ArchivDeutsches Ärzteblatt7/1996Akutes Lungenversagen: Inhalation von Stickstoffmonoxid

SPEKTRUM: Akut

Akutes Lungenversagen: Inhalation von Stickstoffmonoxid

Blaeser-Kiel, Gabriele

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LNSLNS Die Letalität beim akuten Lungenversagen ist mit 50 Prozent noch immer sehr hoch. Mit einem neuen Therapieverfahren, der inhalativen Gabe von Stickstoffmonoxid (NO), hofft man die Überlebensraten verbessern zu können. Am Berliner Universitätsklinikum Rudolf Virchow wurde diese potentielle Alternative zur Beatmung über die künstliche Lunge 1990 zum ersten Mal erprobt; in Frankreich nutzt man diese Möglichkeit inzwischen auf 90 Prozent aller Intensivstationen, berichtete Privatdozent Rolf Rossaint (Berlin) bei einer Pressekonferenz anläßlich des 3. Deutschen Interdisziplinären Kongresses für Intensivmedizin in Hamburg. Allerdings befinde man sich noch immer im klinisch experimentellen Stadium, da mit der Zulassung erst in etwa zwei Jahren zu rechnen sei.


Neben der unzureichenden Sauerstoffversorgung des Blutes stellt beim akuten Lungenversagen die pulmonale Hypertonie das größte Problem dar. Gibt man der Atemluft Stickstoffmonoxid hinzu, kommt es an den pulmonalen Gefäßmuskelzellen über die gleichen Mechanismen wie durch endogen gebildetes NO zur Vasodilatation. Dadurch reichert sich mehr Sauerstoff im Blut an, und der Blutdruck sinkt. Weitere Daten belegen, daß zusätzlich die Pumpleistung des rechten Herzens zunimmt und sich weniger Wasser in der Lunge einlagert. Weil das NO in der Blutbahn sofort durch die Erythrozyten inaktiviert wird, bleibt der Effekt auf das Lungengebiet begrenzt, so daß der bei diesen Patienten meist erniedrigte systemische Blutdruck nicht – wie bei der intravenösen Applikation von Vasodilatatoren – noch weiter gesenkt wird. Als Indikationsgebiete für die NO-Inhalationstherapie, für die schon klinische Erfahrungen bestehen, gelten neben unfall- oder entzündungsbedingtem akuten Lungenversagen die pulmonale Hypertonie bei Neugeborenen, nach kardiochirurgischen Eingriffen oder nach Lungen­trans­plan­ta­tion.

Man hat beobachtet, daß auch bei länger dauernder NO-Inhalationstherapie der therapeutische Effekt nicht nachläßt. Schwere Nebenwirkungen sind bisher nicht aufgetreten. Möglicherweise kann die körpereigene NOBildung in den betroffenen Lungenabschnitten abnehmen. Obwohl man noch nicht abschätzen kann, ob dies auch klinisch Relevanz hat, wird laut Rossaint empfohlen, die Stickstoffmonoxid-Therapie ausschleichend zu beenden. Daten aus kontrollierten Studien, ob die neue Therapie zu einem Rückgang der krankheitsbedingten Letalität führt, liegen bisher noch nicht vor. Zur Zeit laufen drei prospektive Untersuchungen an großen Patientenkollektiven, um diese Frage abzuklären. Gabriele Blaeser-Kiel

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