ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2003Traum eines Kardiologen: Nach der finalen Reform

POLITIK: Die Glosse

Traum eines Kardiologen: Nach der finalen Reform

Dtsch Arztebl 2003; 100(49): A-3212 / B-2672 / C-2496

Praetorius, Frank

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LNSLNS Nach Jahrzehnten als Spezialist erlebt der Kardiologe einen unerwarteten Traum. Am Morgen notiert er rasch diesen Traumblick in eine Welt nach der finalen Gesundheitsreform:
- Alle Menschen haben die freie Wahl „ihres“ Arztes, der sie bei allen medizinischen Problemen leitet.
Die Patienten schätzen es, dass er ihre gesamten gesundheitlichen Probleme und Bedürfnisse kennt und nicht nur ein einzelnes Organsystem betreut. Und dass sie deshalb über alles mit ihm sprechen können. Er tritt nicht als „gatekeeper“ auf, der den Zugang zu den Spezialisten blockiert, sondern als Berater und Vermittler, notfalls als Verteidiger der Patienteninteressen.
- Der Hausarzt ist ein exzellenter Allgemeinarzt, den die Spezialisten um Erfahrung und Wissen beneiden – auch wenn er keine Herzkatheter schiebt. Er ist so gut, weil er in seiner Ausbildung Kompetenz und Erfahrung darin gewonnen hat, auf jeder Stufe einer Krankheit die notwendigen Schritte einzuleiten. Kleine Schritte bei der Behandlung einer Erkältung oder Gelenkbeschwerde, wenn notwendig große Schritte bei ähnlichen Beschwerden – bis zur invasiven Diagnostik und Therapie. Er sieht es als seine Aufgabe, bei jedem Patienten und bei jedem Kontakt von neuem die Entscheidung zwischen kleinen und großen Schritten zu finden.
- In diesem Traum bestreitet unter den Haus- und Spezialärzten niemand mehr die Notwendigkeit des anderen. Sie haben sich zusammengesetzt, die festen Regeln der Zusammenarbeit aufgestellt und sie den Patienten gemeinsam erklärt:
Der Hausarzt ist außer in Notfällen immer der primäre Arzt, denn er verfügt über die komplette Information und die Befunde. Er verordnet alle Medikamente, auch die vom Spezialisten empfohlenen, weil er allein weiß, was der Patient verträgt und was andere Fachärzte verordnet haben. Nebenwirkungen durch Interaktion von Pharmaka kommen in diesem Traum nicht mehr vor. Wird der Hausarzt gewechselt, kann der Patient bei seinen Spezialärzten bleiben; er hat auch die freie Spezialistenwahl.
- Das Medizinstudium wurde bald nach 2003 renoviert. Studium und Lehre werden hochmotiviert betrieben. International werden wir darum beneidet.
Entscheidend war die Neuordnung der Unterrichtsstruktur an den Hochschulen: Da die Ausbildung zum Spezialisten erst nach dem Studium erfolgt, unterrichten die Spezialisten nur noch in nicht prüfungsbezogenen Spezialkollegs für Doktoranden. Die großen Vorlesungen haben ebenso wie die Praktika ihre große Bedeutung zurückgewonnen, seit sie „aus einer Hand“ kommen. Der Student erlebt beim Vorbild, was von ihm selbst in Prüfung und Praxis verlangt wird: die Kompetenz für das gesamte Fach.
- Im Interesse einer optimalen medizinischen Versorgung sind allgemeine Regeln für die Wahl von leitenden Krankenhausärzten (Chefärzten) in Kraft.
Voraussetzung ist nicht die Habilitation nach Jahren der Forschung, sondern eine langjährige praktische Tätigkeit als Oberarzt auf möglichst allen Gebieten des Faches. In den Hochschulkliniken haben sich dadurch zwei Karrierewege differenziert, die sich wegen der notwendig langfristigen Tätigkeit meist ausschließen: die Entwicklung zum Hochschulforscher (mit Habilitation) und diejenige zum klinischen Oberarzt und späteren Chefarzt.
Zum Traum gehört, dass nicht mehr von Ärztemangel die Rede ist, weil der Beruf wieder Spaß macht – den älteren Ärzten, weil sie die erlittenen Macht- und Einkommensreduktionen gegen entspannte und zufriedenstellende Arbeit aufwiegen. Den jüngeren, weil sie ihren Beruf wieder positiv sehen. Keiner wandert mehr in andere Berufe oder ins Ausland ab. Frank Praetorius
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