ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2003Nierentransplantation: Erfahrungen mit der Lebendspende

POLITIK: Medizinreport

Nierentransplantation: Erfahrungen mit der Lebendspende

Dtsch Arztebl 2003; 100(49): A-3214 / B-2674 / C-2498

Blaeser-Kiel, Gabriele

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Da Patienten mit terminaler Niereninsuffizienz immer
länger auf ein Ersatzorgan warten, müssen die
Vor- und Nachteile der Lebendspende abgewogen werden.

Zum Jahreswechsel 2001/2002 befanden sich in Deutschland 18 484 Patienten in der Nachsorge nach Nierentransplantation (NTX). Dank der Fortschritte in der Chirurgie und bei der Abstoßungsprophylaxe haben sich Transplantatsfunktionsraten in den letzten Jahren kontinuierlich verbessert. Doch das Missverhältnis zwischen denen, die davon potenziell profitieren könnten, und jenen, die tatsächlich die Chance bekommen, ist noch immer sehr groß. Im Jahr 2001 standen 9 547 Patienten auf der Warteliste 2 346 durchgeführten NTX gegenüber, und gleichzeitig wurde bei 15 148 Patienten eine Dialysebehandlung begonnen.
Die Lebenserwartung eines terminal Nierenkranken ist trotz Dialyse – unabhängig von Alter, Grund- und Begleiterkrankung – im Mittel nur etwa halb so hoch wie nach Implantation eines Ersatzorgans. Zusätzlich korreliere die Dauer der Wartezeit linear mit der langfristigen Erfolgsrate der NTX; sie sei damit einer der stärksten Risikofaktoren für den Funktionsverlust des Transplantats und die Mortalität nach NTX, betonte Prof. Herwig-Ulf Meier-Kriesche (Gainesville/ USA) bei dem World Congress 2003 of Nephrology in Berlin.
Um diese Daten zu differenzieren, hat er in einer weiteren Analyse nur die Patienten berücksichtigt, die vor der NTX weniger als sechs Monate oder länger als zwei Jahre an der Dialyse waren und deren Organe vom gleichen Spender (n = 2 405) stammten. Dabei ergaben sich statistisch signifikant schlechtere Transplantatüberlebenszeiten für die Patienten mit der längeren Wartezeit – nach fünf Jahren 58 versus 78 Prozent, nach zehn Jahren 29 versus 63 Prozent.
In Deutschland dauere es je nach Blutgruppe im Durchschnitt bis zu sieben Jahren, bis ein terminal Nierenkranker transplantiert werden könne, beschrieb Prof. Ulrich Frei (Berlin) die Realität. In anderen europäischen Ländern und den USA seien die Wartezeiten deutlich kürzer. Das liege zum einen an der vergleichsweise geringeren Spenderbereitschaft der Deutschen und zum anderen auch an organisatorischen Problemen bei der Erkennung von Organspendern.
Stärker eingeschränkt als in anderen Ländern ist in Deutschland die Möglichkeit der Lebendorganspende, die sich im Wesentlichen auf Blutsverwandte und emotional verbundene Personen beschränkt. Während hierzulande gegenwärtig nur etwa jede fünfte transplantierte Niere von einem lebenden Spender stammt (Grafik 1), ist es beispielsweise in den USA jede zweite.
Über die Strategien, die dort verfolgt und evaluiert werden, berichtete Prof. Robert Gaston (Birmingham/USA). Etabliert ist beispielsweise die Überkreuz-Spende zwischen zwei Paaren, wenn wegen „Missmatch“ eine direkte Spende nicht möglich ist. Der Vorteil dieses Vorgehens ist, dass beide TX-Kandidaten rechtzeitig Organe von guter Qualität erhalten und die Eingriffe unter optimalen Bedingungen durchgeführt werden können. Ein Nachteil dieser Option ist der limitierte Spender/Empfänger-Pool.
Eine Variante bei Partner-Inkompatibilität ist die Lebendorganspende an einen kompatiblen fremden Kandidaten auf der Warteliste. Im Gegenzug erhält der eigentlich Begünstigte das nächste verfügbare Organ eines verstorbenen Spenders. Damit könne man zwei Patienten frühzeitig helfen mit allerdings ungleichen Chancen, sprach Gaston den Schwachpunkt an. Die langfristigen TX-Ergebnisse nach Lebendorganspende seien unabhängig vom Beziehungsgrad zwischen Spender und Empfänger in nahezu allen Konstellationen besser als mit Nieren verstorbener Spender (Grafik 2).
Ebenfalls in den USA möglich ist die altruistische Spende an einen anonymen Empfänger. Dies wird an drei TX-Zentren – Minnesota, Washington und Baltimore (ausschließlich für Kinder) – erprobt. Dabei lege man sehr großen Wert auf eine intensive und zum Teil tiefenpsychologische Exploration, erläuterte Gaston den aufwendigen Auswahlprozess. Ein erster Erfahrungsbericht der Kollegen an der Universität Minnesota zeige eine Akzeptanzrate von weniger als zehn Prozent (n = 15) der Spenderangebote (n = 255).
Dem unbestreitbar großen Nutzen für den Nierentransplantatempfänger steht das potenzielle Risiko des Spenders gegenüber. Dazu gab es kaum Langzeitdaten. In Deutschland wurde das erste Lebendspenderregister im Jahr 2002 am TX-Zentrum Großhadern der Universität München eingerichtet. In der Schweiz hat man dagegen schon vor zehn Jahren begonnen, im „Swiss Organ Living Donor Health Registry“ (SOLDHR) in zwei- bis dreijährigem Abstand den Gesundheitszustand der Spender zu dokumentieren. Initiator war Prof. Gilbert Thiel (Basel), der den gegenwärtigen Stand (n = 581) vorstellte. Verloren gegangen seien 16 Prozent der ursprünglich erfassten Spender – davon sechs durch mit der Nephrektomie nicht im Zusammenhang stehendem Tod. Es gebe keinen Fall von Dialysepflichtigkeit oder chronischer Niereninsuffizienz.
Engmaschige Kontrolle
Im ersten Jahr nach dem Eingriff stieg das Serumkreatinin im Median um 29 Prozent, blieb aber danach stabil. Innerhalb von sieben Jahren nach dem Eingriff hatten 37 Prozent der Nierenspender eine Hypertonie und elf Prozent eine Mikroalbuminurie entwickelt. Die Hochdruckinzidenz entspricht nach Angaben von Thiel in etwa dem Durchschnitt in der altersgleichen Schweizer Bevölkerung.
Weil bei nephrektomierten Personen die Hypertonie aber möglicherweise eher zu einer glomerulären Schädigung führe, sei eine engmaschige Kontrolle von Blutdruck und Albuminausscheidung unabdingbar und gegebenenfalls frühzeitig die Therapie mit einem ACE-Hemmer oder AT1-Blocker erforderlich. Nach Überzeugung von Thiel haben Transplanteure beziehungsweise Nephrologen die moralische Pflicht, die langfristige gesundheitliche Betreuung von Lebendspendern sicherzustellen. Gabriele Blaeser-Kiel

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema