ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2003Haupt­ver­samm­lung des NAV-Virchow-Bunds: „Egomane Verhaltensweisen abbauen“

POLITIK

Haupt­ver­samm­lung des NAV-Virchow-Bunds: „Egomane Verhaltensweisen abbauen“

Dtsch Arztebl 2003; 100(48): A-3138 / B-2610 / C-2438

Merten, Martina; Rieser, Sabine

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Die Praxisgebühr ist für viele Ärzte ein „Beißknochen“: Dr. med. Maximilian Zollner
Die Praxisgebühr ist für viele Ärzte ein „Beißknochen“: Dr. med. Maximilian Zollner
Der Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands
fällt ein differenziertes Urteil über die Gesundheitsreform.

Mit dem GKV-Modernisierungsgesetz ist ein Richtungswechsel gegenüber den vorausgegangenen Gesetzentwürfen vollzogen worden: Bedrohliche Elemente früherer Entwürfe sind entfallen, sinnvolle strukturelle Ansätze berücksichtigt worden. Diese Einschätzung hat die Bundeshauptversammlung des NAV-Virchow-Bunds (NAV) Mitte November in Berlin in einer Entschließung fixiert. Darin wird auch eine nachhaltige Strukturreform angemahnt, um die Solidarität der Versicherten durch Betonung ihrer individuellen Verantwortung zu stärken und „egomane Verhaltensweisen im bisherigen System der GKV abzubauen“.
„Uns passt natürlich nicht alles im Gesetz“, betonte Dr. med. Maximilian Zollner. Der NAV-Vorsitzende kritisierte, einige Abschnitte seien von einem tiefen Misstrauen gegenüber den Ärzten geprägt. Die NAV-Delegierten wandten sich zudem gegen den „wiederholten und massiven Eingriff in das Honorarvolumen der niedergelassenen Ärzte (West-Ost-Transfer, ein Prozent Anschubfinanzierung für die Integrierte Versorgung, Kassengebühr, Sondervergütung für die hausarztzentrierte Versorgung aus der Gesamtvergütung)“.
Positiv hat sich die Bundeshauptversammlung dagegen zur Integrierten Versorgung und zu medizinischen Versorgungszentren geäußert. „Diese beiden Formen der ärztlichen Berufsausübung bedeuten die Umsetzung jahrelanger Forderungen“, betonte Zollner. Auch die Teilöffnung der Kliniken für die ambulante Versorgung wird vom NAV begrüßt. Die vorgesehenen Änderungen dürften jedoch nicht zur Vernichtung intakter ambulanter fachärztlicher Praxen führen.
Insgesamt sei es jetzt an den Ärzten, Vorschläge zur Gestaltung neuer Versorgungsformen einzubringen, findet Zollner. Auch die Selbstverwaltung habe Schuld daran, dass manche Reformansätze gescheitert seien: „Die Vorstände der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Kassenärztlichen Vereinigungen glaubten jahrelang, durch Aussitzen die in den Gesetzen geforderten Veränderungen verhin-dern zu können. Die Kassen standen solchen Bemühungen in nichts nach.“
Foto: NAV-Virchow-Bund Konflikte zwischen Arzt und Gesellschaft sind programmiert: Dr. med. Andrea Dörries bei ihrem Gastvortrag
Foto: NAV-Virchow-Bund Konflikte zwischen Arzt und Gesellschaft sind programmiert: Dr. med. Andrea Dörries bei ihrem Gastvortrag
Nun drängen die Probleme – auch was die Finanzierung der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung anbelangt. Der NAV hat sich mehrheitlich für eine sozial abgefederte Kopfpauschale nach dem Modell der so genannten Herzog-Kommission ausgesprochen. Zum Thema Praxisgebühr wurden mehrere Anträge eingereicht, die jedoch alle an den Vorstand überwiesen wurden, weil über die Umsetzungsbestimmungen noch nicht entschieden ist. Es gebe zur Praxisgebühr keine einheitliche Meinung im Verband, sagte Zollner. Zahlreiche NAV-Mitglieder akzeptieren sie offenbar als Selbstbeteiligungsinstrument – nicht aber die Übernahme des Inkassorisikos oder den Einzug in den Praxen ohne finanziellen Ausgleich des Verwaltungsaufwands. Einige stoßen sich generell daran, dass Bargeld in die Praxen einzieht. Zollner wiederum erinnerte daran, dass der NAV sich seit Jahren für eine finanzielle Selbstbeteiligung an ärztlichen Leistungen einsetze: „Für mich stellt sich die Frage, ob wir uns in einer Misstrauenskultur gegen die Politiker so weit verstrickt haben, dass wir eigene Forderungen nicht mehr erkennen und akzeptieren, wenn sie umgesetzt werden.“
Die optimale Versorgung wird teurer
Misstrauen und Konflikte waren auch das Thema eines Vortrags von Dr. med. Andrea Dörries, die der NAV als Gastrednerin eingeladen hatte. Die Leiterin des Zentrums für Gesundheitsethik in Hannover befasste sich mit „Arzt und Gesellschaft im Konflikt“ und ging dabei auf Reibungsflächen zwischen Ärzten und Politikern, Ärzten und Patienten und Ärzten untereinander ein. !
Dabei forderte sie dazu auf, die derzeitige Reformdebatte in einem größeren Kontext zu sehen: Feste Bestandteile unserer sozialen Absicherung seien in Bewegung geraten, der europäische Einfluss auf die Sozialsysteme wachse kontinuierlich. Während bundesdeutsche Politiker gern betonten, auch in Zukunft solle weiterhin alles medizinisch Notwendige bezahlt werden, ist die Botschaft aus Brüssel nach Auffassung von Dörries eine andere: Optimale Versorgung wird teurer. Konflikte zwischen Arzt und Gesellschaft sind also programmiert.
Ärzte: Diener oder Dienstleister?
Rege diskutiert wurden vor allem ihre Ausführungen zum Arzt-Patient-Verhältnis. „Das bisherige Verhältnis wandelt sich teilweise in eine Art Kunden-Arzt-Verhältnis, das weniger durch gegenseitiges Vertrauen als vielmehr durch Anspruch und Forderung gekennzeichnet ist“, gab Dörries zu bedenken. Der informierte, mündige Patient sehe Ärzte zunehmend als Dienstleister, was diesen missfiele. Dieser Konflikt ließe sich nur lösen, wenn sich die Ärzte ihrer gewandelten Rolle stellten und ihre Fähigkeit zur Kommunikation überprüften. „Sie betrachten die Anspruchshaltung seitens der Patienten häufig als Geringschätzung ihrer ärztlichen Kenntnisse, reagieren abwehrend“, beschrieb es Dörries. So bestätigten Ärzte aber das Misstrauen mancher Patienten.
Nicht alle Zuhörer waren von der These Dörries, ein Wandel des Arztes hin zum Dienstleister sei erforderlich, überzeugt. So wandte ein Arzt ein, er sei zwar Diener der Patienten, aber noch lange kein Dienstleister: „Wünsche erfüllen wir nämlich als Ärzte nicht.“ Gesundheit und Krankheit ließen sich eben nicht organisieren, und genau das suggeriere der Dienstleistungsbegriff, pflichtete ihm eine Kollegin bei. „Beim Begriff des Dienstleisters schwingt eine untergeordnete Funktion des Arztes mit“, lautete eine weitere Kritik – so sehe man seine Rolle aber auf keinen Fall.
Martina Merten, Sabine Rieser
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