ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2003Arztgeschichten: Schlimmer Bauch

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Arztgeschichten: Schlimmer Bauch

Dtsch Arztebl 2003; 100(49): A-3256 / B-2709 / C-2532

Evers, Horst

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Die Geschichte „Schlimmer Bauch“ von Horst Evers ist in dem Buch „Die Welt ist nicht immer Freitag“ (Eichborn, Frankfurt/Main, 2002, 143 Seiten, 12,95 F) erschienen. Horst Evers, geboren 1967 in Evershorst/Niedersachsen, lebt als freier Autor und Kabarettist in Berlin, wo er regelmäßig seine skurrilen Geschichten „aus dem Leben eines liebenswerten Chaoten“ vorträgt.

Mitten in der Nacht geht’s los. Bauchschmerzen. Ich denke: „Oh, grimmes Weh, durchwehst die Eingeweide grausam greulich, zeigst garstig abscheulich dein fäulig Antlitz, färbst bläulich gräulich mein Haupt, und ich denk, da heul ich am besten gleich los.“ Ich versuche Schmerz meistens mit Lyrik zu bekämpfen. Da das nicht klappt, beschließe ich, dann eben zu jammern. Aber möglichst würdevoll. Nicht so mimosenhaft, kleinkindmäßig, sondern mehr: jammern wie ein Mann. „Oha, oha, oha, Jungejungejunge, das ist gar nicht gut.“ Das funktioniert allerdings auch nicht. Mit letzter Kraft wähle ich Bovs Nummer. „Ja?“
„Hallo Bov, hier ist Horst. Bov, ich bin sehr krank, oh, oh, auha, auha.“
„Was? Sag mal, weißt du, wie spät das ist?“ „Bov, ich sagte, oh, oh, auha, auha.“ „Es ist halb vier Uhr morgens!“ „Halb vier, eine gute Zeit zum Sterben.“ „Ach so, ist das alles?“
„Nein, du musst kommen und mich gesund pflegen.“ „Ich werde nicht kommen.“
„Es ist doch nur zu deinem Besten. Wenn ich morgen früh aufwache und tot bin, machst du dir sonst Vorwürfe.“
„Nein, Horst, ich tu’s nur für dich. Wenn ich mitten in der Nacht zu dir käme und feststellen würde, dass du gar nicht im Sterben liegst, müsste ich dich nämlich leider dafür erschlagen.“
Er legt auf. Dieser gefühllose Unmensch. Das wird er mir büßen. Ich lösche seine Nummer aus meinem Festnummernspeicher am Telefon. Das wird ihm eine Lehre sein. Dann rufe ich neun andere Freunde an, damit sie kommen und mich pflegen. Nach dieser Aktion ist mein Festnummernspeicher komplett leer gelöscht, und ich habe zehn Freunde weniger. Na ja, so ist wenigstens wieder Platz für neue Freunde, oder für die Nummern von Ärzten.
Mittlerweile ist es acht Uhr. Ich könnte nochmal Bov anrufen, und, wenn er rangeht, nix sagen und auch nicht atmen. Dann denkt er, ich sei schon tot und macht sich Vorwürfe. Der Gedanke gefällt mir, aber blöderweise kann ich seine Telefonnummer nicht finden. Vielleicht mal ins ARD-Morgenmagazin gucken, ob die was über meine Krankheit bringen. Vielleicht ist ja grad wieder Epidemie, ’n Virus, Ebola oder so. Na, das war was, dann hätt ich doch wenigstens Gewissheit. Im Morgenmagazin kommt nix über meinen Virus. Das heißt, sie wollen es wohl noch geheim halten, damit keine Panik ausbricht. Oder ich bin der erste Infizierte. Quasi der Erfinder eines ganz neuen Virenstamms. Der Horst-Ebola-Virus – klingt nicht schlecht. Freunde nennen ihn einfach Hotten-Ebo. Das würde mir gefallen. Ich muss gleich zur Ärztin, damit die das diagnostiziert und mir nicht noch ein anderer zuvorkommt und den ganzen Ruhm wegschnappt. Im Wartezimmer der Ärztin ist es sehr voll. Trotzdem nimmt sie mich sofort dran, denn ich bin ein Notfall. Die anderen Patienten gucken neidisch, als ich mich an ihnen vorbeischleppe. Damit sie nicht sauer werden, sage ich ständig: „Auauauau“ und rufe laut: „Ich bin ein Notfall! Notfall!“
Das beeindruckt sie schon. Die Ärztin betastet meinen Bauch und fragt, ob’s weh tut. Ich will kein Risiko eingehen und schreie vorsichtshalber bei jeder Berührung. Ich mache meine Sache sehr gut, denn nach jedem lauten Schrei hört man ein Raunen aus dem Wartezimmer. Schließlich kommt die Ärztin zur niederschmetternden Diagnose.
„Tja, Sie hamm sich ’nen Virus eingefangen. Magen-Darm-Grippe.“
„Wie Magen-Darm-Grippe? Was soll das heißen?“ „Das heißt, dass ich mit Ihnen als Patienten den Nobelpreis sicher nicht gewinnen werde. Gehn Sie nach Hause, legen Sie sich ins Bett, trinken Sie Kamillentee, dann ist das in zwei Tagen wieder gut.“ „Das ist alles?“
„Beinahe. Ihre Schmerzensschreie . . . – als ich Ihnen die Stirn gefühlt habe, wegen Fieber, der Schrei war etwas zuviel.“
Ich bin enttäuscht. Vielleicht sollte ich noch einen Spezialisten hinzuziehen. Einen aus Amerika. Gehe ins Reisebüro. Erkundige mich nach Flügen in die USA. Die Reisebürofrau meint, sie glaubt nicht, dass meine Krankenkasse Direktflüge zu Magen-Darm-Grippe-Spezialisten in den Staaten zahlt. Verdammte Gesundheitsreform. Na ja, kann man nix machen. Wo ich schon mal da bin, lasse ich sie auch noch gleich einen Blick auf meinen Bauch werfen. Sie denkt auch, das sieht aus wie ’ne Magen-Darm-Infektion. Na ja, dann is ja vielleicht doch was dran. Den Rest des Tages verbring ich mit depressiven Schüben und Bauchschmerzen. Diese Schmerzen jedoch werden nicht weniger. Im Gegenteil, am nächsten Tag sind sie schlimmer denn je.
Ich gehe erneut zur Ärztin, aber diesmal muss ich zwei Stunden warten. Eine Grippe ist kein Notfall. So schnell geht das mit dem sozialen Abstieg in Deutschland. Sie betastet wieder meinen Bauch, und ich spüre einen Schmerz, wie ich ihn bislang noch nicht kannte. Sie runzelt die Stirn.
„Tja, vielleicht doch der Blinddarm, der muss raus.“ „Wie raus?“
„Sie müssen ins Krankenhaus. Operation, noch heute.“ „Operation? Die schneiden mir den Bauch auf und nehmen mir Sachen da weg?“ „So sieht’s aus.“
Welche Freude! Ich hätte ihr um den Hals fallen und sie knutschen können. Horst Evers
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