ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2003Vergangenheit: Falsche Vorstellungen

BRIEFE

Vergangenheit: Falsche Vorstellungen

Dtsch Arztebl 2003; 100(48): A-3155 / B-2628 / C-2453

Rocholl, Horst

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LNSLNS Es ist N. J. nicht anzulasten, dass er falsche Vorstellungen von einer Zeit hat, die er selbst nicht erlebt hat. Hinter dem deutschen Volk lag der verlorene Krieg, lag die Inflation, durch die es beispiellos verarmte. Die „Goldenen Zwanziger“ brachten einigen Wenigen Reichtum, manchem Wohlstand und etwas Wohlleben. Dann brach die Weltwirtschaftskrise aus; sie begann mit dem Schwarzen Freitag in New York. Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland stieg auf sieben Millionen. Viele Betriebe meldeten Konkurs an. Nichts war mehr wie vorher. Die Harzburger Front nutzte die Gelegenheit, in der allgemeinen Verwirrung und Hilflosigkeit, den Erlöser anzubieten.
Für uns, die junge Generation, gab es in der Weimarer Republik keine politische Bildung. Ich habe vor kurzem einige Lesebücher aus der Mitte der Zwanzigerjahre gelesen. In ihnen wurde wie zur Zeit Wilhelms II. Politik zur Glau-benssache erklärt und Gehorsam (das eine Wort, ich muss) und Heldentum gefordert.
„Wie konnten Sie als gebildeter Mensch auf die Irrlehren Hitlers hereinfallen?“, fragte man mich. Waren wir denn gebildete Menschen? Die Medizin, die zur Zeit Hufelands begonnen hatte, mehr als nur Biologie zu sein, fiel seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts in die Nurbiologie zurück. 1927 lehrte Professor Lenz in München Rassenhygiene. Der Sozialhygieniker Grotjahn verlor die Lehrbefugnis. Woran sollten sich die Studenten orientieren? Woher sollte, um zum Fall zurückzukehren, Rosemarie Albrecht Wissen und Kraft nehmen, ein System aufzubrechen, in dem sie als Frau, als halbe Japanerin und als junge Assistentin ein Nichts war?
Ich habe ein einziges Mal Anführungsstriche verwendet. Sie werden zu oft als Geierkrallen missbraucht, als Wegweiser.
Ich denke, Frau Albrecht tut gut daran, sich an die Justiz zu wenden, nicht um zu erfahren, ob sie schuldig ist oder nicht, dazu braucht sie keine Richter, sondern um vor weiteren Verfolgungen geschützt zu werden.
Ein letztes Wort noch: In jedem Menschenleben gibt es Schuld und Verdienste, Schuld und Sühne, die gegeneinander abzuwägen sind. Der Titel über dem letzten Absatz ist also irreführend. Das Resümee von Rosemarie Albrecht widerlegt es eindeutig.
Dr. med. Horst Rocholl,
Usedomstraße 13, 15366 Neuenhagen
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