ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2003Standard- und Sonderimpfungen: Bevölkerung zu größerer Impfbereitschaft motivieren

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Standard- und Sonderimpfungen: Bevölkerung zu größerer Impfbereitschaft motivieren

Dtsch Arztebl 2003; 100(48): A-3184

Hoc, Siegfried

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LNSLNS Die Angst vor einer Wiederkehr der Pocken, vor der Ansteckung durch SARS, sogar vor einem Anschlag mit Anthrax-Bakterien, hat viele Menschen veranlasst, nach einer Impfung dagegen zu fragen. Viele hätten aber keinen Impfschutz gegen Diphtherie, Tetanus oder Poliomyelitis – Erkrankungen, die ebenso gefährlich sind und die viel wahrscheinlicher akquiriert werden können, berichtete Prof. Adolf Windorfer (Hannover) in Wiesbaden.
Hier zeigt sich, wie unzureichend die Bevölkerung über Sinn und Nutzen von Standardimpfungen informiert ist. Windorfer lehnt es ab, von „Impfmüdigkeit“ zu sprechen, da die Verantwortung für die Information damit auf diejenigen abgeschoben wird, die das Wissen über die Gefährdung gar nicht haben können. Es sei vielmehr zu beklagen, dass die im Gesundheitswesen tätigen Berufsgruppen versagen, die eine ständige Informationsarbeit über die Notwendigkeit des Impfschutzes leisten müssten. Das betrifft Ärzte, Arzthelferinnen, Hebammen, Rettungsassistenten, Krankenschwestern und die Ausbildung von Medizinstudenten.
Schulung von Multiplikatoren gefordert
Es gibt keine Impfkurse für Medizinstudenten an Hochschulen und Universitäten. Über Impfungen wird für Ärzte allenfalls in Abendveranstaltungen gesprochen, die meistens von Impfstoffherstellern gesponsert sind, und ohne konsequente Informationen jenseits einzelner Impfungen.
Windorfer fordert daher gezielte Maßnahmen auf Landesebene, vor allem die Schulung von Multiplikatoren: Schulung der niedergelassenen Ärzte, der Arzthelferinnen und Fortbildung für Impfberaterinnen und Hebammen. Wichtig ist auch die Schulung von Medizinstudenten. Seit 2002 wird für Studenten der Medizinischen Hochschule Hannover vom Niedersächsischen Landesgesundheitsamt zweimal jährlich ein 16-stündiger Impfkurs angeboten, der von den Studierenden sehr stark angenommen wird.
Ärzteschaft ist „impfmotivationsmüde“
Als wichtigste Maßnahme auf kommunaler Ebene nannte Windorfer die gezielte Information der Bevölkerung durch die medizinischen Berufsgruppen und durch kommunale Gesundheitsämter, denn nicht die Bevölkerung ist „impfmüde“, sondern immer noch sind Teile der Ärzteschaft „impfmotivationsmüde“. Hier muss angesetzt werden.
Ein gutes Beispiel für diese Situation ist die Tollwutimpfung. Trotz regen Fernreiseverkehrs wird die Impfung gegen das Tollwut-Risiko nur selten durchgeführt. Dabei ist eine Tollwutinfektion immer tödlich. Nach einer Studie der European Travel and Health Advisory Board (ETHAB) sind rund 95 Prozent der Fernreisenden nach Südostasien, Südamerika, Indien, China oder Osteuropa nicht gegen Tollwut immunisiert.
Dabei sterbe in Asien im Durchschnitt alle 15 Minuten ein Mensch an Tollwut; jährlich stürben weltweit mehr als 60 000 Personen an dieser Rabies-Virus-Infektion, berichtete Dr. Christian Schönfeld (Berlin). In 90 Prozent aller Fälle ist der Haushund der Überträger. In Deutschland ist die Ansteckungsrate zu vernachlässigen: Rund 0,001 bis 0,005 pro
100 000 Einwohner bekommen diese Infektion.
Die ETHAB-Studie verdeutlichte auch die alarmierende Fehleinschätzung der Reisenden in Hochrisikogebiete. Auf die Frage, warum eine Tollwutimpfung nicht in Anspruch genommen wurde, antworteten 37 Prozent: „Für mich besteht kein Risiko.“ Etwa sieben Prozent waren sich der Krankheit nicht bewusst, neun Prozent sagten: „Ich mag keine Impfstoffe.“ Sieben Prozent verließen sich auf eine angeblich früher erhaltene Impfung und 24 Prozent sagten: „Es ist nicht wichtig.“
Hier zeigt sich, wie sinnvoll eine gezielte Aufklärung und Beratung aller Reisenden in die Tollwut-Risikogebiete ist. Schönfeld formulierte mögliche Empfehlungen:
- eine generelle Aufklärung über die Tollwutgefahr und eine individuelle Impfberatung aller Reisenden in Tollwut-Risikogebiete;
- den besten Schutz vor einer Tollwutinfektion auf Reisen in Endemiegebiete bietet die präexpositionelle Impfung;
- individuelle Nutzen-Risiko-Bewertung hinsichtlich einer Tollwutinfektion nicht von der Länge oder der Art des Aufenthaltes in Endemiegebieten abhängig machen;
- die Öffentlichkeit sollte in einer verantwortungsvollen und sachlichen Weise über ein individuelles Infektionsrisiko jenseits der Reiseindikation informiert werden;
- mit zunehmender Eigenverantwortung des Reisenden sollte auch das Recht auf ausführliche Informationen über das individuelle Risiko von Infektionskrankheiten, wie zum Beispiel Tollwut, verbunden sein. Siegfried Hoc

Pressegespräch „Leben schützen von Anfang an – Notwendige Impfungen jenseits der Pockenhysterie“ anlässlich des Internistenkongresses 2003 in Wiesbaden, Veranstalter: Chiron Behring
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