ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinReisemagazin 3/2003Haka und Hongi bei deftigem Hangi: Eine Reise in die Kultur der Maori

Supplement: Reisemagazin

Haka und Hongi bei deftigem Hangi: Eine Reise in die Kultur der Maori

Dtsch Arztebl 2003; 100(49): [4]

Volk, Stefan

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Die Ankunft von Fremden wurde mit einer Signalmuschel mit geschnitzten Mundstücken angekündigt. Der Klang erinnert an Walgesänge.
Die Ankunft von Fremden wurde mit einer Signalmuschel mit geschnitzten Mundstücken angekündigt. Der Klang erinnert an Walgesänge.
Die Maori, die neuseeländischen Ureinwohner, stellen sich die Schöpfung als einen Familienstreit vor: Der Himmelsvater Rangi und Erdmutter Papa liebten sich so sehr, dass sie stets eng beieinander lagen. Ihre Kinder hatten sie zwischen sich eingeklemmt. Die ewige Enge und Dunkelheit war den Kleinen bald zu viel. Mit Gewalt trennten sie Vater und Mutter – also Himmel und Erde. Weitere Kabbeleien unter den Geschwistern brachten Wasser, Berge, Wälder, Winde und schließlich den Menschen in die Welt. Die Tradition der
Die Gesichtstätowierung auf dieser Figur wird Moko genannt. Sie zeigt den sozialen Status des Stammesmitglieds an.
Die Gesichtstätowierung auf dieser Figur wird Moko genannt. Sie zeigt den sozialen Status des Stammesmitglieds an.
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polynesischen Urbevölkerung mit ihren Mythen ist auch heute noch ein wesentlicher Teil neuseeländischer Kultur. Der Haka, ein Kriegstanz, mit dem die All Blacks, Neuseelands Rugby-Nationalmannschaft, die Gegner vor jedem Spiel einzuschüchtern versuchen, ist nur ein Beispiel dafür. Neuseeland-Reisende haben allerorts – in Kulturzentren, bei Spezial-Veranstaltern und Festivals Gelegenheit, in eine Welt voll mystischer Legenden und tiefer Spiritualität einzutauchen.
Eine zentrale Botschaft der Maori lautet „Mana whenua a tangata“ – Respekt vor dem Land und dem Mensch. Diese Geisteshaltung erlebt man in Neuseeland überall, zum Beispiel im umsichtigen Umgang mit dem Naturreichtum in Aotearoa, dem „Land der langen, weißen Wolke“, wie die Maori ihre Heimat nennen. Ein Drittel der Landfläche steht unter Naturschutz – so viel wie in
Foto: NZMACI/Rotura Maori-Krieger vor einem Gebetsund Ahnenhaus, dem Marae
Foto: NZMACI/Rotura Maori-Krieger vor einem Gebetsund Ahnenhaus, dem Marae
keinem anderen Land. Den Anstoß hierfür lieferte ein Maori-Häuptling. 1887 schenkte Horonuku Te Heuheu dem neuseeländischen Volk das heilige Gebiet um die Vulkane Tongariro, Ngauruhoe und Ruhapehu im Zentrum der Nordinsel. Einzige Bedingung der Schenkung: das Naturszenario durch einen Nationalpark zu schützen. Der heutige Tongariro-Nationalpark war nach dem Yellowstone-Park in den USA der zweite Nationalpark der Welt und zählt heute zum Weltnaturerbe der UNESCO. Trotz staatlich verbrieften Schutzes ihrer heiligen Stätten drohte Maoritanga, wie die Maori das Erbe ihrer Ahnen nennen, um die Jahrhundertwende in Vergessenheit zu geraten. In den 20er-Jahren begannen die Maori, sich wieder auf ihre eigene Kultur zu besinnen. Maoritanga erlebte einen Aufschwung, der bis heute andauert: Sie richteten Werkstätten ein, in denen sie die meisterliche Schnitzkunst ihrer Vorfahren vervollkommneten. Sie erinnerten sich der Tänze, Lieder und Legenden ihrer Ahnen. Und sie tragen stolz die wohl auffälligste Besonderheit ihrer Kultur – das Moko. Die Ornamente und Symbole dieser traditionellen Gesichtstätowierung malen die Maori heute vor allem zu festlichen Anlässen mit Schminke auf.
In Schulen und Kindergärten belebten sie die Maori-Sprache, Te Reo, neu. Heute ist Te Reo neben Englisch offizielle Landessprache. Auch die Pakeha, die europäischstämmigen Neuseeländer, wünschen sich mit dem Maori-Gruß „Kia ora“ einen „Guten Tag“. Die meisten Orte und Landschaften tragen – wieder – die alten Maori-Namen. Alljährlich zelebriert ganz Neuseeland beim Pasifka-Festival Kunst, Kultur und Kulinarik des polynesisch- stämmigen Bevölkerungsteils.
Foto: privat Maori-Haka: lautes Kriegsgeschrei vom Meer aus
Foto: privat Maori-Haka: lautes Kriegsgeschrei vom Meer aus
Werke aus Holz und Jade
Kristallisationspunkt des Maoritanga bilden Kulturzentren im ganzen Land. Zu den bedeutendsten gehört das New Zealand Maori Arts & Crafts Institute in Te Whakarewarewa, dem heiligen Thermalgebiet in Rotorua. Hier haben Manuhiri, die Besucher Neuseelands, die beste Möglichkeit, vor der großartigen Kulisse der Geysirlandschaft einen Einblick in die fremd anmutende Kultur der Maori
Fotos: tourism new zealand Inzwischen wird schon im Vorschulalter die Maori- Sprache (Kohanga Reo) und Maori-Kultur gepflegt.
Fotos: tourism new zealand Inzwischen wird schon im Vorschulalter die Maori- Sprache (Kohanga Reo) und Maori-Kultur gepflegt.
zu bekommen. In Zentren wie Te Whakarewarewa erlernen junge Maori den Umgang mit Toki und Whao – Breitbeil und Meißel – mit denen sie unvorstellbar filigrane Kunstwerke schaffen. Dabei lassen sie sich gerne von den Manuhiri über die Schulter schauen.
Die Größe der figürlichen Darstellungen – „Tiki“ – reicht von mehrere Meter hohen, frei stehenden Statuen bis zu Zentimeter großen Jadeanhängern, den glücksbringenden Heitiki. Die Schnitzwerke zieren Firstbalken, Säulen und Wandpaneelen von Häusern und erscheinen an Bug und Heck der bis zu 30 Meter langen Waka, der pfeilschnellen Kriegskanus der Maori. Die umfangreichste Sammlung an historischer und zeitgenössischer Maori-Kunst findet man in Neuseelands neuem Nationalmuseum Te Papa Tongarewa in der Hauptstadt Wellington direkt am Kai des Hafens. Weitere beeindruckende Zeugnisse der meisterhaften Maori-Schnitzkunst beherbergt das Auckland Museum, darunter das 25 Meter lange Kriegskanu Te Toki a Tapiri aus dem Jahr 1836.
Ein Festakt der Gastfreundschaft
Foto: Harald Clade Hongi: Der Stammeshäuptling begrüßt den Fremden mit dem Nasenkuss.
Foto: Harald Clade Hongi: Der Stammeshäuptling begrüßt den Fremden mit dem Nasenkuss.
Gastfreundschaft ist den Maori so wichtig, dass sie ihrer Begrüßung einen mehrstündigen Festakt widmen. Das traditionelle Begrüßungszeremoniell Powhiri gehört für Neuseeland-Neulinge zum Muss. Es beginnt mit dem Wero, der Herausforderung des Fremden. Oftmals wird hierbei der Kriegstanz Haka aufgeführt. Dabei entscheidet sich, ob jemand in kriegerischer oder friedlicher Absicht gekommen sind. Ist Letzteres der Fall, wird man mit dem „Nasenkuss“ Hongi willkommen geheißen und zu einem deftigen Hangi geladen – ein Kartoffelgericht à la Maori, traditionell zubereitet im Erdofen – oder zu einem Hähnchen unter heißen Lavasteinen. Ort des Zeremoniells ist das Marae, das Versammlungshaus eines Maori-Dorfes. Eines der schönsten Exemplare der Maori-Baukunst ist das Versammlungshaus Te Pohoo-Rawiri in der Nähe von Gisborne im Osten der Nordinsel. Die reichen Schnitzereien im Inneren des Hauses zeigen Motive aus den zahlreichen Geschichten und Legenden der Maori dieser Region, zum Beispiel die von Häuptling Paikea, der Aotearoa dereinst auf dem Rücken eines Wals erreichte.
Wer mehr von den gewaltigen Legenden und der Maori-Kultur erfahren will, kann bei zahlreichen Maori-stämmigen Veranstaltern spezielle Reisepakete buchen, zum Beispiel die ein- bis fünftägige Spiritual-Tour bei Long Island Tours an der Hawke’s Bay im Osten der Nordinsel – eine Reise mit vielen Tabus. Das Tabu oder Tapu ist eines der wichtigsten spirituellen Begriffe in der Glaubenswelt der Maori. Sie bezeichnen damit den Schutz durch wohlmeinende Götter vor dem Einfluss böser Geister. Die Götter erwarten von den Menschen in ihrer Anwesenheit bestimmte Anstandsregeln. So schätzt der eine nicht, wenn man in seiner Nähe isst, ein anderer verlangt von Besuchern gewaschene Füße. Wer sich danebenbenimmt, riskiert den Auszug des Gottes, was sich für alle Menschen an diesem Ort negativ auswirkt.
Durch Gespräche mit Maori eröffnen derartige Kultur-Touren einen anderen Blick auf das Leben – zum Beispiel, dass die Stellung in der Gesellschaft nichts mit Geld, teuren Autos oder anderen materiellen Statussymbolen zu tun haben muss. Bei den Maori ist für das Ansehen allein das Mana
Jeder Maori-Stamm hat eine eigene Schnitztradition.
Jeder Maori-Stamm hat eine eigene Schnitztradition.
zuständig. Mana bezeichnet einen Ehrbegriff, der viel damit zu tun hat, wie sehr sich der Einzelne für seine Familie (Whanau), seine Sippe (Hapu) oder seinen Stamm (Iwi) einsetzt. So besitzt beispielsweise der Koch, der bei dem traditionellen Stammestreffen Hui mehrere Hundert Menschen versorgt, ein großes Mana, dem die anderen selbstverständlich Respekt zollen.
Früher war das Mana oft Anlass für Zwistigkeiten zwischen den Iwi. Heute sind die Feindschaften beigelegt. Sie bieten höchstens Grund zum sportlichen Wettstreit, wie den Te Houtaewa Challenge an der Nordspitze Neuseelands. Stefan Volk

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