ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2003Kongressbericht: Minimalinvasive Endoprothetik

MEDIZIN: Kongressberichte und -notizen

Kongressbericht: Minimalinvasive Endoprothetik

Dtsch Arztebl 2003; 100(49): A-3250 / B-2703 / C-2526

Popken, Frank; König, Dietmar P.; Eysel, Peer

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Minimalinvasive Verfahren haben sich im Bereich der arthroskopischen Chirurgie sowie der Wirbelsäulenchirurgie in den letzten Jahren etabliert. Durch die Entwicklung neuer Biomaterialien und computerassistierter Operationstechniken gibt es auch viel versprechende Konzepte so genannter minimalinvasiver Operationsverfahren in der Endoprothetik. Hauptanliegen des Symposiums „Minimalinvasive Endoprothetik: aktueller Stand“, das vom 21. bis zum 22. März 2003 in Köln stattfand, war es, einen Überblick über die verschiedenen zur Verfügung stehenden Verfahren und einen Ausblick auf zukünftige Entwicklungen zu geben.
Peer Eysel, Köln, und Heiko Reichel, Halle, gingen in ihren Vorträgen der Frage nach, inwieweit es sich bei dem Begriff minimalinvasive Endoprothetik eher um einen Werbeslogan oder um ein tatsächliches Zukunftskonzept handelt. Es wurde deutlich, dass die Knochen erhaltenden Verfahren im Bereich des Hüft- und Kniegelenks insbesondere im Hinblick auf zukünftige Wechseloperationen das eigentlich revolutionäre Konzept darstellen, während der Minimierung der Zugangswege bedingt durch die Größe der Implantate zurzeit noch Grenzen gesetzt sind.
Mit einer umfassenden Rekapitulierung der anatomischen Grundlagen führte Jochen Koebke, Köln, in das Themengebiet Hüftgelenk ein. Darauf aufbauend stellte Roland Wetzel, Bad Aiblingen, einen minimalinvasiven Zugangsweg zum Hüftgelenk vor, der im Wesentlichen aus einem kurzen ventralen und dorsalen Schnitt besteht und eines speziellen Instrumentariums bedarf. Vorteile dieses Verfahrens sind eine Reduktion des perioperativen Blutverlustes, der OP-Zeit, der Liegedauer und des postoperativen Schmerzes sowie ein besseres kosmetisches Ergebnis. Ein Nachteil besteht in einer schlechteren Übersicht, insbesondere mit der Gefahr einer Pfannenfehlpositionierung.
Stephan Künzler, Frankfurt, aus der Arbeitsgruppe um Fridun Kerschbaumer, präsentierte in Ergänzung zum minimalinvasiven Zugang zum Hüftgelenk die Verwendung eines navigiert arbeitenden Roboterarms, mit dem die Pfannenfräsung ausgeführt wird.
Eine Standortbestimmung der biomechanischen Grundlagen des Hüftgelenks sowie über Abriebprobleme und Gleitpaarungen in der Endoprothetik zeigte Michael Morlock, Hamburg-Harburg, auf. Obwohl Keramik im Bezug auf die Abriebfestigkeit und Dauerhaltbarkeit ideale Eigenschaften aufweist, scheint zurzeit unter modernen Fertigungsbedingungen die Kombination Metall/Metall unter Verwendung eines großen Kopf- und Pfannendurchmessers die besten Langzeitergebnisse hinsichtlich auf Abrieb, Luxationsneigung und Lockerungstendenz zu sein. Abzuwarten bleibt allerdings die Langzeitwirkung des Metallabriebs.
Das Prinzip der Metall/Metall-Legierung ist bei der so genannten Mc- Minn-Prothese verwirklicht, einem Verfahren, über welches sowohl die Arbeitsgruppe um Andre Knecht, Halle, als auch Barbara Kiehn, Köln, berichteten.
Der Vorteil dieses Verfahrens ist die minimal notwendige Knochenresektion sowohl im Bereich der Pfanne als auch vor allem am Hüftkopf, sodass diese Prothese auch bei jungen Patienten implantiert werden kann, bei denen noch mehrere Wechseloperationen zu erwarten sind. Beide Arbeitsgruppen konnten übereinstimmend aufzeigen, dass die McMinn-Prothese (Abbildung 1) eine ausgesprochen niedrige Komplikationsrate hat und zudem nach bisherigem Kenntnisstand gute mittelfristige Ergebnisse zu haben scheint, Langzeiterfahrungen stehen noch aus.
Neben dem Hüftkopfoberflächenersatz wurden weitere, schenkelhalserhaltende Prothesenmodelle vorgestellt. Koepke, Köln, referierte über die Entwicklung der so genannten Cut-Prothese nach anatomischen und spannungsoptischen Gesichtspunkten, wohingegen Wolfram Thomas, Rom, über die klinischen Erfahrungen mit dieser Prothese berichtete. Die Krafteinleitung bei der Cut-Prothese findet sowohl am Calcar als auch in der Region unterhalb des Trochanters statt. Die Verankerung beruht unter anderem auf vermehrter Ossifikation im Bereich des so genannten Cuts am medialen distalen Ende der Prothese.
Wolfgang Rüther, Hamburg, stellte die Daten von 374 Patienten nach Implantation einer Druckscheibenprothese vor, wobei die Überlebensrate der Prothese nach acht Jahren 89 Prozent betrug. Als Kontraindikationen für die Druckscheibenprothese haben sich renale Osteodystrophien sowie ausgedehnte Hüftkopfnekrosen erwiesen. Kritisch wurde auch über den „Laschenschmerz“ diskutiert, der sich bei der Druckscheibenprothese unterhalb des Trochanter major einstellen kann.
Eine neuartige, schraubenähnliche, Spironprothese soll durch die metaphysäre Femurbelastung die Knochensubstanz erhalten und durch die Offset-Rekonstruktion die muskuläre Vorspannung erhalten. Björn Birkenhauer, Bad Kreuznach, schilderte die Entwicklung dieser Prothese und präsentierte darüber hinaus erste klinische, sehr viel versprechende Ergebnisse.
Kurzschaftprothesen, die ebenfalls weitgehend schenkelhalserhaltend und knochensparend sind, zählen auch zu den minimalinvasiven Verfahren. Reichel, fand bei einer Vergleichsstudie der Mayo-Prothese mit einer konventionellen Prothese eine signifikant bessere postoperative Beweglichkeit sowie eine geringere Muskelinsuffizienz, sodass diese Kurzschaftprothese neben dem geringeren Knochenverlust und der dadurch vereinfachten Wechselsituation auch funktionelle Vorteile zu haben scheint. Götz von Förster, Hamburg, stellte die Ergebnisse von 750 zwischen 1999 und 2002 implantierten CFP-Prothesen vor, wobei es bisher zu keiner aseptischen Lockerung gekommen war.
Die Implantate des Kniegelenks, dem zweiten großen Gelenk der Endoprothetik, sind weniger vielfältig als die Implantate für das Hüftgelenk. Am Kniegelenk handelt es sich im Wesentlichen um die unikondyläre Schlittenprothese, die nur den von der Arthrose befallenen Gelenkanteil ersetzt.
Nach der Information über den aktuellen Stand der anatomischen beziehungsweise biomechanischen Grundlagen durch Koebke, und Wolfgang Potthast, Köln, stellte Dietmar Pierre König, Köln, die Operationstechnik und erste klinische Ergebnisse der Preservation-Knieprothese vor (Abbildung 2). Es handelt sich dabei um einen monokondylären, meist medial implantierten Schlitten, dessen Plateau sich auf der Tibiakortikalis abstützt und dadurch bessere Langzeitergebnisse liefern soll.
Gustav Bontemps, Remscheid, erläuterte unter anderem die speziellen Materialeigenschaften der AMC-Unikondylär-Schlittenprothese, die sich durch eine spezielle verschleiß- und korrosionsresistente Titanium-Nitrid-Beschichtung auszeichnet, was über einen reduzierten Reibungskoeffizient zu einem verminderten PE-Verschleiss führt.
Peter Aldinger, Tübingen, nannte zunächst die Vorteile eines monokondylären Ersatzes versus konventioneller Knie-TEP bei gegebener Indikation aus und stellte darauf aufbauend die speziellen Eigenschaften der unikondylären Oxford-Schlittenprothese vor, die ein sphärisches Femurteil und ein flaches Tibiateil mit einem mobilen Meniskus aufweist, welcher eine volle Kongruenz in allen Positionen und damit einen minimierten Abrieb bewirken soll.
Eine minimalinvasive Operationstechnik in Verbindung mit dem Miller-Galante-monokondylären Schlitten, welche neben einer minimierten Schnittlänge auf einer konventionellen Achsausrichtung ähnlich wie bei einer konventionellen Knie-TEP beruhte, demonstrierte Heinz Röttinger, München. Im Ergebnis bewirkte dieses Verfahren eine frühere Mobilisation und Vollbelastung der Patienten mit konsekutiv kürzerem Klinikaufenthalt und kürzerer Rehabilitation als bei konventioneller Implantation der Prothese.
Minimalinvasive Techniken erschweren oft aufgrund der verminderten
Exposition der knöchernen Strukturen den Überblick über die korrekte Implantation der Prothese, sodass erst mithilfe von Navigationssystemen eine ausreichende Orientierung des Operateurs möglich ist. Einen umfangreichen Überblick über den aktuellen Stand der Navigationstechnik und mögliche zukünftige Entwicklung, gab Jens Krugmann, Heimstetten, wobei besonders die Nutzung von NMR-Daten sowie die Berechnung exakter, dreidimensionaler Modelle anhand konventioneller Röntgenbilder besonders hervorzuheben war.
Am Leichenpräparat veranschaulichten Reichel und König den Zugangsweg zum Hüft- beziehungsweise Kniegelenk für den Oberflächenersatz am Hüftgelenk beziehungsweise zur minimalinvasiven Implantation eines monokondylären Schlittens. Zudem erhielten alle Workshopteilnehmer die Gelegenheit, eine Reihe von minimalinvasiven Prothesentypen am künstlichen Knie- und Hüftgelenken selbst zu implantieren.

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Peer Eysel
Klinik und Poliklinik für Orthopädie
der Universität zu Köln
Joseph-Stelzmann-Straße 9
50924 Köln

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