ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2003Humanitäre Hilfe in Entwicklungsländern: Selbstständigkeit stärken

POLITIK

Humanitäre Hilfe in Entwicklungsländern: Selbstständigkeit stärken

Dtsch Arztebl 2003; 100(48): A-3141 / B-2613 / C-2440

Merten, Martina

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Mitarbeiter einer tansanischen Produktionsfirma bei der Herstellung und Qualitätssicherung von Medikamenten Foto: action medeor
Mitarbeiter einer tansanischen Produktionsfirma bei der Herstellung und Qualitätssicherung von Medikamenten Foto: action medeor
Sexualaufklärung und Zugang zu Medikamenten sind für viele Dritte-Welt-Länder noch lange nicht selbstverständlich.

Mehr als sechs Millionen Menschen in den ärmsten Ländern der Welt sterben jährlich an Krankheiten wie HIV/Aids, Tuberkulose oder Malaria. Der Grund: Entweder sie besitzen keinen Zugang zu den notwendigen Medikamenten, oder sie können sie nicht bezahlen. Generika, die von einheimischen Arzneimittelproduzenten weitaus günstiger angeboten werden können als importierte Originalpräparate, seien zwar oftmals verfügbar, deren Qualität schwanke jedoch stark, warnen Experten. Um die Produktion entsprechender Medikamente im eigenen Land zu fördern, unterstützt das deutsche Medikamenten-Hilfswerk „action medeor“ mit zwei Pilotprojekten Arzneimittelhersteller im Kongo und in Tansania. „Dadurch stärken wir nicht nur das Vertrauen der Einheimischen in die lokale Produktion, sondern wir machen die Hersteller auch unabhängig von teuren, patentgeschützten Importen“, berichtete Christoph Bonsmann von action medeor während des Kongresses „Humanitäre Verantwortung – Medizinische und politische Aspekte humanitären Handelns“ Mitte November in Berlin. Bereits zum fünften Mal gaben die Veranstalter – Berliner Ärztekammer, Ärzte ohne Grenzen, action medeor und das Tropeninstitut Berlin – Ärzten und Medizinstudenten einen Einblick in Theorie und Praxis der humanitären Hilfe.
Beide Projekte von action medeor befinden sich noch in der Testphase. Mit Pharmakina, einer Arzneimittelfirma im kongolesischen Bukavu, arbeitet action medeor seit Mai dieses Jahres zusammen. Wenn alles gut verläuft, können bereits in wenigen Monaten die ersten HIV/Aids-Generika an Therapiebedürftige in lokalen Gesundheitsstationen vergeben werden. „Ermöglicht hat das Projekt das Fachwissen von Krisana Kraisintu, einer thailändischen Apothekerin“, erklärt Bonsmann im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Durch ihr technologisches Know-how konnte Pharmakina Pläne zum Aufbau einer kostengünstigen Produktionsanlage verwirklichen. Action medeor will als erster Abnehmer der Aids-Medikamente dazu beitragen, die Produktion ins Rollen zu bringen. Das tansanische Projekt begann mit der Unterstützung der Produktion und Qualitätssicherung von Tabletten auf Basis des pflanzlichen Anti-Malaria-Inhaltsstoffes Artemisinin. Mittlerweile hat das Medikamentenhilfswerk einen tansanischen Apotheker eingestellt, der den Vertrieb von beinahe 50 Arzneimitteln, darunter Schmerzmittel und Antibiotika, fördern soll.
Weil auf die lokale Herstellung in vielen Fällen in der Vergangenheit kein Verlass war, wird Bonsmann, gelernter Apotheker, mehrmals im Jahr vor Ort die Qualität der Medikamente überprüfen. Dass solche Kontrollmaßnahmen notwendig sind, belegen Untersuchungsergebnisse der letzten 20 Jahre: Insgesamt wurden von 1982 bis 1999 in 750 Fällen Medikamente aus 28 Ländern verfälscht; 70 Prozent davon in Entwicklungsländern. So wurde zum Beispiel in Nigeria ein Hustensaft mit giftigem Lösungsmittel gestreckt, wodurch über 100 Kinder starben. In Niger enthielt ein Meningitis-Impfstoff nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen lediglich Wasser.
Ein weiterer Schwerpunkt im Rahmen des Kongresses waren die Defizite auf dem Gebiet der reproduktiven Gesundheitsversorgung. „500 000 Frauen sterben jährlich im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt, 100 000 davon infolge unsauberer Abtreibung“, berichtete Dr. Regina Görgen, freie Gutachterin für reproduktive Gesundheit aus Berlin. Dennoch habe die Entwicklungshilfe durch Aufklärung über Sexualität, Verhütung und Familienplanung in den letzten Jahren große Forschritte erzielt. So nutzten heute mehr als die Hälfte der Paare Verhütungsmittel, und die durchschnittliche Familiengröße sei in einigen Ländern auf ein Drittel zurückgegangen, so Görgen. Seit der „International Conference on Population and Development“ 1994 in Kairo, auf der erstmals das Recht junger Menschen auf reproduktive Gesundheit öffentlich anerkannt wurde, wird die Förderung der Mutter-Kind-Gesundheit in viele Entwicklungsprogramme miteinbezogen.
Für „Ärzte der Welt“, dem deutschen Zweig der internationalen humanitären Organisation „Médecins du Monde“, gehört Sexualaufklärung bei vielen ihrer Projeke mit dazu. So auch bei einem Projekt in der palästinensischen Krisenregion Nablus. „Viele junge schwangere Frauen, die hier leben, wissen noch nicht einmal, wie ihr Kind entstanden ist“, erzählt Projektleiterin Dr. med. Lecia Feszczak. Damit den Frauen später auch ohne auswärtige Unterstützung geholfen werden kann, bildet Ärzte der Welt auch Angestellte lokaler Ambulanzen und Krankenhauspersonal in reproduktiver Gesundheit fort. Martina Merten
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