ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2003Versorgung des akut verwirrten alten Menschen – eine interdisziplinäre Aufgabe: Unerwähnt – Neurologische Differenzialdiagnose

MEDIZIN: Diskussion

Versorgung des akut verwirrten alten Menschen – eine interdisziplinäre Aufgabe: Unerwähnt – Neurologische Differenzialdiagnose

Dtsch Arztebl 2003; 100(49): A-3252

Faig, Jochen

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LNSLNS Ein in revidierter Fassung angenommenes Manuskript zum Thema des „akut verwirrten alten Menschen“ mit Danksagung „für wertvolle Hinweise“ an den neuropsychiatrischen Lehrer des Autors enthält keine Silbe zur wesentlichen, und leider immer noch wenig beachteten neurologischen Differenzialdiagnose des nonkonvulsiven epileptischen Status! Auch die Durchsicht der angegebenen Literatur, um einen dort versteckten Hinweis auf die zunehmende neurologische Alltagserfahrung mit akut verwirrten alten Menschen zu erhalten, war leider ergebnislos.
In unserer Klinik – in einer ländlichen Region mit im Vergleich zu Ballungsräumen niedriger stationärer Fallzahl – haben wir in den letzten 12 Monaten vier ältere Patienten mit akuter beziehungsweise rezidivierender Verwirrtheit aufgenommen, bei denen wir diese durch EEG-Diagnostik auf einen zugrunde liegenden nonkonvulsiven Status epilepticus zurückführen und auch entsprechend behandeln konnten. Die Häufigkeit solcher komplex partialen, früher so genannten psychomotorischen epileptischen Zustände bei älteren Patienten ist nicht bekannt und sicherlich unterdiagnostiziert. Dazu trägt die Vernachlässigung neurologischer Aspekte bei, die nicht nur aus den Strukturen vieler geriatrischer und internistischer Kliniken und Einrichtungen resultiert, sondern leider auch Folge der neurologische Aspekte ignorierenden Literatur ist.
Wenn es im Artikel heißt: „Entsprechend der Vielfalt möglicher Grunderkrankungen ist das Spektrum involvierter Fachgebiete sehr breit. Es reicht von der Intensivmedizin über die operativen Fächer, die Innere Medizin und Geriatrie sowie die Neuropsychiatrie bis hin zur Palliativmedizin“, dann kommt das für das gestörte Organ zuständige Fachgebiet gar nicht vor, die Analyse der Symptome des Patienten bleibt also unvollständig und die „interdisziplinäre Aufgabe“ ungelöst. Akute Verwirrtheitszustände seien lediglich „ein ätiologisch unspezifisches Zustandsbild, das als gemeinsame Endstrecke für eine Vielzahl von Noxen aufgefasst werden kann, die unmittelbar oder mittelbar eine – in der Regel diffuse – Hirnfunktionsstörung bewirken.“ Damit sind Fragen, die nur der Neurologe klären kann und die für den Patienten geklärt werden müssen, nicht berücksichtigt:
- Handelt es sich um eine „Desorganisation“ des zentralen Systems aufgrund einer bestimmten oder mehrerer auslösender Faktoren?
- Führen diese Faktoren stattdessen zu einer epileptischen „Hypersynchronisation“ in bestimmten Hirnregionen?
- Ist eine spezifisch antiepileptische Therapie einzuleiten oder sind potenziell epileptogene Medikamente zu meiden?
- Liegt ein epileptischer Zustand unabhängig von homöostatischen, extrazerebralen Faktoren vor?
Leider wird gerade in Lehrbüchern der Geriatrie die wichtige Differenzialdiagnose der akuten Verwirrtheit beziehungsweise des Delirs zu einem nonkonvulsiven Status wenig beachtet. Daher hoffe ich auf informative Stellungnahmen epileptologischer Schwerpunktkliniken und geriatrisch tätiger Neurologen.

Literatur beim Verfasser

Dr. med. Jochen Faig
Neurologische Abteilung der
Asklepios Weserbergland-Klinik
Grüne Mühle 90
37671 Höxter
E-Mail: j.faig@asklepios.com

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