ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2003Umweltschadstoffe: Niedrige Dosierungen

AKTUELL: Akut

Umweltschadstoffe: Niedrige Dosierungen

Dtsch Arztebl 2003; 100(49): A-3201 / B-2665 / C-2489

Richter-Kuhlmann, Eva

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LNSLNS Hormonabhängige Karzinome – zum Beispiel Hoden- oder Brustkrebs –, eine verschlechterte Fortpflanzungsfähigkeit des Mannes mit verringerten Spermienzahlen oder Verhaltensstörungen bei Kindern könnten durch Umweltschadstoffe verursacht sein. Zahlreiche Studien lenken die Aufmerksamkeit auf die Niedrigdosiseffekte hormonähnlicher Substanzen. Sie stehen im Verdacht, bei prä- oder perinataler Einwirkung das hormonale Gleichgewicht zu stören und im späteren Leben Erkrankungen zu verursachen. Bereits geringste Mengen von so genannten Umwelthormonen könnten den menschlichen Organismus schädigen. Darauf wies Prof. Dr. med. Ibrahim Chahoud (Freie Universität Berlin) bei einer internationalen Tagung zu diesem Thema Ende November in Berlin hin. Besonders Ungeborene und Säuglinge seien gefährdet.

Obwohl bisher alle Schadstoffrichtlinien einen Grenzwert voraussetzten, unterhalb dessen keine schädlichen Wirkungen auftreten, sei gerade bei hormonähnlichen Substanzen die Dosis-Wirkung-Beziehung nicht immer linear. Als Beispiel nannte Chahoud den synthetischen, östrogenähnlichen Stoff Diäthylstilböstrol (DES), der bis in die 70er-Jahre Schwangeren gegeben wurde, um Fehlgeburten zu verhindern. Erst später stellte sich heraus, dass Töchter dieser Mütter als Erwachsene übermäßig häufig an Vaginal- und Cervixkarzinomen erkrankten. Klip et al. beschreiben die Generationen übergreifenden Effekte von DES (Lancet 2002; 359: 1102 ff.). Dänische Knaben, deren Großmütter mit Diäthylstilböstrol behandelt wurden, weisen eine erhöhte Inzidenz von Hypospadie auf.
Wissenschaftler, aber auch Ämter und Behörden stehen nun vor einer großen Herausforderung. Mehr als 200 Stoffe (Phthalate oder Polychlorierte Biphenyle) stehen im Verdacht, zu den Umwelthormonen zu gehören. „Wir haben Probleme mit der Bewertung von Stoffen, die nicht direkt organisch schädigen, sondern früh im Leben in die Steuerung des gesamten Organismus eingreifen“, räumt Andreas Gies vom Umweltbundesamt ein. „Wir kennen Niedrigdosiseffekte bei mehreren Stoffen, wissen jedoch nicht, ob sie bei all jenen Substanzen auftreten, die das Hormonsystem beeinflussen können.“ Besondere Vorsicht sei deshalb angebracht. Vorsicht will auch die Europäische Kommission walten lassen.
Eine neue Chemikalien-Verordnung soll dazu führen, dass Umwelthormone nur dann vermarktet werden dürfen, wenn ihre Unschädlichkeit durch den Produzenten nachgewiesen wird.
Dr. med. Eva A. Richter-Kuhlmann
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