POLITIK

Guter Arzt

Dtsch Arztebl 2003; 100(49): A-3213 / B-2673 / C-2497

Böhmeke, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Mit Hippokrates ist bei der Ausübung ärztlicher Tätigkeit ein höherer moralischer Anspruch verankert, der uns wohltuend von anderen Berufsgruppen abhebt und unsere Profession in einem besonderen Glanze erstrahlen lässt. War das nicht ein wesentliches Motiv, das uns dazu verleitete, alle Zellen des menschlichen Körpers auswendig zu lernen, biochemische Formeln ins Gehirn zu brennen, endlose Nachtdienste zu schieben, 70-Stunden-Wochen als selbstverständlich zu erachten? Hatten wir nicht all dies auf uns genommen, um später einmal diese besondere Auszeichnung zu bekommen, man sei ein guter Arzt? Aber gestern ist gestern und heute ist heute. Ich sitze in der Sprechstunde, ein mir bislang fremder Mensch eröffnet das Gespräch mit den Worten: „Ich habe gehört, Sie seien ein wirklich guter Arzt, deswegen komme ich zu Ihnen!“ Ich zucke zusammen und kauere hinter meinem Schreibtisch, Böses ahnend. „Fangen wir von vorne an: Mit drei Jahren hatte ich Masern!“ Ich schaue höchst interessiert, so was macht ein guter Arzt ja. „Oder war es mit vier Jahren?“ Es wäre geradezu Verrat, ihn auf die mangelnde Bedeutung des Masernjahres hinzuweisen. „Vor 20 Jahren hatte ich eine Extrasystole!“ Schier unglaublich, aber es hilft nichts, ich muss da durch. „Vor 15 Jahren kam wieder eine!“ Ich höre weiterhin angestrengt zu, es könnte sich schließlich um einen Testpatienten der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung handeln. „Vor zehn Jahren hatte ich keine Extrasystole!“ Das Schicksal will, dass diejenigen mit der umständlichsten Anamnese meist die schlimmsten Erkrankungen haben, die sie aber keinesfalls preisgeben wollen. „Vor fünf Jahren hatte ich auch keine!“ Ich harre gottergeben aus, darauf hoffend, noch innerhalb der nächsten drei Stunden den transmuralen Vorderwandinfarkt erkennen zu dürfen. „Mein bisheriger Hausarzt wollte mir meine Medikamente nicht mehr verordnen!“ Das war also das Problem dieses Menschen! Erleichtert unterschreibe ich die gewünschten Rezepte und damit meinen nächsten Regress. Triumphierend nimmt er sie entgegen, und ich lehne mich in dem trügerischen Gedanken zurück, für heute gut genug gewesen zu sein. Fehldiagnose. „Sie könnten mir auch dieses neue Potenzmittel auf Kassenrezept verschreiben, da hat doch jemand erfolgreich darauf geklagt. Und falls es zum Prozess kommt, können Sie den für mich führen. Sie sind ja schließlich ein guter Arzt!“ Es gibt Momente, da wünschte ich mir, keiner zu sein. Dr. med. Thomas Böhmeke
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema