ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2003Tropenmedizin: Konzept des weltweiten Lernens

THEMEN DER ZEIT

Tropenmedizin: Konzept des weltweiten Lernens

Dtsch Arztebl 2003; 100(49): A-3226 / B-2684 / C-2508

Jachertz, Bruno

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Visite an der Klinik des Kilimanjaro Christian Medical College: Der Patient leidet an einer Filariose.
Visite an der Klinik des Kilimanjaro Christian Medical College: Der Patient leidet an einer Filariose.
Ärzte in Deutschland werden zunehmend mit Tropenkrankheiten
konfrontiert. Spezielle Kurse vor Ort können helfen, Wissenslücken
auf anschauliche Weise zu schließen.

Viele niedergelassene Ärzte werden in ihren Praxen, unabhängig von Fachrichtung und Qualifikation, mit Reisenden oder Immigranten konfrontiert, die an tropischen Erkrankungen leiden. Dabei handelt es sich nur gelegentlich um klassische Tropenkrankheiten wie eine Malaria tertiana, die die Patienten in einem 48-Stunden-Rhythmus fiebern lässt. Dass zum Beispiel Durchfall häufig das Erstsymptom bei Malaria tropica ist, dass bei Fieber immer nach einem möglichen Reiseland gefragt werden muss oder dass Glieder- und Knochenschmerzen auf eine Dengue-Virus-Erkrankung hinweisen können, sind Dinge, die jeder Internist, Allgemeinmediziner oder Kinderarzt ebenfalls verinnerlichen sollte. Orthopäden werden häufig wegen unklarer Gelenkbeschwerden konsultiert, deren Ursache ein in den Tropen vorkommender Erreger sein kann, Dermatologen und Chirurgen werden mit Hauterscheinungen konfrontiert, die es in unseren Breiten gar nicht gibt. Die Unsicherheit in der Diagnostik macht eine Auseinandersetzung mit dem immer größer werdenden Spektrum tropischer Erkrankungen dringend erforderlich. Am besten kann man darüber in den jeweiligen Herkunftsländern lernen. Dort sieht man Patienten mit den am häufigsten vorkommenden Symptomen und erfährt zugleich etwas über Ursache, Übertragung, Differenzialdiagnose und Therapie.
Zu diesem Zweck und um medizinische Einrichtungen und Möglichkeiten in einem afrikanischen Land kennen zu lernen, habe ich als Kinderarzt einen zweiwöchigen Kurs am Kilimanjaro Christian Medical College in Moshi, Tansania, absolviert. „Worldwide Learning“ ist das Motto der Kurse „Clinical Tropical Medicine for Practitioners“, die das Institut für Tropenmedizin Berlin in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Reisemedizin in verschiedenen Kontinenten durchführt. Das Modul „Clinical Tropical Medicine for Practitioners“ findet jedes Jahr im März und Oktober statt und ist auf zehn Teilnehmer ausgerichtet.
Moshi, eine Stadt mit rund 140 000 Einwohnern, liegt am Fuß des schneebedeckten Kilimanjaro auf 800 Meter Höhe. Es ist das Zentrum eines der wichtigsten Kaffeeanbaugebiete Tansanias und einer der Ausgangspunkte für die Besteigung des Kilimanjaro.
Das Kilimanjaro Christian Medical College wurde 1971 gegründet und ist eines von drei Referenzkrankenhäusern in Tansania. In dem 500-Betten-Haus sind die Abteilungen Innere Medizin, Mutter-und-Kind- Fürsorge, Pädiatrie, Gynäkologie, Chirurgie, Orthopädie, Urologie, Anästhesie, Ophthalmologie, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und Zahnmedizin untergebracht, ebenso wie eine Krankenschwesternschule. Das Krankenhaus ist sehr aktiv in der Lehre. Zahlreiche Studenten und Postgraduierte aus dem In- und Ausland werden dort regelmäßig unterrichtet.
Auf dem Gelände des Medical College befindet sich eine infusion unit, in der sämtliche Infusionen für den Eigenbedarf unter sterilen Bedingungen hergestellt werden. Diese Produktionsstätte ist die Zentrale für Zweigstellen in ganz Afrika. Hier werden einheimische Männer und Frauen unter fachkundiger Anleitung eingearbeitet und über lange Zeit beschäftigt.
Kinderstation des Distriktkrankenhauses: Die Mütter übernehmen weitgehend die Pflege. Fotos: Ute Schwarz
Kinderstation des Distriktkrankenhauses: Die Mütter übernehmen weitgehend die Pflege. Fotos: Ute Schwarz
An allen Kurstagen – der Unterricht beginnt um acht und endet um 17 Uhr – finden morgens Visiten auf verschiedenen Stationen statt. Es werden sehr unterschiedliche Krankheitsbilder vorgestellt: viele Malariafälle, HIV-getriggerte Erkrankungen wie Tuberkulose, Bilharziose in verschiedenen Stadien, Durchfallerkrankungen, Schlafkrankheit, aber auch Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Nachmittags folgen praktische Übungen im Labor, Fallvorstellungen und Vorlesungen zu tropenmedizinischen Themen wie Malaria, Diarrhöen, Helminthen, HIV und Schlafkrankheit. Ist uns beispielsweise morgens bei der Visite ein Patient mit Lymphadenopathie vorgestellt worden, hören wir nachmittags eine Vorlesung zum Thema „HIV – Epidemiologie und Klinik“ und untersuchen danach, bei den histopathologischen Übungen, Präparate eines Kaposi-Sarkoms in einem Lymphknoten.
Prüfung zum Schluss
Bei Exkursionen in umliegende Krankenhäuser und Gesundheitsstationen können wir uns ein Bild darüber machen, unter welchen Bedingungen Ärzte und Krankenschwestern hier arbeiten und Patienten betreut werden müssen. Im privaten Krankenhaus der Tanzanian Plantation Company beispielsweise werden die Arbeiter einer großen Zuckerrohrplantage kostenfrei behandelt. Häufige Einweisungsursache ist dort der Biss der grünen und schwarzen Mamba. Aber auch hier, wie in den anderen Krankenhäusern, überwiegen Malaria, Bilharziose, andere Wurmerkrankungen, Pneumonien und HIV. Im Machame Teaching Centre versucht ein Arzt mit einfachen Mitteln Hygiene und Sanitärwesen zu lehren. Dort werden Latrinen und Wasserbehälter gebaut, Dachziegel angefertigt oder auch Elektrizität mithilfe von Kuhdung erzeugt. Zur Apotheke im Massai-Dorf führt uns der einzige Massai-Arzt der Region in einem mehrstündigen Fußmarsch durch die Savanne.
Am Ende des Kurses müssen wir uns einer Multiple-Choice-Prüfung unterziehen. Es bleiben noch zwei Tage zur freien Verfügung, an denen man beispielsweise einen Ausflug in die Serengeti oder zum Ngorongoro-Krater unternehmen kann. Auch eine Fahrt im „local bus“ nach Dar es Salaam und von dort per Schiff nach Sansibar hat seine Reize. Manch einer nimmt die Strapazen einer Kilimanjaro-Besteigung auf sich und bleibt noch eine Woche länger.
Der Unterricht hat dem Umgang mit für uns seltenen Erkrankungen ein Stück Normalität verliehen. Nun ist es selbstverständlich, Patienten nach einer vorangegangenen Reise in ein tropisches oder subtropisches Land zu fragen, bei entsprechenden Beschwerden an die richtige Krankheit zu denken und bei Verdacht auf Malaria schnell und entschlossen zu handeln.
Der Kurs wird von der Deutschen Tropenmedizinischen Gesellschaft (Zertifikat Reisemedizin), der Ärztekammer Nordrhein (Fortbildungspunkte) und der Berufsgenossenschaft (G35) als Fortbildung anerkannt. Er hat mir einen guten Überblick über die häufigsten Krankheiten in Tansania, epidemiologische Fakten und Präventionsaspekte sowie Einblicke in Gesundheitssystem und Politik vermittelt. Von daher sehe ich dem nächsten Kurs dieser Art im kommenden Februar in Thailand voller Erwartung entgegen.

Dr. med. Bruno Jachertz
Facharzt für Kinderheilkunde
Hauptstraße 19–21, 50226 Frechen


Tansania wurde 1961 unabhängig. 1964 wurde die Vereinigte Republik Tansania ausgerufen, bestehend aus dem ehemaligen Tanganyika und Sansibar. 1967 bekannte sich das Land zum Sozialismus. Der folgende wirtschaftliche Abstieg führte 1992 zur Einführung eines Mehrparteiensystems. 1995 wurden erste Wahlen abgehalten. Tansania ist mit 945 Quadratkilometern das größte Land in Ostafrika. Obwohl Dar es Salaam die kulturelle, politische und wirtschaftliche Hauptstadt ist, ist seit 1973 Dodoma offizieller Regierungssitz. In Tansania leben rund 31 Millionen Menschen, die etwa 120 Stämmen angehören. Schätzungsweise 95 Prozent der Tansanier sind Bantu; kleinere Gruppen sind zum Beispiel die Massai. KiSwahili und Englisch sind die offiziellen Sprachen. Tansania lebt hauptsächlich von Exportgütern wie Kaffee, Tee, Baumwolle, Sisal und Erdnüssen, Sansibar von Gewürzen wie Vanille, Kardamom und schwarzem Pfeffer.


Kinderstation des Distriktkrankenhauses: Die Mütter übernehmen weitgehend die Pflege.

Jährlich stattfindende Kurse

Clinical Tropical Medicine:
Februar und September:
Bangkok, Thailand: Faculty of Tropical
Medicine Mahidol University
März und Oktober:
Moshi, Tansania: Kilimanjaro Christi
and Medical College, Tumaini
University
April und November:
Kalkutta, Indien: Jadavput University
Mai und November:
Boa Vista, Brasilien: Roraima Federal
University

Tropical Dermato-Venereology and Leprosy:
November: Moshi, Tansania: Regional
Dermatology Training Centre


Neben den Kursen „Clinical Tropical Medicine for Practitioners“, die das Institut für Tropenmedizin Berlin in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Reisemedizin in verschiedenen Kontinenten durchführt, bildet der Arzt Dr. Kay Schaefer in Zusammenarbeit mit der Universität Nairobi Ärzte auf dem Gebiet der Tropen- und Reisemedizin in Kenia und Uganda fort. Kontakt: Dr. Kay Schaefer, Teutoburger Straße 14, 50678 Köln, E-Mail: contact@ tropmedex.com, Internet: www.tropmedex. com HK
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