ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2003Weiterbildung in Frankreich: Lohnender Hindernislauf

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Weiterbildung in Frankreich: Lohnender Hindernislauf

Dtsch Arztebl 2003; 100(47): A-3128 / B-2600 / C-2428

Leis, Alexander

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Montage: Hahne
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Zwischen Frankreich und Deutschland bestehen im Bereich des Medizinstudiums und der Facharztausbildung so große Unterschiede, dass ein Wechsel von Deutschland nach Frankreich einem bürokratischen Hindernislauf gleichkommt, der trotz redlicher Bemühungen, Geduld und Ausdauer nicht immer mit dem Zieleinlauf belohnt wird.
Im Rahmen eines Stipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes absolvierte ich mein Praktisches Jahr in Paris. Ich war mit der Ausbildung in den verschiedenen Abteilungen sehr zufrieden und beschloss, den Aufenthalt in Frankreich um die Zeit des AiP zu verlängern. Nach einem Terzial im renommierten Kinderkrankenhaus Necker Enfants Malades in Paris hatte ich mich für die Fachrichtung Pädiatrie entschieden.
Der Zugang zur Facharztausbildung in Frankreich, dem „Internat“, ist durch eine landesweite Aufnahmeprüfung – dem berüchtigten „Concours d’Internat“ – geregelt, auf den sich die französischen Medizinstudenten rund zwei Jahre lang in regelmäßigen, privat organisierten Seminaren vorbereiten. Eine gute Platzierung verspricht die Möglichkeit, eine gewünschte Fachrichtung in einer attraktiven Stadt zu wählen. Meine Anmeldung zu dieser Prüfung wurde mit dem Verweis abgelehnt, zur Teilnahme berechtigt seien nur Studenten aus Frankreich, die bereits die Aufnahmeprüfung des Medizinstudiums, den „Concours du premier cycle“, absolviert haben. Für ausländische Ärzte gäbe es eine eigene Prüfung, für die aber Arzte aus der Europäischen Union
nicht teilnahmeberechtigt seien. Zwar gäbe es auch eine Aufnahmeprüfung für Europäer, aber die Zulassungsvoraussetzungen seien so streng, dass es praktisch keine Kandidaten gäbe. Kurzum: In Frankreich sei es für einen Arzt aus der Europäischen Union praktisch unmöglich, eine Facharztausbildung zu absolvieren.
Diesem Protektionismus steht ein gravierender Ärztemangel gegenüber. Deshalb wird man als deutscher Arzt zwar zunächst vor die Tür gesetzt, aber dann durch die Hintertür wieder hineingebeten. Neben den vom Staat vorgesehenen, den Bedarf nicht deckenden und nach dem „Concours-Klassement“ verteilten Weiterbildungsstellen engagieren die Krankenhäuser nämlich auch ausländische Ärzte. Nach Zustimmung des Landesprüfungsamtes für das AiP, der Ärztekammer für die Facharztausbildung und des französischen Krankenhausträgers ist es so doch möglich, als AiP oder Assistenzarzt in Frankreich zu arbeiten und diesen Ausbildungsabschnitt in Deutschland anerkennen zu lassen. Dabei kann es jedoch schnell zu einem Spagat zwischen den zuständigen Ämtern kommen.
Die Facharztausbildung in Frankreich entschädigt dagegen für die bürokratischen Mühen. Üblicherweise wechseln die Assistenzärzte im Sechsmonatsrhythmus die Abteilungen, sodass ein Einblick in die meisten pädiatrischen Subspezialitäten möglich ist und solide Grundkenntnisse erworben werden können. In den großen Kinderkliniken in Paris mit ihren hoch spezialisierten Abteilungen wird viel Wert auf Diskussionen gelegt – sei es mit Ärzten anderer Fachrichtungen, mit Mitarbeitern aus dem Labor oder aus den Forschungsabteilungen. Dadurch wird das klinische Bild, das bei der Stationsarbeit erworben wird, durch viele theoretische Informationen ergänzt.
Derzeit leidet die Kinderheilkunde in Frankreich allerdings unter den Folgen der jüngsten Arbeitszeitregelungen. Die Einführung der 35-Stunden-Woche für das Pflegepersonal hat den Mangel an Pflegekräften noch verstärkt. Und nun stellt die Regelung, die maximale ununterbrochene Arbeitszeit auf 24 Stunden und die Wochenarbeitszeit für Ärzte auf 48 Stunden zu begrenzen, vor allem jene Abteilungen vor Schwierigkeiten, die einen oder mehrere Dienst habende Ärzte benötigen. Bis vor kurzem waren 36-Stunden-Dienste die Regel, doch nun können die nach dem Dienst ausfallenden Ärzte nicht ersetzt werden. Abteilungen werden vorübergehend oder ganz geschlossen, die Zahl der Betten reduziert, die Wartezeiten für einen Termin in der Sprechstunde der Spezialisten wachsen.
Ich hoffe, dass diese Situation in Frankreich Anlass gibt, darüber nachzudenken, den Protektionismus aufzugeben und die Ärzteausbildung in Europa schneller zu harmonisieren, um den Austausch von Studenten und Assistenzärzten innerhalb Europas zu vereinfachen.
Dr. med. Alexander Leis
E-Mail: alexanderleis@hotmail.com
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