ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2003Elektronische klinische Studien: „eTrials“ werden zur Routine

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Elektronische klinische Studien: „eTrials“ werden zur Routine

Dtsch Arztebl 2003; 100(47): A-3081 / B-2561 / C-2392

Kuchinke, Wolfgang; Ohmann, Christian

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Evaluation der neuen Tablet-PCs mit integrierter Handschrifterkennung (XClin) für die Datenerfassung in klinischen Studien am KKS Düsseldorf Foto: Kuchinke
Evaluation der neuen Tablet-PCs mit integrierter Handschrifterkennung (XClin) für die Datenerfassung in klinischen Studien am KKS Düsseldorf Foto: Kuchinke
Benutzerfreundliche Softwarelösungen und Web-Portale erleichtern die Durchführung internetbasierter klinischer Studien.

Der Studienarzt verbindet sich über das Internet mit dem Web-Portal seiner klinischen Studie, wirft einen Blick auf den aktuellen Stand der Patientenrekrutierung und auf Nachrichten über das zu testende Medikament und geht dann mit einem Mausklick zur Aufnahme eines neuen Patienten. Dabei sieht er auf dem Bildschirm jeweils nur die Informationen, die er für die vor ihm liegende Aufgabe benötigt. Die Benutzung des Bildschirms ist selbsterklärend und führt ihn durch den Studienprozess.
Dieses Szenario ist für viele Studienärzte an Universitätskliniken inzwischen zur Realität geworden. Einen wesentlichen Anteil daran haben die Koordinierungszentren für Klinische Studien (KKS), die hierfür professionelle Softwarelösungen einsetzen. Eine wichtige Voraussetzung dafür war, dass sich in den letzten Jahren die angebotene Studiensoftware, insbesondere was die Nutzerfreundlichkeit für den Prüfarzt betrifft, entscheidend verbessert hat.
Diese Entwicklung ist zu begrüßen, da sich gezeigt hat, dass mit dem Einsatz von Software für EDC (Electronic Data Capture), das heißt mit der elektronischen Datenerfassung über das Internet, klinische Studien effizienter, schneller, kostengünstiger und mit verbesserter Datenqualität durchgeführt werden können (1). Bedingt durch den Kostendruck, dem klinische Studien zunehmend ausgesetzt sind, und den Anforderungen der regulatorischen Behörden FDA (Federal Drug Administration) und EMEA (European Agency for the Evaluation of Medical Products) an die elektronische Antragstellung, ist EDC keine Spielerei mehr, sondern eine Notwendigkeit.
Vor etwa vier Jahren haben acht KKS damit begonnen, eine verbesserte Infrastruktur für GCP-(Good-Clinical-Practice-)Studien durch Studienunterstützung und Training zu schaffen (2). Die KKS waren gegründet worden, weil die Situation der klinischen Forschung in Deutschland als unzureichend erkannt worden war (3). Die Zahl an international erstklassigen Publikationen mit hohem Impaktfaktor war im Verhältnis zur Zahl der Universitäten und Lehrstühle zu gering. Als letzten Schritt zur Verbesserung der Voraussetzungen für klinische Studien haben inzwischen sechs KKS leistungsstarke Software implementiert und führen die ersten elektronischen Studien damit erfolgreich durch (Textkasten).
Anschaffung und Implementierung dieser Studiensoftware wurden mit der Telematikplattform für Medizinische Forschungsnetze der Gesundheitsforschung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (TMF) realisiert und mit Qualitätssicherungsmaßnahmen und Evaluationen begleitet, die als exemplarisch für ähnliche IT-Projekte im Gesundheitswesen gelten können (4).
Der Begriff „eTrials“ („elektronische klinische Studien“) bezeichnet Studien, die weitgehend auf den Einsatz von Papier zur Datensammlung und Informationsvermittlung verzichten (5). Wie jeder Studienarzt weiß, ist eine Teilnahme an klinischen Studien mit besonders viel Papierarbeit verbunden. Die neue Infrastruktur der KKS soll deshalb auch niedergelassenen Ärzten nützen und für sie einen Anreiz zur Teilnahme an klinischen Studien darstellen. Die KKS unterstützten dabei das Konzept der „eDokumente“, das heißt die Idee, dass möglichst sämtliche Dokumente für eine klinische Studie elektronisch zur Verfügung gestellt und bearbeitet werden sollen.
Die hoch gesteckten Erwartungen von Pharmafirmen, CROs (Auftragsforschungsinstitute für klinische Studien) und Universitäten an den Einsatz des Internets für klinische Studien haben sich bisher nur teilweise erfüllt. Zwar wird in den letzten Jahren verstärkt auf den Einsatz computerunterstützter klinischer Studien gesetzt, aber der Anteil an papierlosen Studien kam bisher in Deutschland nicht über zehn Prozent hinaus (6). Viele der „EDC-Initiativen“ haben dabei wesentliche Aspekte übersehen:
- E-Commerce-Konzepte, die in anderen Branchen erfolgreich sind, lassen sich nicht einfach auf die Gesundheitsforschung übertragen.
- Die Wichtigkeit der Nutzerfreundlichkeit für den Studienarzt ist als Akzeptanzkriterium unterschätzt worden.
- Das Verständnis des Verhaltens aller Studienteilnehmer, insbesondere auch die besonderen Anforderungen, die an akademische Studien gestellt werden, sind nur unzureichend berücksichtigt worden.
Viele neue Softwarelösungen haben diese Anfangsprobleme inzwischen überwunden. Durch die Möglichkeit, eTrials mit den KKS durchzuführen, stehen jetzt auch an Universitätskliniken die Vorteile internetbasierter, papierloser Studien in vollem Umfang zur Verfügung. Die Softwarelösungen der KKS sind durchgängig webbasiert aufgebaut und unterstützen sowohl die Einhaltung von GCP-Regeln als auch die Kontrolle des Studienablaufes durch Aktivierung von Erinnerungsfunktionen für den Studienarzt und durch Checks bei der Dateneingabe. Da der Einfluss des Internets auch bei niedergelassenen Ärzten wächst, sind die Voraussetzungen zur Durchführung von eTrials sehr günstig. Bis 2005 sollen, so schätzt die Unternehmensberatung Boston Consulting Group, bereits 90 Prozent der Ärzte in Deutschland online sein (7).
Den Qualitätsstandard heben
Die Sammlung von Patientendaten über einen Internet-Browser, hier dargestellt am Beispiel der Softwarelösungen „eResearch Network“ und „MACRO“
Die Sammlung von Patientendaten über einen Internet-Browser, hier dargestellt am Beispiel der Softwarelösungen „eResearch Network“ und „MACRO“
Dabei stand für die KKS fest, dass sie keine eigene Software entwickeln, sondern professionelle Softwaresysteme anschaffen wollten. Um die Fehler aus der Anfangszeit der computerunterstützten Studien zu vermeiden, beauftragten die KKS das KKS Düsseldorf mit der Erstellung von Anforderungs- und Nutzerprofilen als Basis für die Softwareanschaffung. Eine Marktanalyse von 40 Studiensoftwarelösungen folgte. Der Evaluations- und Selektionsprozess dauerte etwa zwei Jahre und basierte auf den Anforderungsprofilen und der eingehenden Bewertung von zwölf Softwarekandidaten nach Funktionsumfang, Softwarepräsentation und Referenzinstallationen (3).
Da die Auswahl durch Fragebögen, Bewertungsbögen, einheitliche Kostenmodelle und ein Punktesystem standardisiert wurde, waren die Nachvollziehbarkeit und Qualitätskontrolle jedes Schrittes gewährleistet. Die Wahl fiel auf die Programme „eResearch Network“ von eResearch Technology und „MACRO“ von InferMed, die für einzelne KKS angeschafft wurden (Textkasten).
Damit ist dieser Prozess aber nicht beendet. Der Markt für Softwarelösungen für klinische Studien ist erheblichen Veränderungen ausgesetzt, und zurzeit findet ein starker Verdrängungswettbewerb statt. Der Anspruch der KKS, die jeweils besten Lösungen zu nutzen und deren Einsatz über Jahre hinaus für lange Studien sicherzustellen, erfordert eine ständige Marktbeobachtung und Evaluation neuer Studiensoftware. Am KKS Düsseldorf finden deshalb kontinuierlich öffentliche Softwarepräsentationen statt. 2003 sind bereits acht neue Softwarelösungen (CP-Engine, Profiler-RES, CAP-Netz, AQS, InForm, XClin, eClinstar, Promise) vorgestellt worden.
Die Implementierung der ausgewählten Lösungen umfasste auch, dass die Zufriedenheit mit den Softwareprovidern und die Probleme, die bis zum Studienbeginn auftraten, systematisch und unabhängig erfasst und evaluiert wurden. In der Pharmaindustrie dauert die Implementation einer eTrials-Pilotstudie häufig mindestens ein halbes Jahr, wohingegen die KKS schon nach wenigen Monaten mit der Durchführung ihrer Studien beginnen konnten. Hierfür gab es verschiedene Gründe: die gute Unterstützung durch die Softwareprovider, die Begleitung der Softwareimplementierung durch eine unabhängige Evaluation, die Zusammenarbeit der KKS bei Training, Installation und Problembehebung und die Integration der Softwarelösungen in eine Sicherheitsinfrastruktur. Die TMF, die die KKS und die Kompetenznetze in der Medizin in den Bereichen Datenschutz, Datensicherheit, Qualitätsmanagement und Computersysteme berät, hat diese Aktionen integriert.
Browser-basiertes Arbeiten
Für die Arbeit mit „MACRO“ und „eResearch Network“ reicht ein Computer mit einem Internet-Zugang und einem Internet-Browser aus. Dies ist inzwischen der Standard für Studiensoftware; die Unterschiede der Lösungen liegen in der Gestaltung der Nutzeroberfläche. Hier gibt es einige Produkte, die sich durch übersichtliche und einfach zu bedienende Nutzeroberflächen auszeichnen (siehe Screenshots). Dabei ermöglicht der Internet-Browser dem Studienarzt den vollen Zugriff auf sämtliche für ihn wichtigen Funktionen und dient der Navigation durch die Web-Seiten des Erfassungsbogens. Der Studienarzt sieht dabei größtenteils nur diejenigen Funktionen, die er zur Erfüllung seiner Aufgabe benötigt. So werden ihm zum Beispiel beim Anlegen eines neuen Patienten andere Funktionen angezeigt als bei der Eingabe von Patientendaten oder beim Beantworten eines Querys.
Beratung
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Was erwartet den klinischen Forscher, der eine Studie an einem KKS mit einer der neuen Softwarelösungen realisieren will? Der Wissenschaftler wird zuerst vom KKS beraten, wie seine Studie am besten als eTrial durchgeführt werden kann. Die meisten Leiter klinischer Studien denken häufig noch in „papierbasierten Kategorien“. Generell sollte aber berücksichtigt werden, dass es nicht sinnvoll ist, Papierfragebögen direkt in elektronische Erfassungsbögen (eCRF) umzusetzen. Dadurch verlieren diese häufig die Vorteile einer elektronischen Datensammlung. Arbeits- und Sehgewohnheiten am Bildschirm unterscheiden sich wesentlich von denen bei Papierfragebögen. Die KKS können deshalb Empfehlungen zur optimalen Gestaltung von eCRFs geben, getestete Beispiele bereitstellen und dahingehend beraten, was bei elektronischen GCP-Studien zu beachten ist. Die KKS erleichtern die Implementierung neuer elektronischer klinischer Studien, indem sie die Wiederverwertung von bereits getesteten Modulen oder Prozessen (zum Beispiel ein Modul für die demographischen Fragen) unterstützen.
Die Kooperation der Studienteilnehmer erhält durch ein Web-Portal zusätzlich eine zentrale Anlaufstelle. Das Portal ist eine spezielle Website, die Nachrichten über die Studie, Termine, Ereignisse sowie den Zugang zu allen Funktionen der Software anbietet. Beide Softwarelösungen unterstützen das Portalkonzept für klinische Studien.
Künftig werden die KKS das Portalkonzept weiter für ihre Studien ausbauen und zunehmend kompliziertere Studien für Universitäten und für die Kompetenznetze der Medizin durchführen. Hierzu wird auch die Einbindung von Patientenrandomisierung und besonderer Pseudonymisierungsdienste gehören. Auch werden neue Techniken wie PDAs und Tablet-PCs für die Datensammlung, insbesondere durch den Klinikarzt am Krankenbett oder durch den Patienten selbst, als so genanntes Patiententagebuch, eingesetzt und mit der bestehenden Software der KKS integriert werden. Dadurch soll es gelingen, die Datenerfassung näher an den Patienten zu bringen, den Prozess der Datenabfrage natürlicher zu gestalten und gleichzeitig die Vorteile eines ausgefeilten Datenmanagements zu nutzen.


Literatur
1. Stuke A: Status quo und Zukunft von EDC. DZKF 2003, 5/6: 20–23.
2. Ohmann C: Ein neuer Impuls für die patientenorientierte klinische Forschung in Deutschland. DZKF 2001; 11/12: 52–57.
3. Zylka-Menhorn V: Die klinische Forschung ist in Deutschland defizitär. Dtsch Arztebl 1997; 94:
A 1033–1034.
4. Kuchinke W, Ohmann C: Die Telematikplattform des BMBF – Softwareunterstützung klinischer Studien: die Suche nach optimalen Softwarelösungen. DGPharm News 2001; 4: 65–68.
5. Kuchinke W, Herbold M, Ohmann C: eTrials – Bericht über einen Workshop zur Softwareunterstützung klinischer Studien. Forum mdi 2001; 3: 70–92.
6. Kuchinke W, Eich HP, Ohmann C: Akzeptanz und Zukunft des Internets für Klinische Studien in Deutschland – Ergebnisse einer Umfrage. In: A. Hasman et al. (eds): Medical Infobahn for Europe. Amsterdam: IOS Press 2000; 343–347.
7. Flanagan A, Guy P, Larsson S, Soussois C: European physicians and the internet. Boston: The Boston Consulting Group 2003.


zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 3081–3084 [Heft 47]

Anschrift für die Verfasser:
Dr. med. Wolfgang Kuchinke
Koordinierungszentrum für Klinische Studien Düsseldorf
Medizinische Fakultät, Heinrich-Heine Universität
Moorenstraße 5, 40225 Düsseldorf
E-Mail: KKSD@uni-duesseldorf.de

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