ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2003Humanitäre Chirurgie: Ein Lächeln und ein neues Leben

THEMEN DER ZEIT

Humanitäre Chirurgie: Ein Lächeln und ein neues Leben

Dtsch Arztebl 2003; 100(48): A-3153 / B-2626 / C-2451

Stapke, Volker

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Die Lippen-Kiefer- Gaumenspalte des kleinen Loan konnte erfolgreich operiert werden. Nach der Operation müssen die Angehörigen sich um die weitere Betreuung der Patienten kümmern. Fotos: Ärzte der Welt
Die Lippen-Kiefer- Gaumenspalte des kleinen Loan konnte erfolgreich operiert werden. Nach der Operation müssen die Angehörigen sich um die weitere Betreuung der Patienten kümmern. Fotos: Ärzte der Welt
Die Hilfsorganisation „Ärzte der Welt“ operiert in Kambodscha Menschen, die von Krieg, Missbildungen und Ausgrenzung gezeichnet sind.

Loan ist vier Jahre alt, sein Gesicht ist durch eine Missbildung entstellt. Die angeborene Lippen-Kiefer-Gaumenspalte macht es ihm ein Leben lang unmöglich zu sprechen, richtig zu schlukken oder in Gegenwart Fremder zu lächeln. Loan wurde von seinen Eltern ausgesetzt, weil sie wie viele Kambodschaner glauben, dass Kinder mit Spaltengesichtern in Sünde gezeugt wurden und somit ein Schandfleck für die gesamte Familie sind. In dem Waisenhaus, das Loan aufnahm, wurde er zum Spielball der größeren Kinder. Gleichzeitig hatte er wegen seines Aussehens keine Chance, jemals Adoptiveltern zu finden.
Operation Sourire
Als wir Loan trafen, war er blass und verschlossen, er wurde ausgegrenzt und wollte uns nicht einmal ansehen. Wir haben ihn operiert, und der spezielle chirurgische Eingriff ist gut verlaufen. Nachdem Loan betäubt war, lösten wir das Segel seines Gaumens minutiös ab, um es zu strecken und die Gaumenspalte zu schließen. Dann rekonstruierten wir auf die gleiche Weise die Lippen des Kindes neu. Die Operation Sourire dauerte zwei Stunden; heute sieht Loan wie alle anderen Kinder seines Alters aus, von der dünnen Narbe einmal abgesehen. Sein Leben hat sich völlig verändert, er hat sein Lächeln wiedergefunden – und eine Zukunft in der Gemeinschaft. Genau darin liegt das Ziel dieser humanitären plastisch-rekonstruktiven Chirurgie: Menschen können wieder essen, sprechen, spielen, lächeln – wieder ein normales Leben führen.
Im Königreich Kambodscha besteht als Folge der systematischen Verfolgung und Ermordung von akademisch gebildeten und intellektuellen Menschen unter dem Pol-Pot-Regime auch ein Mangel an Ärzten und besonders an qualifizierten Operateuren. Nur 50 Ärzte überlebten den Genozid im einst blühenden „Land des Lächelns“. So muss eine neue Generation an Ärzten und Ausbildern erst nachwachsen, um eine flächendek- kende öffentliche Gesundheitsversorgung sicherzustellen.
„Ärzte der Welt“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, hier helfend einzugreifen. In einer deutsch-französisch-kambodschanischen Kooperation wurden auf Veranlassung der deutschen Sektion und Leitung der Operation Sourire in Kambodscha, Prof. Wilfried Schilli (Freiburg), Prof. Norbert Schwenzer (Tübingen), Dr. Jean Rapidel (Melun) und Dr. Dr. Katja Schwenzer (München, Basel), Operationsteams mit deutschen Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen und -chirurginnen sowie einem Anästhesisten und einer Krankenschwester aus Frankreich zusammengestellt. Die Organisation und Koordination erfolgten durch das Büro in München.
Die Arbeit von „Ärzte der Welt“ für verletzte und missgebildete Kinder in Kambodscha wurde ermöglicht durch die Unterstützung einheimischer Partner und vorhandener minimaler technischer Ausstattung in den Regionalkrankenhäusern. Zweimal im Jahr in jeweils 15-tägigen Einsätzen operieren ehrenamtlich tätige Ärztinnen und Ärzte – meist während ihres Urlaubs – in Kambodscha Patienten und bilden das dortige Krankenhauspersonal weiter, das mittelfristig die Eingriffe eigenverantwortlich vornehmen soll. Das Spektrum von „Ärzte der Welt“ reicht von der Operation bis zur Nachbehandlung, von der Schulung am Krankenbett bis zu Vorlesungen an der Fakultät. Langfristig will die Organisation damit einen nachhaltigen Beitrag zur Unterstützung der öffentlichen Gesundheitsversorgung leisten und besonders den Menschen in entlegenen Grenzregionen Kambodschas einen gleichberechtigten Zugang zu ärztlicher Versorgung ermöglichen.
Der Einsatz beginnt mit dem Flug ab Frankfurt über Bangkok nach Phnom Penh. Im Büro von „Ärzte der Welt“ (Médecins du Monde) im Landeskrankenhaus Calmette besprechen wir zuerst die Situation in unserem Einsatzgebiet und machen uns dann auf den Weg. Auf der dreistündigen Reise nach Kampong Cham nahe der vietnamesischen Grenze sehen wir die Auswirkungen der jährlich wiederkehrenden Überflutungen. Die Farmer haben ihre Tiere sowie ihr sonstiges Hab und Gut auf die einzig befahrbare Ringstraße im Norden gerettet. Seit Monaten fischen sie geduldig von den Dächern und warten auf den Rückgang der Wassermassen. Wir sehen weiterhin den Wiederaufbau in den Tempeln und Pagoden. Mönche kümmern sich wieder um den Alltag, den Glauben und die Versöhnung der Menschen. Obwohl unter Pol Pot alle religiösen Einrichtungen zerstört und ihre Mitglieder umgebracht wurden, war es den „Steinzeitkommunisten“ nicht gelungen, den Glauben zu töten. Schrittweise werden moralische und ethische Werte wieder in einem Volk verankert, das bis in die jüngste Vergangenheit brutaler Gewalt und Rechtlosigkeit ausgesetzt war. Nach einem Vakuum, einem tief sitzenden Trauma in fast jeder Familie, wird der Terror nun allmählich aufgearbeitet. Das Verlangen nach Gerechtigkeit verdrängt die Furcht vor dem Aufbrechen alter Wunden. Wir fragen die Menschen, was sie von einer Hilfe für Kambodscha erwarten. „Sie soll in erster Linie eine Kursbestimmung für den Menschen sein, um die kulturelle Identität wieder zu gewinnen“, so die Meinung. Wie vor 1970 sollen dabei neben den öffentlichen Versorgungseinrichtungen auch die buddhistischen Tempel zum Ausgangspunkt einer eigenständigen lokalen Entwicklung werden.
Überwältigende Resonanz
Patienten warten geduldig auf die Nachkontrolle.
Patienten warten geduldig auf die Nachkontrolle.
Im Provinzkrankenhaus von Kampong Cham treffen wir unseren Partner Dr. Keo Narith, den einzigen spezialisierten Gesichtschirurgen in der Region. Zusammen mit der Verwaltungsleitung und mit dem Ge­sund­heits­mi­nis­terium sichert er seit dem Jahr 2000 die Durchführung der Operation Sourire und die Kooperation mit Deutschland. Mit viel persönlichem Einsatz organisiert er öffentliche Radioaufrufe und informiert die Gesundheitshelfer in den Distrikten über den Einsatz. Die Resonanz ist wieder überwältigend. Vor dem Büro warten seit zwei Tagen etwa 50 Familien mit ihren Kindern auf das Eintreffen der Helfer.
Sie haben bei Bekannten von den kostenfreien Operationen und den sehr guten Ergebnissen der deutschen Chirurgen gehört und sich auf den langen Weg gemacht. Vorher mussten sie Verwandte für eine Unterkunft kontaktieren, für Transport, Essen und Medikamente sparen. Jede Familie hat Angst, dass ein Stadtaufenthalt lange dauert und damit zur Kosten- und Schuldenlast wird. Auch kann eine Mutter ihre anderen Kinder nicht lange allein lassen, oft unterlässt sie deshalb die gewünschte Reise. Andererseits denkt sie an die Zukunft ihrer Kinder, denn eine spätere Heirat ist mit einer Missbildung kaum wahrscheinlich.
Nun stehen sie vor uns: Kinder mit seltenen Gesichtsspalten, Tumoren, Verbrennungen, Verätzungen durch Batteriesäure, Unfälle. Wir nehmen alle in eine Liste auf und beginnen mit der Visite. Die OP-Ausstattung ist spärlich, daher bringen die Ärzte ihre Instrumente und Nahtmaterial mit, das vor der Abreise von Firmen gespendet wurde. Im Operationssaal treten immer wieder Engpässe in der Sterilisation des Instrumentariums und durch fehlende Kompressen und Abdecktücher auf, was die Zahl der Operationen auf etwa sechs bis sieben täglich beschränkt. Die Eingriffe erfolgen teilweise ohne adäquate Absaugung und ohne Beatmungsgerät entweder in Intubationsnarkose unter Beatmung mit einem Ambu-Beutel oder in Sedierung und Lokalanästhesie. Kinder werden in Vollnarkose operiert. Dank der Hilfsbereitschaft des örtlichen Personals gelingt es, alle Probleme zu lösen und schließlich mehr als 50 Patienten zu operieren, die Wundheilung zu kontrollieren und alle ohne Komplikationen nach Hause zu bringen. Die medizinischen Partner nehmen von morgens bis spät am Abend an den Eingriffen und begleitender Schulung teil. Diese Fortbildung ist einmalig, da die staatlichen Gelder für solche Veranstaltungen rar und meist nur privilegierten Parteifreunden zugänglich sind.
Am Abend vor der Heimreise spielten sich auf den kahlen Gängen des Krankenhauses bewegende Szenen ab. Mütter, die zuerst gezögert hatten, ihre Kleinen in die Hand eines fremden Arztes zu geben, erkannten ihre nun „normal“ aussehenden Kinder kaum wieder, einige wurden ohnmächtig. Als wir sie später in den Dörfern besuchten, um auch nach der sozialen Wiedereingliederung zu fragen, liefen uns die Kinder schon von weitem mit ihren neuen Freunden und strahlenden Familien entgegen. Volker Stapke


„Ärzte der Welt“
Wir über uns
Seit 2001 registriert und dokumentiert „Ärzte der Welt“ alle Eingriffe. Die Bilder sind prä-und postoperativ in einer weltweiten Datenbank archiviert und abrufbar. So kann für alle Beteiligten eine Qualitätskontrolle stattfinden.
„Ärzte der Welt“ setzt sich dafür ein, die Operation Sourire in Kambodscha und elf anderen Ländern regelmäßig durchzuführen. Auf keinen Fall darf der Fehler gemacht werden, dass unerfahrene Operateure in Entwicklungsländer geschickt werden, um dort zu üben. Auch darf die humanitäre Plastische- und Wiederherstellungschirurgie nicht als Instrument zur Spendenwerbung verkommen. Wir haben auch in Kambodscha und in Vietnam entsprechende Ergebnisse zu sehen bekommen. Im Blickpunkt der Einsätze muss weiterhin die gesundheitliche Versorgung der betroffenen Menschen stehen. Kommt es zu Verletzungen der Rechte und Würde benachteiligter und ausgegrenzter Menschen, so ist dieses zu dokumentieren und zu veröffentlichen.
Durch Spenden können die Aktivitäten von „Ärzte der Welt“ unterstützt werden. Spendenkonto: Bayerische Landesbank, Konto 2 88 88, BLZ 700 500 00, Kontakt: Prof. Dr. Wilfried Schilli,
Prof. Dr. med. Norbert Schwenzer, Volker Stapke, Ärzte der Welt e.V., Schönstraße 12 A, 81543 München, E-Mail: info@aerztederwelt.org,
Telefon: 0 89/62 42 09 66, Fax: 0 89/65 30 99 72, www.aerztederwelt.org
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