ArchivDeutsches Ärzteblatt7/1996Ärzteprozesse: Sammelaktionen braucht es nicht
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LNSLNS Im Deutschen Ärzteblatt warb Prof. Dörner um Spenden zur Ermöglichung einer Publikation der Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses. Das Vorhaben ist gewiß begrüßenswert. Man fragt sich aber, warum es dazu besonderer Vorleistungen bedarf. Üblicherweise bereiten Verlage eine Publikation vor, kalkulieren ihre Kosten und holen sie über den Buchhandelspreis herein. Die vielen Titel, die zu dem speziellen Gebiet bereits vorliegen, zeigen, daß sich der verlegerische Einsatz lohnt. Große Sammelaktionen braucht es da nicht.
Noch etwas aber macht uns dem Spendenaufruf Dörners gegenüber reserviert: In der Mitgliederversammlung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenheilkunde (DGPN) 1982 bemühte sich einer der Unterzeichneten, die Kollegen zur Stellungnahme gegen damals aktuelle Verbrechen zu bewegen. In verschiedenen nationalen Fachgesellschaften liefen Bemühungen, die des Mißbrauchs der Psychiatrie gegen Dissidenten angeklagte sowjetische Fachgesellschaft aus dem Weltverband für Psychiatrie auszuschließen. Langjährige Ermahnungen hatten nichts gefruchtet.
Gegen die Forderung wandte sich in der Versammlung nachdrücklich Prof. Dörner. Er meinte, auch in NaziDeutschland hätten bestehengebliebene Verbindungen mit dem Ausland in der Psychiatrie "Schlimmeres verhindert" (Rundbrief 1/83 der DVpMP) – was einmal die absurde Deutung zuließ, das hier Geschehene sei gar nicht so schlimm gewesen, zum anderen aber die jetzt aktuellen Verbrechen in der Sowjetunion stützte. Zum Glück geriet Dörners Auffassung im Weltverband für Psychiatrie in der Folge so in die Minderheit, daß die beklagte Fachgesellschaft Anfang 1983 aus der psychiatrischen Weltgemeinschaft auszog und die Ethik des Fachs einen seltenen Erfolg errang. Wer ethische Themen behandelt, dem steht Einseitigkeit nicht an.
Deutsche Vereinigung gegen politischen Mißbrauch der Psychiatrie – Walter-von-Baeyer-Gesellschaft e.V. (DVpMP), Prof. Dr. med. Klemens Dieckhöfer, Dr. med. Friedrich Weinberger, Josef-Wirth-Weg 16, 80939 München
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