ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2003Forschung in Europa: Die Aufholjagd hat begonnen

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Forschung in Europa: Die Aufholjagd hat begonnen

Dtsch Arztebl 2003; 100(49): A-3218 / B-2677 / C-2501

Zylka-Menhorn, Vera

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Die Europäische Union will sich zum weltweit attraktivsten Forschungsstandort entwickeln. Obwohl Brüssel wesentliche Weichen gestellt hat, bedarf es enormer Anstrengungen, um diese Vision zur Realität werden zu lassen.

Die Situation der Forschung in Europa ist besorgniserregend. Wenn die Europäer nicht gemeinsam an ihrer Verbesserung arbeiten, droht Europa ein Verlust an Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit innerhalb der Weltwirtschaft. Damit wird sich der Abstand zu anderen technologisch führenden Ländern – wie die USA und Ostasien – weiter vergrößern. Diese negative Aussage im Jahr 2000 „toppte“ EU-Forschungs-Kommissar Philippe Busquin mit einer düsteren Prognose: „Europa läuft Gefahr, den Entwicklungssprung zur wissensbasierten Wirtschaft nicht zu schaffen.“
Das 6. Forschungsrahmenprogramm (RP6), welches der Europäische Rat auf seinem Gipfel in Lissabon im Jahr 2000 beschlossen hat, sollte dieser Negativentwicklung ein Ende setzen und die Trendwende einleiten (Textkasten 1). Mehr noch: Die Europäische Union (EU) soll, so der Traum der Politiker, sich bis zum Jahr 2010 „zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt“ entwickeln.
Soweit die Theorie. Doch wie sieht es Ende 2003 mit der Zusammenarbeit der 15 EU-Länder in der Praxis aus? Wird sich die Erweiterung der europäischen Gemeinschaft um zehn – teilweise strukturschwache – Beitrittsländer stimulierend oder eher hemmend für die Forschungspolitik auswirken? Eine Orientierung hierfür gab eine Tagung des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft in Brüssel. Referenten aus Forschung, Industrie, Verwaltung und dem EU-Parlament gewährten einen Einblick in die Stärken und Schwächen der europäischen Forschung.
Bei dem Streben nach dem „Weltmeistertitel“ für Forschung startet Europa von folgender Ausgangslage: Für die Laufzeit des 6. Forschungsrahmenprogramms von 2002 bis 2006 stehen den Mitgliedsstaaten 17,5 Milliarden Euro zur Verfügung. Das ist das drittgrößte Budget der EU – und mehr Geld als Europa jemals zuvor für die Forschung ausgegeben hat. Trotzdem muss der Betrag relativiert werden, denn er entspricht im Durchschnitt nur 1,9 Prozent des EU-Bruttoinlandsproduktes (BIP). Dabei sind die Abweichungen zwischen den einzelnen europäischen Ländern sehr groß. So wendet Deutschland 2,49 Prozent seines BIP für die Forschung auf (Frankreich 2,2 und Großbritannien 1,85 Prozent). Prozentual ist der Unterschied zu den technologisch führenden Staaten wie USA (2,82 Prozent) und Japan (2,98 Prozent) damit zwar gering. In absoluten Zahlen bedeutet dies jedoch, dass die USA jährlich (!) 120 Milliarden Euro mehr in die Forschung investieren.
Dabei mangelt es in der EU nicht an Trümpfen: Europa verfügt über hoch qualifizierte Wissenschaftler und hat auf allen Gebieten Forschungszentren von internationalem Spitzeniveau vorzuweisen. Über deren genaue Spezialisierung ist jedoch außerhalb der eigenen Landesgrenzen – und insbesondere in der Wirtschaft, die von einer Zusammenarbeit profitieren könnte – oft zu wenig bekannt.
„Dieses intellektuelle, aber auch das wirtschaftliche Potenzial wurde bisher nicht optimal eingesetzt“, sagte der Generalsekretär des Stifterverbandes, Prof. Manfred Erhardt, in Brüssel. Die Streuung der Finanzmittel, die Abschottung der Forschungsteams, die geringe Mobilität der Wissenschaftler und Überschneidungen bei den einzelstaatlichen Programmen waren kontraproduktiv für die Entwicklung des – politisch gewollten – „europäischen Forschungsraumes“ (European research area/ERA).
Um den EU-Bestrebungen einer Neuorientierung zu einer nachhaltigeren Wirkung zu verhelfen, wurden – in einem Bruch mit der Tradition – im RP6 zwei neue Instrumente eingeführt: die Exzellenznetze und die integrierten Projekte (Textkasten 2). Ihre Merkmale lassen sich wie folgt beschreiben: Verzahnung der europäischen Forscher multinational und mit industriellen Partnern, mehr Wettbewerb und Benchmarking, Eigenverantwortung, transparente Budgets und Kontrollen sowie ergebnisorientiertes Arbeiten; banal könnte man das Ziel definieren mit „mehr Wissenschaft fürs Geld“ .
„Tausende von Arbeitsgruppen, mehrere Zehntausend Forscher aus allen europäischen Ländern wirken heute an derartigen Projekten mit“, sagte Prof. Helga Nowotny vom Europäischen Forschungsbeirat EURAB (European Research Advisory Board). Das Gremium aus 45 Mitgliedern (20 aus Universitäten, 20 aus der Industrie und fünf Mitglieder von der Europäischen Kommission) berät die Europäische Kommission in Forschungs- und und Entwicklungfragen. „Wir sind das europäische Äquivalent der Deutschen Forschungsgemeinschaft und somit Geburtshelfer für den Europäischen Forschungsraum“, so Nowotny. Allerdings gebe es auch einen Wermutstropfen: Die Verzahnung von Exzellenz mit der Industrie gelinge bevorzugt an attraktiven Standorten, wo bereits eine kritische Masse an „Denkern und Praktikern“ arbeite.
In den nächsten Jahren wird eine der größten Herausforderungen für die EU darin bestehen, die Finanzierung der Forschung auf drei Prozent des EU-BIP zu erhöhen. Die EU-Kommission erwartet, dass rund zwei Drittel der Forschungsinvestitionen künftig von privater Hand kommen. Als Anreize für Unternehmen und Risikokapitalgeber verspricht sie Steuer- und Krediterleichterungen, besseren Schutz des geistigen Eigentums im Urheber- und Patentrecht sowie Abbau nationaler Hürden – wie einheitliche Sozial- und Kran­ken­ver­siche­rungen oder ein EU-Visum für Gastforscher. „Die EU hat aber Grenzen. Sie kann nur den Rahmen schaffen, um die Eigeninitiativen zu fördern“, betonte der Brite Richard Escritt, Direktor der Generaldirektion Forschung der EU-Kommission.
Dagegen ist Martin Grabert, Chef der „Koordinierungsstelle EU der (deutschen) Wissenschafts-Organisationen“ in Brüssel, skeptisch, dass die private Forschung im erwarteten Umfang aufblüht. Er spricht aus Erfahrung, denn die „KoWi“ berät deutsche Wissenschaftler, wie und wo europäische Fördermittel am besten abzurufen sind.
Über eine langjährige Erfahrung mit den Strukturen der EU verfügt Prof. Wolfgang Sauerwein, der als deutscher Strahlentherapeut am EU-Forschungszentrum im niederländischen Petten europäische Krebspatienten behandelt. Bei dem Strahlentherapeuten des Essener Universitätsklinikums liegt die Verantwortung für eine europäische Studie, in deren Rahmen Glioblastom-Patienten mit der „Neutroneneinfangtherapie“ behandelt werden. An dem Projekt beteiligt sind die Neurochirurgischen Kliniken in Amsterdam, Bremen, München, Graz, Nizza und Lausanne. Dabei halten sich die Tumorkranken für die Dauer der Therapie am Krankenhaus der Freien Universität VU in Amsterdam auf und werden täglich nach Petten gebracht, wo der dazu notwendige Forschungsreaktor steht.
Die Grundlage dieser Therapieform erklärte Sauerwein wie folgt: Bei der Behandlung von Tumoren mithilfe der Neutroneneinfangtherapie wird versucht, in der Tumorzelle eine Kernreaktion auszulösen. Dazu wird die Eigenschaft des nicht radioaktiven Isotops 10B (Bor) ausgenützt. Dieser 10B-Kern hat die Fähigkeit, mit thermischen Neutronen zu reagieren, um dann in einen Helium- und einen Lithiumkern zu zerfallen. Diese bewegen sich im Gewebe nur über eine sehr kurze Distanz. Auf diesem Weg geben sie derart viel Energie ab, dass die Zellen irreparabel geschädigt werden.
Bürokratische Überreglementierungen der EU
„Rund zehn Jahre dauerten die Vorbereitungen, bis zum ersten Mal in Europa ein medizinisches Projekt auf multinationaler Ebene bearbeitet werden konnte“, berichtete Sauerwein. Seine Begeisterung für das Fachgebiet wurde allerdings durch bürokratische Überreglementierungen der EU häufig gedämpft. Der Umgang mit höflichen, aber unverbindlichen Eurokraten verschlinge nach wie vor viel Zeit, Nerven und Geld. Nach seiner Schätzung sind 90 Prozent der Mitarbeiter an europäischen Projekten „hoch frustriert“ wegen oft jahrelanger Auseinandersetzungen mit einem undurchsichtigen Verwaltungsapparat. Zugesagte Mittel würden nicht ausbezahlt, manche Wissenschaftler warteten Jahre auf die Erstattung ihrer Reisekosten, so Sauerwein. Bis alle rechtlichen Aspekte für ein supranationales Forschungsprojekt geklärt seien, könnten zwei bis drei Jahre vergehen. Und wenn dieses schließlich anlaufe, seien keine Mittel mehr eingeplant für die fällige Anschlussfinanzierung.
Mit der für den 1. Mai 2004 geplanten „historischen“ Erweiterung der Europäischen Union um zehn Staaten (Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn, Zypern) verfügt die EU mit einem „Schlag“ über 15 Prozent mehr Wissenschaftler. Ob mit der Masse auch mehr Klasse verbunden ist, wird skeptisch gesehen.
EU-Erweiterung: Chance oder Hemmschuh für die Forschung?
Anerkannt wird die Kompetenz der Wissenschaftler aus den Beitrittsländern in den Gebieten Mathematik, theoretische Physik, Mechanik, Chemie, Werkstoff und Biologie. Allerdings: In den meisten Beitrittsländern (mit Ausnahme Sloweniens) ist die Forschung international kaum konkurrenzfähig. Und Publikationen aus den Beitrittsländern werden international nur halb so oft zitiert wie vergleichbare deutsche Texte. Bedenken, die EU erbe bei ihrer Erweiterung überwiegend marode Forschungssysteme und verliere dadurch eher an Wettbewerbsfähigkeit, teilt Dr. Horst Soboll, Leiter der Forschungspolitik und Kommunikation bei DaimlerChrysler, nicht: „Die Industrie arbeitet schon lange in Kooperationen, vernetzt und global. Unsere Erfahrungen mit den Beitrittsländern sind sehr positiv, etwa mit polnischen Forschern. Sie sind äußerst motiviert.“ Allerdings glauben Kenner der Szene, dass sich die Großkonzerne bereits die „Rosinen“ der Beitrittsländer herausgepickt haben.
Nach Angaben des polnischen Vizeministers für Forschung, Dr. Jan Krzysztof Frackowiak, sind sich die Politiker der Beitrittsländer durchaus bewusst, dass sie – um wettbewerbsfähig zu werden – die Inlandsinvestitionen anheben und ihre Wissenschafts- und Technologiekapazitäten umstrukturieren müssen. Bereits seit 1989 unterstützt der Stifterverband die Umgestaltung der Wissenschaft in Mittel- und Osteuropa, beispielsweise über die Finanzierung von Wissenschaftszentren, Entsendung von erfahrenen Professoren oder Einrichtung von Stiftungsprofessuren.
Für den Generalsekretär des Stifterverbandes, Prof. Manfred Erhardt, ist der Weg zur europäischen Integration zwar mit sehr vielen nationalen Egoismen, neuen Bürokratien, tradierten Strukturen und vielen politischen Stolpersteinen gepflastert, aber er zeigt sich überzeugt davon, dass die Politiker erkannt hätten, dass die europäische Forschung kein Selbstzweck sei, sondern vielmehr der Garant für die Schaffung von Arbeitsplätzen und Wirtschaftswachstum von morgen.
Der Brite Escritt sieht die Zukunft trotz aller Widrigkeiten optimistisch. Sein Hauptargument ist die positive Grundstimmung zugunsten einer europäischen Forschungspolitik, die längst überfällig sei. „Die zentrale Bedeutung der Forschung wird heute auf höchster politischer Ebene anerkannt und von allen Seiten stark unterstützt“, sagt er. Alle Mitgliedsstaaten und Beitrittsländer, Wissenschaftler, Industrielle, Funktionäre und Parlamentarier begrüßten das Ziel eines innovativen Europas.
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
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