkeit, in Ungarn zu studieren, hatte ich von meiner Tante erfahren“, erzählt Elke. „Zuvor habe ich, da ich in Deutschland über die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen keinen Studienplatz bekommen hatte, ein Jahr in Gent studiert. Zusammen mit zahlreichen weiteren Interessenten bewarb ich mich dann – mit Erfolg – um einen der 120 Medizinstudienplätze, die die Semmelweis-Universität in Budapest im Herbst 1983 erstmals für Deutsche zur Verfügung stellte. Wir erfüllten damals eine Art Pfadfinderfunktion, erprobten – an den hohen bundesdeutschen Numerus-clausus-Hürden für ein Medizinstudium vorbei – bisher unbekannte akademische Umwege zum Arztberuf.“ Alle 29 Absolventen des ersten deutschsprachigen Jahrgangs haben übrigens – ohne AiP – sofort nach dem Studium eine Anstellung in deutschen Kliniken gefunden.
Die Vorlesungen und Seminare finden in den ersten beiden Studienjahren ausschließlich auf Deutsch statt; nebenbei wird in einem obligatorischen Sprachkurs (vier Wochenstunden) die ungarische Sprache erlernt, die nicht nur im Alltagsleben notwendig erscheint, um ein „Bécsi szelet káposztával“ (Wiener Schnitzel mit Kraut) zu bestellen, sondern auch zwingende Voraussetzung für den Patientenkontakt in den Praktika und Famulaturen ab dem dritten Studienjahr darstellt. „Jedes halbe Jahr findet eine mündliche Prüfung statt, da muss man schon etwas tun“, sagt der 22-jährige Michael, der vor zwei Jahren in Budapest mit dem Medizinstudium begonnen hat und nach dem Physikum an eine deutsche Hochschule wechseln will. „Ich habe keine Freizeit mehr, nur noch büffeln. Erst zweimal war ich hier im Kino, ansonsten besteht mein Leben nur aus Vorlesung, Lernen und teurer Nachhilfe. Wir Deutsche leiden unter unserer schlechten Schulausbildung, denn in den Naturwissenschaften sind wir alle auf dem Niveau eines Neandertalers.“
Da das Studium stark naturwissenschaftlich ausgerichtet ist, werden jene Bewerber bevorzugt, die Physik, Chemie, Biologie oder Mathematik als Leistungskurs absolviert haben oder naturwissenschaftliche Fächer an einer Universität belegt haben.
„Die Medizinerausbildung in Budapest sticht dadurch hervor, dass sie von vornherein sehr praxisbezogen ist – bis auf eine theorielastige Zeit am Anfang des Studiums“, betonte Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundes­ärzte­kammer, der im Rahmen des Festaktes zum Ehrensenator der Universität ernannt wurde. „Allerdings hat dies einen Sinn. Das Medizinstudium beginnt überall so, Deutschland eingeschlossen – außer in England, in den USA und Kanada. Ungarn ist aber insofern anders, als dort der Kontakt der Professoren zu den Studenten viel intensiver ist. Die Professoren kennen die Studenten sehr gut und umgekehrt. So ist die Ausbildungsqualität besonders hoch, weil sie auf permanenten Reflexionen beruht. Zudem ist es ein persönliches Prüfungssystem, nicht so schematisiert wie bei uns. Das ungarische Prüfungssystem nimmt im Gegensatz zum deutschen Multiple-Choice-System mehr Rücksicht auf die speziellen Fähigkeiten des jeweiligen Studenten.“
Zum Medizinstudium nach Budapest: Seit 1983 stellt die Semmelweis- Universität Studienplätze für Deutsche zur Verfügung. Fotos: Eberhardt/Arteria Photography
Zum Medizinstudium nach Budapest: Seit 1983 stellt die Semmelweis- Universität Studienplätze für Deutsche zur Verfügung. Fotos: Eberhardt/Arteria Photography
Die Studiengebühren für das erste Studienjahr betragen zurzeit 10 560 Euro, im 2. bis 5. Studienjahr müssen 8 830 Euro bezahlt werden. Das letzte Jahr schlägt dann ebenfalls noch einmal mit 10 560 Euro zu Buche. Fast 60 000 Euro, zu denen noch die mittlerweile hohen Lebenshaltungskosten einer europäischen Hauptstadt hinzukommen, kein Pappenstiel für einen Studienplatz. Doch entgegen dem Trend hat die Universität für das Studienjahr 2003/2004 mehr als 400 Bewerbungen vorliegen. Tradition zahlt sich aus, denn die Semmelweis-Universität zählt neben Oxford und Cambridge zu den drei besten medizinischen Universitäten in Europa.
Es war ein langer Weg Ungarns in die EU
„Nur den kleinen Gruppen während des Studiums und den engen Kontakten zwischen der Universität und den Studenten ist es zu verdanken, dass eine derartige Veranstaltung überhaupt stattfinden konnte“, sagte Dr. Ralf Dux, der bei College International die Semmelweis-Universität in Deutschland vertritt und dafür sorgte, dass der ALUMNI-Club gegründet wurde, eine Verbindung ehemaliger Absolventen, die sich verstärkt der ärztlichen Fortbildung und der Rekrutierung von Assistenzärzten widmen wollen. Schließlich wird es in Deutschland demnächst eine steigende Nachfrage an Haus- und Fachärzten geben.
Es war ein langer Weg, bis Ungarn sich im Mai 2003 der Europäischen Union anschließen konnte. Aber mit seinem mutigen Schritt, westdeutsche Studenten zu unterrichten, hat es den „Eisernen Vorhang“ bereits lange zuvor durchlöchert. Elke Eberhardt
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