ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2003Arbeitszeit: Weiterer Verlust der Attraktivität

BRIEFE

Arbeitszeit: Weiterer Verlust der Attraktivität

Dtsch Arztebl 2003; 100(47): A-3087 / B-2566 / C-2396

Schwall, Gunther

Zum EuGH-Urteil:
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LNSLNS In der Tat findet Ausbeutung vor allem dort statt, wo für gerechte Arbeit kein gerechter Lohn gezahlt wird, wie es seit Jahren auch in deutschen Krankenhäusern geschieht und offenbar nach dem EuGH-Urteil weiter geschehen soll!
Schon seit geraumer Zeit zeichnet sich ab, dass junge Ärzte klar erkennen, dass es sich nicht mehr lohnt, den langen, steinigen und von zahllosen unbezahlten Überstunden begleiteten Weg der „Ausbildung am Krankenbett“ zu wählen. Selbst die vage Aussicht, vielleicht (!) doch noch am Ende Chefarzt zu werden, kann den Nachwuchs kaum noch motivieren. Führte dieser Weg in (lang) zurückliegenden Zeiten noch zu „grünen Wiesen“, endet er heute auf gesundheitspolitisch gewollten „Stilllegungsflächen“ ohne Ertrag.
Frustration macht sich in deutschen Kliniken breit, der Ärztemangel droht. Die „wahre“ Ursache war aber schnell gefunden: die Arbeitsbelastung der Krankenhausärzte sei zu hoch; Patienten wurden mit großen Überschriften vor dem übermüdeten Arzt gewarnt!
Das EuGH-Urteil soll nun diesen Leidensweg beenden. „Das Urteil bringt Sicherheit für die Patienten und stoppt die Ausbeutung der Ärzte“ (Zitat Prof. Hoppe). Bundes­ärzte­kammer, Marburger Bund, Deutsche Krankenhausgesellschaft, Krankenkassen, Standesvertreter und Politiker begrüßen mit einer Stimme das Urteil – das ist verdächtig! Die Lösung soll sein, die Arbeitszeit (unter Strafandrohung) zu begrenzen und die Entlohnung auf das Grundgehalt herunterzufahren. Das bedeutet im Klartext: Schichtdienst und spürbare Gehaltskürzungen, Verlängerung der Aus- und Weiterbildungszeit und Verschlechterung der Patientenversorgung!
Dafür aber (endlich?) viel mehr Freizeit! Schon jetzt droht die Übermüdung dieser „befreiten“ Ärzte durch Freizeitstress (Handicap), Hausarbeit (Entlastung berufstätiger Ehefrauen) oder nächtliches Taxifahren (Zubrot)!
Ärzte haben gehofft, dass Politiker und Standesvertreter die beschämende Ausbeutung durch Nicht- oder Schlechtbezahlung endlich beenden und für ein leistungsgerechtes Ein- und Auskommen sorgen. Ärzte haben vor den gesundheitlichen Gefahren des Schicht- und Wechseldienstes gewarnt – jetzt bieten wir dies unserem hoffnungsvollen Nachwuchs als Alternative zum Bereitschaftsdienst. Nach dem EuGH-Urteil bleibt für die kommende Ärztegeneration nur die deprimierende Vision, ab sofort Schichtdienst leisten zu dürfen und in Zukunft mit einem Gehalt „abgespeist“ zu werden, das eine junge Familie mehr schlecht als recht ernährt. Dabei fehlt es keineswegs am Leistungswillen des Nachwuchses. Sie sind bereit, viel zu arbeiten und fähig, mehr zu leisten als der Durchschnitt. Aber Leistung muss sich auch in diesem Land (endlich wieder) lohnen! Nur dann kann dem drohenden Ärztemangel in der Zukunft wirksam begegnet werden! Durch das EuGH-Urteil aber verliert dieser wunderbare Beruf weiterhin an Attraktivität und verkommt am Ende zu einem Nebenjob für halbtagsbeschäftigte, aber promovierte Ehefrauen gut verdienender Manager. Jubeln deshalb so viele?
Dr. med. Gunther Schwall,
Chefarzt der Allgemeinchirurgie und Viszeralchirurgie, Hochfirststraße 8, 68163 Mannheim
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