ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2003Klinikkonzerne: Umsatzeinbrüche bei der Rehabilitation

VARIA: Wirtschaft

Klinikkonzerne: Umsatzeinbrüche bei der Rehabilitation

Dtsch Arztebl 2003; 100(48): A-3188 / B-2652

Clade, Harald

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LNSLNS Guter Schnitt im Bereich Pflege

Die jüngsten Geschäftsberichte für das Jahr 2002, die Zwischenberichte für das laufende Jahr und die Bewertung von Branchenanalysten zeigen, dass das Geschäft der börsennotierten Klinikkonzerne im Reha-Geschäft krisenanfällig ist. Dagegen steigen die Umsätze bei den konzerneigenen Pflege- und Senioreneinrichtungen.
Die meisten kleineren börsennotierten Klinikkonzerne und Betreiber von Einrichtungen der Alten- und Heimpflege registrieren im laufenden Geschäftsjahr 2003 und im abgeschlossenen Jahr 2002 eine gegenläufige Entwicklung: Während die Akutkrankenhäuser weiter prosperieren und relativ gut ausgelastet sind, die Umsätze im Bereich Pflege und anderer Serviceleistungen boomen, sind die Umsätze im Geschäftssegment Rehabilitation in den letzten beiden Jahren weggebrochen. Dies zeigt, dass das Rehabilitationsgeschäft stark konjunkturabhängig ist, mit der Arbeitsmarktsituation einhergeht und vor allem vom Vertragsgeschäft mit den Rentenversicherungsträgern beeinflusst wird. Dies bekamen drei Klinikträger, die in dem Segment der Rehabilitation engagiert sind, besonders zu spüren: die Eifelhöhen-Klinik AG, die Maternus-Kliniken AG und die Marseille Kliniken AG. Bei den jüngsten Haupt­ver­samm­lungen wiesen die Vorstände auf die negative Gesundheitspolitik und den Reformstau hin. Infolge des diagnosebezogenen Fallpauschalensystems, das zum 1. Januar 2004 für stationäre und semistationäre Leistungen im Akutkrankenhaus obligatorisch wird, dürfte der Leistungs- und Kostendruck vor allem von Einrichtungen der medizinischen Rehabilitation und der Anschlussrehabilitation spürbar steigen. Grund: Infolge der Verweildauerverkürzung und der Leistungsverdichtung im Akutsektor werden systematisch kostenträchtigere Fälle, ohne dass das Schnittstellenproblem und die Finanzierungsfrage gelöst worden wäre, in den Bereich der Rehabilitation und der Pflege verlagert. Deshalb drängen der Bundesverband Deutscher Privatkrankenanstalten e.V. und die Deutsche Gesellschaft für Medizinische Rehabilitation e.V. auf eine rasche Lösung der Probleme. Das Fallpauschalensystem aus dem Akutkrankenhaussektor analog in den Rehasektor zu übertragen sei nicht sinnvoll, weil hier andere Planungsvoraussetzungen und vor allem die finanziellen Grundlagen grundverschieden sind (monistische versus dualistische Finanzierung). Auch seien für die Rehabilitationskliniken weniger die Indikation und die Nebendiagnose ausschlaggebend, wie das im Sektor der Akutkrankenhäuser der Fall ist, sondern vielmehr die Schwere des „Falles“, der Grad der Rehabilitation, Wiedereingliederung und die Möglichkeit zur Teilhabe am beruflichen und gesellschaftlichen Leben. Auch gebe es im Sektor der Rehabilitation noch keinerlei Erfahrungen mit pauschalisierten, fallbezogenen Entgelten – im Gegensatz etwa zu den USA.
Ein Schlaglicht auf die aktuelle Situation im Bereich Rehabilitationskliniken, Pflegeeinrichtungen und Heime werfen die jüngsten Haupt­ver­samm­lungen und Geschäftsergebnisse.


Eifelhöhen:
Wachstum ohne Betten
Die Eifelhöhen-Klinik AG (EHK), Bonn, schloss das Geschäftsjahr 2002 mit einem Konzernüberschuss in Höhe von 1,54 Millionen Euro ab. Dies sind 300 000 Euro weniger als das Gesamtergebnis des Vorjahres (2001: 1,862 Millionen Euro). Ursächlich war vor allem die Entwicklung der im August 2001 erworbenen Reha Düsseldorf GmbH, einer Einrichtung, die sich hauptsächlich in der ambulanten und teilstationären Rehabilitation engagiert hat. Angepeilt war in Düsseldorf für das Jahr 2002 ein Umsatz von mehr als zwei Millionen Euro. Aufgrund der schleppenden Bewilligungspraxis für die Versorgungsverträge und anderer „Sonderentwicklungen“ – durch Sonderabschreibungen bedingt – musste mit 1,074 Millionen Euro ein höher als prognostizierter Verlust hingenommen werden. Dagegen hatte die vor eineinhalb Jahren erworbene Aatalklinik Bad Wünnenberg (Nordrhein-Westfalen) einen wesentlichen Anteil am insgesamt positiven Ergebnis des Konzerns. Zur positiven Umsatzentwicklung und verbesserten Ertragslage hat auch die 1996 neu errichtete Kaiser-Karl-Klinik GmbH, Graurheindorfer Straße, Bonn, beigetragen. Diese Fachklinik für rehabilitative Medizin (EHK-Konzernbeteiligung: 100 Prozent) mit 124 Betten (Planbetten und aufgestellte Betten) erzielte eine weitaus verbesserte Kapazitätsauslastung. Im Dezember 2002 wurden für das gesamte Jahr 42 088 Pflegetage und 1 900 Fälle registriert. Dagegen haben sich im Stammhaus des Konzerns in Marmagen/Eifel sowohl die Belegung als auch die Fallzahl gegenüber dem Vorjahr verringert. Die Rehabilitationsklinik, die in vier Indikationen engagiert ist, betreibt zurzeit 446 Planbetten. Im Dezember 2002 wurden für das gesamte Jahr 105 049 Pflegetage gezählt (Dezember 2001: 107 911). Die Fallzahl verringerte sich von 4 331 auf 4 187. Das Krankenhaus Wetter (Ruhr) GmbH, das der Klinikkonzern im Jahr 2002 gemeinsam mit Neue Pergamon mit 104 Planbetten übernahm, erzielte im vergangenen Jahr ein ausgeglichenes Ergebnis. Mit 1,542 Millionen Euro lag der Konzernjahresüberschuss bei dem Klinikkonzern niedriger als im Vorjahr (1,862 Millionen Euro). Die Aktionärsversammlung am 24. September in Bonn beschloss, für das Geschäftsjahr 2002 eine Dividende von 0,12 je Stückaktie auszuschütten, insgesamt 374 400 Euro. Rund 233 000 Euro wurden in die Gewinnrücklagen eingestellt.
Ursprünglich wurde im jüngsten Aktionärsbrief für das gesamte Jahr 2003 ein Konzernüberschuss zwischen einer Million und 1,5 Millionen Euro prognostiziert. Aus „Vorsichtsgründen“ wurde Ende September ein Ergebnis von rund 700 000 Euro für 2003 prognostiziert. Künftig will sich der Konzern verstärkt im neuen Geschäftsfeld Blut und Plasmaprodukte in enger Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Humanplasma e.V. engagieren. An verschiedenen Standorten sollen Plasmapheresezentren betrieben werden, so unter anderem in Wuppertal. Begünstigt durch geänderte gesetzliche und finanzielle Rahmenbedingungen infolge der Gesundheitsreform, soll der Service ausgeweitet werden, und Ärztehäuser und Gesundheitszentren sollen nach dem Motto „Wachstum ohne Betten“ gegründet, an ihnen sich beteiligt oder über Management-Verträge geleitet werden.
Maternus: In der Verlustzone
Der Klinikkonzern Maternus-Kliniken AG, Langenhagen bei Hannover, ist in die Verlustzone geraten; die Rehabilitationssparte schreibt zurzeit rote Zahlen. Dagegen floriert das Segment Seniorenwohn- und Pflegeeinrichtungen. Die Kapazitätsauslastung stieg von 92,4 auf 94 Prozent, dagegen ist die Auslastung im Geschäftsfeld Rehabilitation von 80,3 auf 77,3 Prozent zurückgegangen. Im ersten Halbjahr 2003 wurde ein anteiliger Jahresfehlbetrag in Höhe von 1,4 Millionen Euro verbucht. Im Vorjahr betrug der Jahresüberschuss des Konzerns noch 0,6 Millionen Euro. Die schwierige finanzielle Lage wird von der Geschäftsleitung auch auf die höheren Forderungsabschreibungen gegenüber den Rehabilitationskliniken aufgrund der anhaltenden Verlustsituation sowie wegen der geringeren Beteiligungserträge aus den Seniorenwohn- und Pflegeeinrichtungen zurückgeführt. Maternus AG betreibt derzeit zwei Rehabilitationseinrichtungen, und zwar in Bad Oeynhausen und in Cham, sowie 18 Pflegeheime, die in sieben Bundesländern ihren Standort haben.
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Marseille:
Kerngeschäft Altenpflege
Auch die Marseille-Kliniken AG, die mit der EHK AG kooperiert, erlitt Umsatzeinbußen im Sektor Rehabilitation. Dagegen expandiert deren Kerngeschäft Altenpflege weiter. Mit insgesamt 56 Einrichtungen und 7 138 Betten, davon 70 Prozent im Bereich Pflege und 30 Prozent in der Rehabilitation, ist der Konzern (Sitz: Hamburg/Berlin) nach der Marktkapitalisierung die Nummer 2 der acht deutschen börsennotierten stationären Gesundheitsversorger – hinter der Rhön-Klinikum AG, Neustadt an der Saale.
Die Zahl der Pflegeeinrichtungen hat sich gegenüber dem Geschäftsjahr 2002/2003 um acht Einrichtungen erhöht. Die Kapazität im der Pflege ist zum 31. März 2003 auf 5 337 Betten gestiegen. Die Zahl der Betten in den 11 konzerneigenen Reha-Kliniken ist von 8 118 auf 1 801 Betten zum Stichtag 31. März 2003 zurückgegangen. Das Kerngeschäft von Marseille liegt im Gegensatz zu den Mitkonkurrenten nicht im Akutsektor, sondern in der Pflege und der Rehabilitation. Die weitere Entwicklung bei der medizinischen Rehabilitation wird vor allem wegen der schlechten Konjunktur pessimistisch beurteilt. Die Konzernleitung führt die unklare Entwicklung auf den Zusammenhang mit der Gesundheitsreform 2003 zurück. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2002/ 2003 stieg der Umsatz im operativen Geschäft um 8,1 Millionen Euro auf 143 Millionen Euro. Der Umsatzzuwachs resultiert vor allem aus den Erträgen im Pflegesektor.
Curanum: Pflegedienstleister
Besser steht die Curanum AG, München, da, der größte private börsennotierte Pflegedienstleister in Deutschland. Die Konzernleitung peilt eine nachhaltige Rendite von mindestens acht Prozent je Jahr infolge des gestiegenen Konzernergebnisses (vor Abschreibungen, Zinsen und Steuern) an. Curanum betreibt 47 Einrichtungen und/oder ist mit diesen in Managementverträgen verbunden. 5 708 Pflegeplätze und 747 Plätze im Betreuten Wohnen werden betrieben. Die Firmengruppe bietet sowohl die voll stationäre Dauerpflege als auch die voll stationäre Kurzzeitpflege an. Darüber hinaus verfügt der Konzern über Einrichtungen der ambulanten Pflege in verschiedenen Spezialpflegeeinrichtungen. Die Firmengruppe wurde 1981 gegründet. Die derzeitige Kapazitätsauslastung liegt bei rund 95 Prozent. Für das Geschäftsjahr 2002 wurde eine Dividende in Höhe von 0,18 Euro je Aktie ausgeschüttet. Bei einem Aktienkurs von rund 1,80 Euro entspricht dies einer Dividendenrendite in Höhe von zehn Prozent. Im ersten Halbjahr 2003 stiegen die Umsatzerlöse von 80,6 Millionen auf 81,9 Millionen Euro. Zu diesem Umsatzplus trugen die Pflegeeinrichtungen und Spezialdienstleistungen mit 91,5 Prozent bei. Das Vor-Steuer-Ergebnis betrug 3,6 Millionen Euro – nach 3,2 Millionen Euro im Jahr davor.
Euromed:
Schwieriges Geschäft
Einen erheblichen Umsatzrückgang verzeichnete der 1992 in Fürth gegründete Klinikkonzern Euromed AG. Im ersten Halbjahr 2003 ging der Konzernumsatzerlös dieses kleinsten und jüngsten börsennotierten Konzerns um 13,4 Prozent auf 8,724 Millionen Euro zurück. Die im Jahresabschluss zum 31. Dezember 2002 in Höhe von 200 000 Euro gebildeten Wertberichtigungen konnten bis zum 30. Juni 2003 nur mit 57 000 Euro aufgelöst werden, wie die Klinikleitung kürzlich mitteilte. Der Klinikvorstand führt die schwierige Geschäftslage auch auf die rechtlichen Rahmenbedingungen zurück. Am 12. März 2003 hatte der 4. Senat des Bundesgerichtshofs ein Urteil zur Erstattungspflicht der privaten Kran­ken­ver­siche­rung (PKV) gefällt, der sich nachteilig für Euromed AG auswirkte. In einem Rechtsstreit, an dem der Klinikkonzern nicht beteiligt war, verweigerte eine private Kran­ken­ver­siche­rung die Erstattung an Patienten, da die berechneten pauschalierten Pflegesätze als nicht angemessen eingestuft wurden. Es wurde moniert, dass den PKV-Unternehmen und deren Versicherten nicht zumutbar sei, die Kosten des Klinikaufenthaltes zu überprüfen. Es bestehe eine grundsätzliche Erstattungspflicht der Versicherung.
Die Verschuldung von Euromed AG verringerte sich um acht Prozent auf 7,858 Millionen Euro. Die Eigenkapitalquote verbesserte sich von 30,5 Prozent auf 32,2 Prozent.
Von noch vor drei Jahren zu hörenden Expansionsgelüsten (so in NRW) hat der Konzern inzwischen offenbar Abstand genommen. 1999 ging Euromed an die Börse, zugleich wurde im November 1999 der Erweiterungsbau der EuromedClinic begonnen. 2001 wurde der Neubauabschnitt eröffnet. Dr. rer. pol. Harald Clade

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