ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2003Pei-Bau: Leichte Verunsicherung

VARIA: Feuilleton

Pei-Bau: Leichte Verunsicherung

Dtsch Arztebl 2003; 100(47): A-3116 / B-2589 / C-2417

Rehbein, Maja

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Nur wer weiß, wo er den Pei-Bau suchen muss, wird ihn finden: So bescheiden und harmonisch fügt sich das relativ klein erscheinende Gebäude in seine Umgebung ein. Fotos: DHM
Nur wer weiß, wo er den Pei-Bau suchen muss, wird ihn finden: So bescheiden und harmonisch fügt sich das relativ klein erscheinende Gebäude in seine Umgebung ein. Fotos: DHM
Der Museumsbau in Berlin ist Peis erstes und einziges Werk in Deutschland.

Die Spindel aus Glas, Stahl und Sonnenlicht besticht durch ihr ungewöhnliches Aussehen. Im Erdgeschoss erkennt man erst, welch großes Gebäude sich hinter ihr in die alte Bausubstanz schmiegt. Eine Glaswand gibt den Blick auf die Rückseite des Zeughauses frei.
Auf der breiten, flachen Wendeltreppe schreitet der Besucher nach oben in die erste Etage. Von dort an scheint die Treppe hinter Glas außen weiterzuführen, wird zum Dach und findet ganz oben in einem Rund ihren Abschluss. Treppen, Wände und Durchbrüche führen zu ständig wechselnden Perspektiven. Die umliegenden Gebäude spiegeln sich in den riesigen Glasflächen, die auch den Blick zum Himmel freigeben. Die Sonne und leichte Schatten spielen im Innenraum. Die Wände, soweit nicht aus Glas, sind mit weißem Kalkstein verkleidet, was die helle Leichtigkeit des Gesamteindrucks vollendet. Man begreift, warum Ieoh Ming Pei ein „Meister des Lichts“ und „Magier des Raumes“ genannt wird.
Doch wirkt das Gebäude auch beunruhigend. Überall blickt man durch niedrige Glasgeländer nach unten; die leichte Verunsicherung kann sich bis zum Erschrecken steigern. Kein Raum ist rechteckig, alle erscheinen mit ungleichen Winkeln, sogar der Fahrstuhl hat eine rhombische Grundfläche. Am bestimmendsten wirkt das Dreieck. Im Grundriss erscheint das Gebäude dreieckig, wie mit einem vorgelagerten Perpendikel.
Im Untergeschoss, in das man mit einer langen Rolltreppe gelangt, sind ein großer Ausstellungsraum, ein Auditorium für Vorträge und Filme, der Museumsshop und die Garderoben untergebracht. Von dort führt ein unterirdischer Gang zum Zeughaus. Abends leuchtet die gläserne Spindel von innen. Der Anbau wird zur Bühne, der Besucher zum Akteur: Die Zeughauswand, sonst unbeachtet trotz ihrer Schönheit, kommt durch das Licht des Pei-Baus opti-mal zur Geltung. So ist der Stadt Berlin auch Schlüters Zeughaus noch einmal geschenkt worden, zumal der Schlüterhof durch eine Glasüberdachung jetzt ganzjährig nutzbar ist.
Pei wurde 1917 in Kanton/ China geboren. In den 30er-Jahren ging er in die USA, wurde Bauingenieur und studierte dann Architektur bei Walter Gropius. Auch Le Corbusier hatte großen Einfluss auf ihn. Peis Leidenschaft sind Museen. Etwa ein Dutzend hat er gebaut, darunter 1964 die John F. Kennedy-Bibliothek (Boston) und 1983 bis 1989
die Glaspyramide im Pariser Louvre.
Das Zeughaus, in den Jahren 1695 bis 1706 erbaut, ist das einzig erhaltene profane Barockgebäude in Berlin. Dort befindet sich eine ständige Ausstellung zur deutschen Geschichte; der Pei-Bau ist für Wechselausstellungen gedacht. Von der Idee im Jahr 1995 bis zur Fertigstellung 2003 war es ein schwerer Weg. Inkognito wanderte Pei mehrmals durch Berlin, bis er im Platzgefüge Neue Wache, Zeughaus und Kastanienwäldchen, etwas ferner Museumsinsel und Inselbrücke, den Genius Loci der rechten Stelle erkannte. Die Ausstellungsfläche ist mit 2 700 Quadratmetern nicht groß, dafür hat das Museum einen exklusiven Standort. Der Hauptausstellungsraum ist im Untergeschoss. Die darüber liegenden Räume sind unterschiedlich groß; insgesamt sind auf vier Etagen Ausstellungen möglich. Mit der Ausstellung „Idee Europa“ wurde der Bau eröffnet.
Der Museumsbau ist Peis erstes und einziges Werk in Deutschland. Er hat die strenge Architektur des Bauhauses weiterentwickelt, und nach einem Umweg über Amerika und China kommt das, was von Deutschland einst ausging, wieder zurück. Erst im Winter, wenn die Bäume entlaubt sind, wird man den neuen Pei-Bau von Unter den Linden aus erblicken können. Die runde Sitzbank unten im Glasturm wird sicher zum beliebten Treffpunkt werden. Maja Rehbein
Foto: Ulrich Schwarz
Foto: Ulrich Schwarz

Öffnungszeiten: Täglich 10 bis 18 Uhr, wechselnde Abendveranstaltungen.
Eintritt zwei Euro,
Jugendliche bis 18 Jahre frei. Internet:
www.dhm.de/ausstel lungen/ pei_museums bauten
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