ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2003Versorgung des akut verwirrten alten Menschen – eine interdisziplinäre Aufgabe: Hohe Mortalitätsrate

MEDIZIN: Diskussion

Versorgung des akut verwirrten alten Menschen – eine interdisziplinäre Aufgabe: Hohe Mortalitätsrate

Dtsch Arztebl 2003; 100(49): A-3253

Lange, Peter

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LNSLNS Der Übersichtsartikel zur akuten Verwirrtheit im Alter sei um einige konsiliarpsychiatrische Aspekte ergänzt. Verwirrtheitszustände im Krankenhaus sind nicht nur häufig, sie sind auch komplikationsträchtig, weisen eine hohe Mortalitätsrate auf und sind in vielen Fällen ursächlich behandelbar. Daher kommt der raschen Diagnose, Ursachenbeseitigung und psychiatrischen Behandlung eine große Bedeutung zu.
Oft wird zuerst das Krankenpflegepersonal auf Symptome wie Desorientiertheit und optische Halluzinationen aufmerksam. Aus der Vorgeschichte können ein vegetatives Entzugssyndrom in Verbindung mit einer entsprechenden Suchtanamnese, die genaue Medikamentenanamnese, Stürze oder eine demenzielle Entwicklung richtungsweisend sein. Bei dem Versuch, ein Alkoholentzugssyndrom mit verordneter Bierration zu bekämpfen, kommt es leider immer wieder zur Entwicklung von Delirien.
Leicht zu übersehen, aber auch leicht zu behandeln, sind die Exsikkose, zum Beispiel nach Erhöhung von Diuretika, und bei fieberhaften Zuständen. Die Indikation für CCT- und EEG-Untersuchungen sollte großzügig gestellt werden, um ein subdurales Hämatom und postiktale und komplexfokale Anfallsgeschehen nicht zu übersehen. Auf jeden Fall sollte bei Patienten mit akutem Verwirrtheitszustand auf das Auftreten neurologischer Symptome geachtet werden. Auch die Differenzialdiagnose der akuten Belastungsreaktion kann im Alter, beispielsweise nach Verlusterlebnissen, eine Rolle spielen.
Unter den delirogenen Medikamenten sind neben anticholinerg wirksamen Substanzen wie den älteren Antidepressiva vor allem Opiate, häufig zum Beispiel bei Dosissteigerung eines Fentanylpflasters, Antibiotika und Parkinsonmittel zu nennen. Bei vorbestehender Lithiumbehandlung muss unbedingt und rasch mittels Serumspiegel die gefährliche Intoxikation ausgeschlossen werden.
Neben der ursächlichen muss in den meisten Fällen auch eine symptomatische Behandlung des akuten Verwirrtheitszustandes eingeleitet werden – Entzugsdelir, Weglaufen, Sturz und Fremdaggressivität müssen wenn möglich rechtzeitig verhindert werden. Auf klassische hochpotente Antipsychotika wird besser verzichtet, um die Symptomatik nicht zusätzlich durch Nebenwirkungen zu verschleiern; atypische Antipsychotika wie Risperidon, niederpotente Butyrophenone wie Melperon und Benzodiazepin-Anxiolytika wie Lorazepam sind zu bevorzugen. Verwirrtheitszustände durch Parkinsonmedikamente können, falls keine weitere Dosisreduktion möglich ist, mit Clozapin oder Quetiapin (keine Zulassung) behandelt werden. Wenn trotzdem unterbringungsähnliche Maßnahmen wie Bettgitter oder Fixierung zum Schutz des Patienten erforderlich werden, sollte umgehend eine vorübergehende Betreuung beim Vormundschaftsgericht beantragt werden.

Dr. med. Peter Lange
Pettenkoferstraße 10
83022 Rosenheim

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