ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2003Medizinische Forschung: Auswandern ist die falsche Reaktion

THEMEN DER ZEIT

Medizinische Forschung: Auswandern ist die falsche Reaktion

Dtsch Arztebl 2003; 100(49): A-3222 / B-2680 / C-2504

Schultze, Joachim L.

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In DÄ 28–29/2003 kritisierten Ristow et al. den Forschungsstandort Deutschland. Viele Leser haben sich dazu geäußert (s. u.). Schultze plädiert für Optimismus.
In DÄ 28–29/2003 kritisierten Ristow et al. den Forschungsstandort Deutschland. Viele Leser haben sich dazu geäußert (s. u.). Schultze plädiert für Optimismus.
Weil so viele junge Wissenschaftler das Land verlassen,
müssen die Rahmenbedingungen für medizinische Forschung in Deutschland schnell und weitreichend geändert werden.
Joachim L. Schultze

Es ist viel gesagt worden über die zu verbessernden Umstände medizinischer Forschung an deutschen Universitätskliniken. Es ist noch mehr gesagt worden über die angeblich besseren Bedingungen in den anglo-amerikanischen Ländern. Vieles davon trifft zu – wenn auch nicht ganz so verzerrt zugunsten unserer Konkurrenz.
Die übliche Verallgemeinerung der Überlegenheit des amerikanischen Systems beruht meist auf dem Vergleich der Forschungslandschaft an amerikanischen Elite-Universitäten mit denen an deutschen Universitäten. Dabei ist ein allgemeiner Vergleich problematisch und nützt nicht der Debatte, da sich hier jeweils historische und gesellschaftspolitische Strömungen widerspiegeln, denen konträre Grundprinzipien zugrunde liegen. Wollten wir in Deutschland ebenfalls privatwirtschaftliche Organisationen der Eliteförderung wie Harvard, MIT, Stanford oder Princeton, so bedürfte es dafür eines gesellschaftlichen Konsenses, ausreichender Finanzeinlagen durch private Träger und einer Konzentrierung von Wissenschaft auf wenige exzellente Standorte (und damit ein Verlassen föderalistischer Forschungsförderung). Deutschland könnte das. Aber will es das auch? Sinnvoller wäre es, einzelne Punkte des amerikanischen Systems als Vorbild für Veränderungen der deutschen Strukturen zu überprüfen.
Es ist ein Recht der jüngeren Generation, die gegebene Situation zu kritisieren. Mit Davonlaufen darauf zu reagieren ist aber nur die zweitbeste Lösung – zumal zu einem Zeitpunkt, an dem die Problematik erstmals auch in Gesellschaft und Politik erkannt wird und erste Anzeichen für Veränderungsbereitschaft sichtbar werden. Ein System kann sich nicht selbst ändern. Die Beteiligten des Systems sind gefragt. Auch wenn nicht alle neuen Ideen auf Konsens stoßen (siehe Juniorprofessuren): Ohne neue Strukturen auszuprobieren, kann das System nicht an Flexibilität gewinnen. Hier sind uns andere Nationen voraus, weil dort mehr gehandelt und weniger diskutiert/lamentiert wird. Nur wer Fehler macht, kann sie später korrigieren. In diesem Zusammenhang dürfen die zarten Keime wie internationale MD-PhD-Programme, Modellstudiengänge, neue Ansätze der Forschungsförderung durch Private Public Partnerships und andere teils lokale, teils regionale und nationale Initiativen nicht wieder erstickt werden.
Flächendeckende Veränderungen sind reibungsloser einzuführen, wenn sie sich in Pilotprojekten bewährt haben. Dazu braucht es freiere Universitäten. Zu oft stehen Landes- oder Bundesgesetze eigenständigen Konzepten der Universitäten entgegen. Die Gleichschaltung der Universitäten unter dem Deckmantel der Chancengleichheit sollte überwunden werden, damit die Universitäten durch eigene Modelle ein Profil entwickeln können. Insbesondere im medizinischen Wissenschaftsbetrieb ist es notwendig, ein Nebeneinander von Modellen zu erlauben, um neue Wege beschreiten zu können, die zu einer verbesserten Verzahnung von Grundlagenwissenschaften und klinischer Forschung führen – und gleichzeitig die Überbelastung wissenschaftlich tätiger junger Ärzte abbauen. Die medizinischen Fachbereiche sollten den notwendigen Freiraum erhalten, um im Wettbewerb untereinander die besten Strukturen für eine freie Forschung zu erarbeiten.
Deutschland neigt zum Perfektionismus, wovon auch Strukturveränderungen nicht ausgeschlossen sind. Dinge, die nicht in vollem Umfang funktionieren, werden als Misserfolg gedeutet. Schlimmer noch, Umstrukturierungen werden im Voraus analysiert und zum Scheitern verurteilt. Gepaart mit unserem Verständnis von Chancengleichheit, besteht somit kaum Möglichkeit, Gewohntes zu hinterfragen, geschweige denn zu verändern. Nicht jede neue Idee, die zu einer neuen Struktur führt, wird glücken und dabei im Konsens aller Beteiligten zu fairen Lösungen führen. Aber neue Ideen und Strukturen sollten ausprobiert werden können, bei Erfolg ausgebaut und auf andere Strukturen übertragen werden und bei Misserfolg auch wieder eingestellt werden können. Dabei ist darauf zu achten, dass Misserfolg nicht dadurch definiert wird, dass bestehende Strukturen gefährdet sind. Dies setzt voraus, dass auch Modelle erlaubt werden, die keine Chancengleichheit – zum Beispiel zwischen einzelnen Universitäten – mehr voraussetzen. Auch hier gibt es bereits die ersten guten Beispiele. So sind medizinische Fachbereiche, die an die „Interdisziplinären Zentren für klinische Forschung“ (IZKF) oder „Koordinierungszentren für Klinische Studien“ (KKS) angeschlossen sind, im Vorteil gegenüber anderen Universitäten. Aber es sind genau diese Aktionen, die es erlauben, den einzelnen medizinischen Fachbereichen wieder ein eigenständiges Profil zu geben. Wer kein IZKF oder KKS besitzt, wird sich in anderen Bereichen auszeichnen müssen. Solche Veränderungen sind aus Sicht des Status quo immer mit Fehlern in der Umsetzung, mit Allianzenbildung oder auch mit Benachteiligung nicht Beteiligter verbunden. Aber nur die Schaffung solcher Strukturen erlaubt langfristig leistungsbezogene, interdisziplinäre teamorientierte Forschung sowie vielleicht auch die Möglichkeit, innerhalb solcher Strukturen aus dem zu engen BAT-System auszuscheren. Auch hier sollten Modelle probiert werden und Fehler auf dem Weg zu einer leistungsorientierteren Bezahlung zugelassen werden.
Der wissenschaftlich tätige Arzt prägt die akademische Medizin. Von den traditionellen Vertretern der Schulmedizin wird die Personalunion des Arztes und Wissenschaftlers zwingend gefordert. Nur so könne medizinische Spitzenwissenschaft erzielt werden, die wiederum dann zu innovativer Medizin führt. Es muss hinterfragt werden, ob dies in Zukunft noch möglich ist. Gerade in hoch technisierten Bereichen der Medizin sollte der Trend dahin gehen, drei unterschiedliche ärztliche Karrierewege einzuführen:
- den Kliniker, der innovative Medizin umsetzt, sie aber nicht erforscht;
- den klinischen Forscher, der wie der Kliniker einerseits als Arzt klinische medizinische Leistungen erbringt, andererseits aber klinische Forschung betreibt, das heißt klinische Studien zur Entwicklung neuer Therapien, Medikamente und Diagnostika durchführt, und
- den Wissenschaftler, der weder medizinische Leistungen der Krankenversorgung noch klinische Forschung, sondern laborbasierte medizinische Forschung betreibt. Diese kann grundlagenorientiert oder auch kliniknah sein.
Traditionalisten argumentieren, dass eine solche Trennung hierzulande nicht möglich sei, weil dies das System gefährden würde. Insbesondere stelle es die Grundsätze für die Qualifikationen eines Lehrstuhlinhabers in den klinischen Fächern infrage, da diese ja dann keine „ordentliche Forschung“ mehr durchgeführt hätten.
Drei ärztliche Karrierewege
Was die Trennung in drei ärztliche akademische Karrierewege angeht, so zeigen Erfahrungen, dass eine solche Trennung in den USA möglich geworden ist und dass diese auch in Deutschland zumindest teilweise umgesetzt wurde. Die Eingliederung von wissenschaftlichen Professuren in klinische Abteilungen ist der erste Schritt, von der verschmähten „medizinischen Feierabendforschung“ wegzukommen. Ein weiterer Schritt ist die Entwicklung von MD-PhD-Programmen, die – wie zum Beispiel an der Kölner Uniklinik – erstmals zum Titel eines Dr. med. nat. führen, sozusagen zur Eintrittskarte für eine Karriere als medizinischer Wissenschaftler.
Unterscheidet man zwischen Klinikern, klinischen Forschern und Wissenschaftlern, stellt sich die Frage, wie ein Lehrstuhlinhaber in einem klinischen Fach sich wissenschaftliche Qualifikationen erarbeiten soll. Ohne weiterreichende Veränderungen zu entwickeln, würde eine Trennung an dieser Stelle scheitern müssen, denn weder ein reiner Kliniker noch ein Wissenschaftler würden für eine solche Position nach heutigem Pflichtenheft infrage kommen. Aber ist der heutige Mediziner dafür besser qualifiziert? Schon heute ist man doch hin- und hergerissen zwischen Bewunderung und Unverständnis, wie eine Person das alles schaffen kann. Auch aus ökonomischen Gesichtspunkten sollte hier umgedacht werden. Große klinische Abteilungen sind vom Umsatz her mit Unternehmen vergleichbar. Wenn die Funktion des leitenden Arztes oder Ärztlichen Direktors mehr und mehr von Managementqualitäten geprägt ist, dann ist die fachliche Qualifikation nicht mehr der entscheidende Aspekt. Dann könnte selbst ein medizinischer Wissenschaftler eine klinische Abteilung leiten, sofern er qualifizierte Kliniker und klinische Forscher in sein Management-Team rekrutieren kann. Aktueller ist die Vorstellung, dass aus dem Ärztlichen Direktor der leitende Gesundheitsmanager einer Abteilung wird, der auf ein Managementteam zurückgreifen kann, in dem Kliniker, klinische Forscher, Wissenschaftler, Wirtschaftler und Business Developer sitzen. Die Trennung der Laufbahn in Kliniker, klinischen Forscher und medizinischen Wissenschaftler erscheint dann logisch.
Ein Anachronismus ist die mancherorts strikt praktizierte Trennung der so genannten theoretischen Fächer in der Medizin von den klinischen Fächern. Zwar ist die historisch bedingte Trennung anhand der Aufgaben der jeweiligen Fächer nachvollziehbar, aber auch hier darf man sich nicht den Entwicklungen der modernen Medizin entziehen. Warum sind in den USA die Comprehensive Cancer Centers weiterhin die erfolgreichsten Forschungseinrichtungen im Bereich Onkologie? Allein die Struktur kann es nicht sein. Entscheidend ist vielmehr das tägliche Miteinander von Experten unterschiedlichster Fachrichtungen und Ausrichtungen. Nur wenn man die Fragestellungen und Probleme der anderen erfährt, kann man eine sinnvolle Kooperation aufbauen. Nur wenn „Theoretiker“, besser Wissenschaftler, mit Klinikern und Klinischen Forschern zusammenarbeiten, können wichtige wissenschaftliche Fragen angegangen werden. Auch hierfür gibt es gute Beispiele und Förderungsinstrumente in Deutschland, zum Beispiel die Sonderforschungsbereiche und klinischen Forschergruppen.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft und andere Förderer sind gut beraten, wenn sie genauestens überprüfen, ob junge Ärzte genügend Freiraum für ihre Projekte bekommen. Wie könnte dies bereits heute verbessert werden? Ein Beispiel wären Partnerschaften zwischen Wissenschaftlern und Klinikern. Die entsprechende biochemische, molekularbiologische, statistische oder genomische Expertise könnte Projekten von Ärzten an klinischen Abteilungen durch Partner-Wissenschaftler aus den Fachbereichen zur Verfügung gestellt werden. Dies erfordert Teamgeist, Flexibilität und Verständnis für die Situation des anderen, dürfte aber dem jetzigen Ansatz der Forschung an klinischen Einheiten überlegen sein.
Enge Partnerschaften
Eine Alternative hierzu ist die Einrichtung von Wissenschaftlichen Leiterstellen in klinischen Abteilungen, die eine Partnerschaft von Klinikern, klinischen Forschern und Wissenschaftlern in einer Abteilung erlauben. Klinisch tätige Ärzte bearbeiten wissenschaftliche Projekte gemeinsam mit einem Wissenschaftler im Labor (und nicht nur mit einem schlecht angeleiteten medizinischen Doktoranden). Die klinischen Aspekte (klinische Fragestellung, Patientenrekrutierung, -auswahl, Probenmaterial, Organisation, Ethikantrag, klinische Parameter) sind Aufgabe des Klinikers, die Laboruntersuchungen Aufgabe des Wissenschaftlers. Dieser Ansatz verkürzt die Projektzeiten erheblich, meist auch die Kosten, und führt damit auch schneller zur Beantwortung der Fragestellung.
In Köln sind wir einen Schritt weitergegangen und haben zwei Arbeitsgruppen mit einer Doppelspitze fusioniert, um weitere Synergien zu schaffen. Die Gruppe wird von einem klinisch tätigen Oberarzt und einem Wissenschaftler geleitet und besteht aus rein wissenschaftlich tätigen Mitgliedern und assoziierten Ärzten, die ihrer klinischen Arbeit nachgehen können. So sind wiederum sehr enge „Partnerschaften“ zwischen Klinikern, klinischen Forschern und Wissenschaftlern möglich geworden.
Langfristig und weit über diese ersten Ansätze hinausgehend, führt an einem echten Strukturwandel kein Weg vorbei. Dies erfordert ein aktives Forschungsmanagement der medizinischen Fachbereiche an den Universitätskliniken. Beispiele sind die Entstehung von Tumorzentren oder Herzzentren, die im klinischen Bereich eine enge Zusammenarbeit von Ärzten verschiedener Fachdisziplinen voraussetzen. Diese Zentren sollten genutzt werden, um Forschungsstrukturen darum herum zu entwickeln, die dann auf die klinischen Ressourcen auch zugreifen können.
Ein wichtiges Instrument, um Forschung durch erhöhte Transparenz attraktiver zu gestalten, ist die Offenlegung der Gutachten von Forschungsanträgen für den Antragssteller. Damit wird es den Antragstellern ermöglicht, ihre Forschungsvorhaben qualitativ zu verbessern und erneut zur Begutachtung einzureichen. Im gleichen Schritt könnten internationale Gutachtergremien eingeführt werden. Diese Gremien sind aus fachlichen Gründen unabdingbar, da die Projekte immer interdisziplinärer werden und somit nur ein Gremium von Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen einen Antrag sachlich korrekt beurteilen kann. Zudem würde es sich anbieten, zu prüfen, ob die Standards des National Institute of Health für die Beurteilung des extramuralen Forschungsprogramms auf deutsche Verhältnisse übertragbar wären, eventuell in Kombination mit dem Einsatz moderner Kommunikationsmedien wie dem Internet. Wenn dieser Prozess für wissenschaftliche Manuskripte möglich ist, warum nicht auch für wissenschaftliche Antragstellung?
Mit mehr Geld kann mehr Wissenschaft geleistet werden, woraus wahrscheinlich mehr Ergebnisse resultieren, die sich in mehr und möglicherweise auch besseren Publikationen niederschlagen. Nebenbei: Auch die Harvard-Universität schneidet nicht so gut ab, wenn man die Zahl der Publikationen inklusive ihrer Güte oder ihres „Impacts“ in ein Verhältnis zur Zahl der Postdoktoranden stellt.
Es steht außer Zweifel, dass sowohl die von den Ländern als auch vom Bund finanzierten Forschungseinrichtungen und -programme im Anteil an den jeweiligen Gesamthaushalten weiter gesteigert werden müssen. Wer im Gesundheitssystem sparen will, muss langfristig eine innovative medizinische Forschung fördern. Insbesondere in der angewandten medizinischen Forschung im Bereich „neue Therapien und Diagnostika“ wird sich Spitzenforschung künftig auch dadurch auszeichnen, dass Verfahren entwickelt werden, die aus der Fortschrittsfalle herausführen und kostengünstiger als bisher sind.
Daneben können die Deutschen auch in Bezug auf das „Erwirtschaften“ privater Gelder aus dem Ausland lernen. Das öffentliche Bewusstsein, Forschung zum Beispiel über Stiftungen zu fördern, könnte substanziell verbessert werden. Auch „Institutionelles Fundraising“ an Forschungseinrichtungen und Universitätskliniken ist ein bisher kaum erschlossener Markt in Deutschland. Die Initiativen der Regensburger Universitätsklinik, die jährlich einen Lauf zur Förderung der Leukämie-Forschung veranstaltet, sind eine lobenswerte Ausnahme. Zugegeben, beim Wissenschaftsmarketing sind uns die Amerikaner mit ihrer „do it yourself“- und „we are the best“-Mentalität überlegen.
Darüber hinaus gibt es aber auch Wirtschaftlichkeitspotenziale. Insbesondere im Bereich Großgeräte bestehen noch ungenutzte Synergieeffekte an den Universitäten. Unbürokratische gemeinsame Nutzung von Geräten und Einrichtungen, die Entwicklung von zentralen Serviceeinheiten für teure Techniken und vor allem ein gemeinsames Gestalten der Infrastruktur sind überfällig. Viele Institute an US-amerikanischen Elite-Universitäten sind „Soft Money“-Institute, was bedeutet, dass nur eine Grundinfrastruktur zur Verfügung gestellt wird, ohne Planstellen und wichtige Spezialgeräte. Darüber hinaus muss für die Grundausstattung und administrative Serviceleistungen eine hohe Summe zusätzlich zum Forschungsgeld aufgebracht werden. Deshalb sind sowohl Institute als auch Forscher daran interessiert, die Infrastruktur zu pflegen. Und: Den amerikanischen Nachwuchswissenschaftlern stehen zwar längerfristige Finanzierungsinstrumente zur Verfügung. Man sollte aber nicht unterschätzen, dass man meist mehrere solcher „Grants“ braucht, um eine eigenständige und langfristig erfolgreiche Arbeitsgruppe aufzubauen.
Die Universitätskliniken stehen vor tief greifenden strukturellen Änderungen. Denn es ist schwer vorstellbar, dass in Unternehmen dieser Größenordnung weiterhin die Bereiche Ausbildung (Lehre), Forschung/Entwicklung und Produkt/Dienstleistung (Klinik) in einer Einheit geführt werden können. Wir können uns nicht davor verschließen, dass in Zukunft ein finanztechnisch solider Rahmen geschaffen werden muss, damit die medizinische Versorgung nicht ihre Qualität und ihre Menschlichkeit verliert. Diese Diskussion ist an den Universitätskliniken in vollem Gange. Dabei fällt auf, dass die Diskussion um die Rolle der Lehre und Forschung und ihrer Finanzierung in den Hintergrund rückt. Aus wirtschaftlicher Sicht nicht verwunderlich, denn wie in der freien Wirtschaft gilt es zunächst, den defizitären Bereich der medizinischen Dienstleistungen in den Griff zu bekommen, bevor wieder in Ausbildung, Forschung und Entwicklung investiert werden kann. Zu hinterfragen ist, ob diese wirtschaftlichen Gesetze auf die medizinische Forschung angewandt werden sollen. Wenn Forschung und Lehre, und damit Innovation, nicht in Mitleidenschaft gezogen werden sollen durch die notwendigen Verbesserungen im klinischen Bereich, dann müssen die Ärzte auch bereit sein, diese Bereiche – wie in der Industrie üblich – vom medizinischen Dienstleistungssektor abzukoppeln. Hier wird oft das Argument angebracht, das dies eben in der Medizin nicht möglich sei. Beispiele aus anderen Ländern zeigen aber, dass – nach schmerzhafter Übergangsphase – die Trennung medizinischer Versorgung von Forschung und Lehre sehr wohl möglich ist. Allerdings bedeutet dies, dass für Forschung und Lehre ein wirtschaftlicher Rahmen mit Administration vorgehalten werden muss.
Schwerpunkte bilden
Darüber hinaus spielen ökonomische Gesichtspunkte eine Rolle, die eine Schwerpunktbildung der medizinischen Hochschulen erfordert. So sind die medizinischen Fachbereiche der so genannten ABCD Region (Aachen, Bonn, Cöln, Düsseldorf) in Nordrhein-Westfalen aufgerufen worden, ein gemeinsames Konzept mit Schwerpunkten an den einzelnen Standorten zu erarbeiten. Dies wird ein schmerzhafter Prozess, besonders für diejenigen Ärzte, die nicht am Schwerpunkt ihres Fachgebietes angesiedelt sind. Schwerpunkt heißt aber eben gerade nicht, auf die „peripheren“ Einheiten gänzlich zu verzichten, sondern in konzertierter Aktion vom Schwerpunkt aus schlagkräftige Programme für wichtige Fragestellungen zu entwickeln.
Beispiel Onkologie: Die Ressourcenbündelung und Synergieeffekte, die zum Beispiel in einer Region wie der ABCD-Universitäten möglich wären, könnte zu einer Bildung eines Comprehensive Cancer Centers führen, dass sich hinter amerikanischen Zentren nicht verstecken müsste. Unabhängig von den Kosten stellt sich die Frage, ob sich die Beteiligten von bestehenden Strukturen verabschieden können. Die Personen müssen sich verändern wollen.
Ein besonders schwieriges Feld ist die Veränderung von Berufungsverfahren. Unter der Annahme, dass vermehrt Netzwerkstrukturen, interdisziplinäre Zentren oder themenorientierte Strukturen (Herzzentren, Tumorzentren, Zentrum für Chronische Entzündungen) entstehen, ist es fraglich, ob das bisherige Verfahren der Stellenausschreibung, Kommissionsbildung, Begutachtung und Berufung überleben kann – zumal derzeit oft Mitglieder von Berufungskommissionen ohne thematischen Bezug zur ausgeschriebenen Stelle stehen. Zwar muss das traditionelle Konzept nicht ersatzlos gestrichen werden, es sollte aber um die Möglichkeit ergänzt werden, gezielt insbesondere für neue Positionen international anerkannte Experten von anderen Institutionen abwerben zu können.
Ein Kopieren der amerikanischen Verhältnisse in der medizinischen Forschung ist weder durchführbar noch wünschenswert, denn ähnlich einer „confirmatory science“ ist auch ein „confirmatory system“ meist nicht so gut wie das Vorbild. So düster die Situation an vielen Stellen in Deutschland auch erscheinen mag, es existieren inzwischen Ansätze auf vielen Ebenen, die Dinge zu verändern. Die traditionelleren Vertreter des jetzigen Systems müssen davon überzeugt werden, dass die medizinische Forschung mit neuen Ideen und Strukturen tatsächlich verbessert wird. Hierfür braucht es junge und aktive Mitglieder, die auch im Ausland Erfahrungen gesammelt haben, um sie in Deutschland in neue Ideen und Strukturen einbringen zu können. Aber endgültiges Auswandern ist nicht das Gebot der Stunde.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 3222–3225 [Heft 49]

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. Joachim L. Schultze
Molekulare Tumorbiologie und Tumorimmunologie
Universitätsklinikum Köln
Joseph-Stelzmann-Straße 9, Haus 16, 50924 Köln


Die zitierten Leserbriefe in Langfassung im DÄ-Internet-Forum „Der Nachwuchs geht“: www.aerzteblatt.de/foren


l „Zurück in Deutschland, fehlt den forschungsbegeisterten Klinikern die Perspektive einer attraktiven Forschungstätigkeit. Das ist bedauerlich, da research and development mit zu den spannendsten Aspekten der Medizin gehören." Prof. Dr. Guido Schürmann
l „An der Situation hat sich in den letzten Jahren anscheinend nicht allzu viel geändert. Aufgrund der Arbeitsbedingungen habe ich bei meinem Zurückkommen aus den Staaten im Jahre 1972 meine wissenschaftliche Karriere beendet.“ Dr. Artur Burget
l „Die Leistungsspitze des Berufsstandes verflüchtigt sich – stetig steigend, still und leise. Da sind auch die Querdenker, die Ideengeber, die Intellektuellen des Medizinbetriebes dabei, die ohnehin keine Chance im deutschen Gutsherrenwesen haben.“ Gerhard Schuster


l „Seit 2002 wird jedem Wissenschaftler ein Zeitbudget von zwölf Jahren zugeordnet (Ärzte: 15 Jahre), nach dessen Ablauf er nicht mehr befristet an Universitäten eingestellt werden kann. Dies macht die Forscherlaufbahn zum Risiko.“ Prof. Dr. Bernhard Fleischer
l „Auf dieses Land kommt ein kleines Heer von arbeitslosen Akademikern zu. Es betrifft jene, die nach der letzten Änderung des Hochschulrahmengesetzes eine jetzt klar abgegrenzte Arbeitszeit im deutschen Universitätssystem haben.“ Dr. Wolfgang Gowin
l „In Deutschland ausgebildete Ärzte finden nicht nur schlechte Forschungsbedingungen vor, sie sind für diese Art von Tätigkeit auch sehr schlecht qualifiziert – sofern sie sich nicht aus eigener Initiative darum bemüht haben.“ Dr. Tilman Steiner


l „Bei 90–95 Prozent der Ausschreibungen für C-3-Stellen steht der erfolgreiche Bewerber schon vorher fest. Hausinterne Personalpolitik geht vor Leistungskultur. Die wissenschaftliche Leistung ist ein untergeordnetes Beurteilungskriterium.“
Prof. Dr. Clemens von Schacky
l „Anstatt immer nur Gründe dafür zu benennen, warum der Nachwuchs wegbricht, und sie damit zu rechtfertigen, sollte man viel öfter die Vorteile der deutschen Medizin hervorheben und somit für diese werben.“
Dr. Ulrich Schwertfeger
l „Nicht nur die Forschungsbedingungen sind in Großbritannien angenehmer, sondern auch die allgemeinen Arbeitsbedingungen. Nicht nur die Lernbedingungen sind in Großbritannien besser, sondern die Verwaltung kümmert sich auch um die Ärzte.“
Dr. Bernd Klemenz


l „Intellektuelle Leistung, die im Bereich der Forschung mit dem hohen unternehmerischen Risiko des Fehlschlages verbunden ist, muss mindestens annähernd so gut honoriert werden wie die florierende Apparate-Medizin.“ Prof. Dr. Christian J. Strasburger
l „Für Amerikaner ist die Tätigkeit als physician scientist unattraktiv. Alle Förderprogramme haben nichts genutzt. Die Zahl der jungen Ärzte, die NIH-Anträge stellen, geht kontinuierlich zurück. Die horizontale Vernetzung hat nichts genutzt.“ Prof. Dr. Giuliano Ramadori
l „Trotz der notwendigen Kritik sind die Bemühungen um den Forschungsstandort Deutschland erfolgreich. Eigenverantwortung und Selbstbestimmung sind auch in Deutschland gefordert. Leistung wird unterstützt und ist erfolgreich.“ Prof. Dr. Rolf Neth


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